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Vera Hewener
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Wo die Liebe hinfällt

Wo die Liebe hinfällt – die Paarbeziehung als gesellschaftliche Wertschöpfung

© Vera Hewener

Einleitung

Mein Thema heißt: Wo die Liebe hinfällt. Die Liebe kann an einem Ort des Lebens plötzlich oder erwartet hinfallen, zerstört werden, gewaltsam oder unabsichtlich. Sie kann aber auch unvorhergesehen eintreffen und völlig unangemessen sein. Zum Thema Liebesverlust zur Einführung des Vortrages das Gedicht eines ungarischen Schriftstellers, der während der kommunistischen Herrschaft in Ungarn inhaftiert war. Das Gedicht beschreibt den gewaltsamen Verlust der Liebesfähigkeit, das mit Gewalt ausgelöschte Feuer der Sehnsucht, jener Sehnsucht, die durch ein Lächeln unerwartet wieder hervorgerufen wird. Béla Bayer lebt heute im Saarland.

(Das Gedicht Wiederauferstehung ist nachzulesen in: Opalkugel der Liebe. Liebesgedichte. Béla Bayer. Stuttgart, Rara Avis Publishing, 2000, 34 S. ISBN: 96300 4568 0.

Dieses Gedicht ist nur ein Beispiel von vielen, denn was ist über die Liebe nicht schon alles geschrieben worden. Bibliotheken sind voll von Liebesromanen, Gedichtbänden, Novellen und Kurzgeschichten. Seit Beginn der Menschheitsgeschichte kennen wir sie, die Romeos und Julias, Menschen, die aufgrund gesellschaftlicher Vorgaben nicht zueinander finden durften, Menschen, die sich über alle Konventionen hinwegsetzten und ihrer Neigung folgten. Jüngstes Beispiel in Adelskreisen dafür ist die Hochzeit von Dänemarks Kronprinz Haakon mit Mette-Marit. Schlagzeilen wie „Traumhochzeit der Party-Prinzessin“ oder „Zukünftiger König der Wickinger heiratet ledige Mutter“ zeigen uns auch heute deut-lich, dass die Partnerwahl für andere von Inte-resse ist, erst recht, wenn es sich um Prominente der Zeitgeschichte handelt. Und gäbe es sie nicht, die Liebesgeschichten, Affären oder die amour fou, man müsste sie erfinden.

Denn was ist schöner, romantischer und anrührender als die Story von Aschenputtel, von Dornröschen, von der Verstoßenen, Gefangenen, Zurückgesetzten, Unbeachteten, die von einem Prinz entführt und in sein Schloss gebracht wird. Dieses Traumbild, dass Liebe etwas sei, das Menschen wie ein Blitz durchfährt und von einer Sekunde zur anderen zwei Menschen miteinander verbindet. Und weil diese Wunschvorstellung so schön ist, muss diese Verbindung auch ewig dauern. Es gibt keine Krisen und keine Streitereien, die Seelenschwingungen sind immer gleichförmig und versprechen ewiges Glück.


Gesellschaftliche Bedeutung der zwischenmenschlichen Beziehung
Was bedeutet jedoch die zwischenmenschliche Beziehung für einen selbst und was hat die Gesellschaft davon, wenn zwei Menschen beschließen, ihr Leben zukünftig gemeinsam zu verbringen. Zur Ich-Du-Beziehung haben sich viele Philosophen geäußert. Stellvertretend für die vielen Richtungen nenne ich hier Martin Buber. Für ihn ist die Beziehungsaufnahme zu einer anderen Person die Geburt des Ich. In „Elemente des Zwischenmenschlichen schreibt er 1953: „Der Mensch wird durch die Begegnung mit dem Du zum Ich... Die Entwicklung des Menschen hängt unauflösbar zusammen mit der des Verlangens nach dem Du, mit den Erfüllungen und Enttäuschungen dieses Verlangens.“ Viel früher schrieb er dazu in „Ich und Du“ 1923: „ Das Grundwort „Ich-Du“ kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden. Die Einsammlung und Verschmelzung zum ganzen Menschen kann nie durch mich, kann nie ohne mich geschehen. Ich werde am Du. Ich werdend spreche ich Du.“ Zur Besonderheit der Begegnung zweier Personen ergründete er in „Das Problem des Menschen“ 1943: „Wir mögen der Antwort auf die Frage, was der Mensch sei, näher kommen, wenn wir ihn als das Wesen verstehen lernen, in dessen Dialogik, in dessen gegenseitig präsentem Zu-zweien-Sein sich die Begegnung des einen mit dem anderen jeweils verwirklicht und erkennt.“ Das bedeutet, die Gegenseitigkeit, die sowohl Zweisamkeit als auch Eigenständigkeit zulässt, die Hinwendung zum Du, zu seinem Partner, ermöglicht erst eine eigene Ich-Identität und ist die Grundvoraussetzung jeder zwischenmenschlichen Beziehung.

Beziehungsaufnahme
Die Entwicklungspsychologie beschreibt den Entdeckungsprozess, eine eigene Person zu sein, in der visuellen Kontaktaufnahme des Säuglings mit seiner Umwelt, als das erste bewusste Lächeln, später dann im Lernprozess des Kleinkinds, Nein sagen zu können und zu dürfen, die bewusste Unterscheidung zwischen mir und dir. Im Erwachsenenalter steht das Knüpfen von Beziehungen zwischen Mann und Frau unter sexuellen Vorzeichen und hierfür gab es in der Vergangenheit oftmals strenge gesellschaftliche und religiöse Regeln. Die Partnerwahl folgte den Sitten und Gebräuchen der jeweiligen Zeit und auch das Verhältnis der Ehegatten untereinander war vorgegeben.

Die Ehe als Rechtsinstitut
Die Ehe als Institution war jedoch nicht immer ein selbständiges Rechtsinstitut. Bei den Germanen war die Ehe ein weltliches Lebensverhältnis. Zwischen Mann und Frau herrschte die „Muntgewalt“, „munt“ bedeutete Schutzhand. Der Mann vertrat die Frau gegenüber Dritten und hatte auch schon zu dieser Zeit uneingeschränkte Gewalt über die Angehörigen seines Hauses.

Die Ehe als Schöpfungsvollzug
Religionen sahen und sehen in der Ehe den Vollzug des Schöpfungsauftrages. Im Judentum gehört zum Menschsein Mann und Frau. Ohne sein geschlechtliches Gegenstück ist der Mensch eigentlich kein Mensch. Die Ehe ist ein heiliger Akt ebenso wie die Sexualität. Die Partnerwahl wird im orthodoxen Judentum über eine Heiratsvermittlung, dem „Schadchen“ getroffen. Wer zu wem gehört ist nicht der Neigung überlassen.

Im Talmud heißt es:
„Unsere Meister lehren: Immerdar verkaufe ein Mensch alles, was er hat, und heirate die Tochter eines Gelehrten. Findet er nicht die Tochter eines Gelehrten, so heirate er die Tochter eines Großen seiner Zeit. Findet er nicht die Tochter eines Großen seiner Zeit, so heirate er die Tochter eines Synagogenvorstehers. Findet er nicht die Tochter eines Synagogenvorstehers, so heirate er die Tochter eines Almoseneinnehmers. Findet er nicht die Tochter eines Almoseneinnehmers, so heirate er die Tochter eines Kleinkinderlehrers.“ (S. 489)

Auch heute noch wird empfohlen, sorgfältig darüber nachzudenken, ob Mann und Frau körperlich, dem Gefühlsleben nach, hinsichtlich der Herkunft und der Weltanschauung zueinander passen. Leo Trepp schreibt in seinem Buch „Das Judentum“ noch 1998 dazu: „Junge Leute tun darum auch heute noch klug daran, auf den Rat ihrer Eltern und des Rabbiners zu hören, bevor sie den heiligen Bund der Ehe eingehen.“

Die jüdische Hochzeitszeremonie
Die jüdische Hochzeitszeremonie heißt Kidduschin und bedeutet Heiligung. Die Brautleute stehen dabei unter einem Hochzeitsbaldachin, der Chuppa. Sowohl nach dem Segensspruch als auch nach der Unterzeichnung der Heiratsverträge trinken beide jeweils aus dem gleichen Glas Wein. Zum Schluss der Trauung wird ein Glas zerbrochen. Dies soll an die Zerbrechlichkeit der Liebe erinnern und beiden bewusst machen, sich gegenseitig mit zarter Rücksicht zu behandeln. Obwohl die Eheschließung die Heiligung des Lebens darstellt, kennt das Judentum seit altersher die Scheidung.

Die christliche Trauung
Auch das Christentum sieht in der Heirat den Vollzug der Schöpfung, sie ist ein heiliges Sakrament. Anders als im Judentum jedoch ist die Ehe unauflöslich. „Was Gott verbindet, soll der Mensch nicht trennen“, spricht der Priester bei der Trauungszeremonie. Die katholische Kirche nahm ebenfalls für sich in Anspruch, die Verantwortung über den Abschluss der Ehe zu haben. Schon frühzeitig versuchte sie, Einfluss zu nehmen auf die Partnerwahl und das Eheleben. Im frühen Mittelalter wurden die jungen Mädchen noch im Kindesalter an andere Familien vergeben, um die Besitztümer zusammenzuhalten. Die Familien bestimmten das Heiratsschicksal der Kinder. Dies galt jedoch nur für die besitzende Gesellschaftsschicht. Mit dem Verbot der Verwandtenehe durch die Kirche wurden auch die Besitztümer aufgespalten, die Familien verloren an Macht. Einige Historiker sind davon überzeugt, dass es der Kirche hier zunächst nur darum ging, Zugang zu den Besitztümern zu erlangen. So konnte man das ewige Heil erkaufen, in dem ein Erblasser Sündennacherlass erhielt, wenn er einen Teil seines weltlichen Besitzes der Kirche übertrug. Im Mittelalter entstand ein umfassendes kirchliches Recht, das die Grundidee der prinzipiellen Unauflöslichkeit der Ehe vertrat. Das Konkubinat, die wilde Ehe besitzloser Bevölkerungsgruppen, wurde verboten, das Zölibat für Priester und das sog. Konsensprinzip wurden eingeführt. Von nun an mussten beide Ehepartner in die Ehe einwilligen.

Gesellschaftliche Reglementierungen
Die Ehe war im Mittelalter nicht die mehrheitliche Lebensform. Das Recht zur Heirat war an Besitzstand und Vermögen gebunden, um die Ausbreitung besitzloser Schichten zu vermeiden. So gehörten rund zwei Drittel der städtischen Bevölkerung im 15. und 16. Jahrhundert der armen Unterschicht an. In Freiburg im Breisgau lag die Zahl der bedürftigen Frauen im Jahr 1574 bei etwa 83% (Wehler 1987, S. 52 ff). Die Hälfte davon war alleinstehend und sorgte für ihre Kinder allein. Die vaterlose Familie war in der städtischen Unterschicht die vorherrschende Lebensform.

Die Fehleinschätzung der Großfamilie
Der größte Teil der Bevölkerung lebte in Armut und Krankheit und hatte eine geringe Lebenserwartung. Die Großfamilie als ein Idyll, in dem mehrere Generationen der Familie unter einem Dach in Harmonie zusammenlebten, ist eine Verklärung und entspricht nicht der damaligen Realität. Die Fehleinschätzung der Großfamilie beruht auch darauf, dass laut den Kirchenbüchern 8-12 Geburten keine Seltenheit waren. Was jedoch häufig übersehen wird, ist die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit. Höchstens 4 Kinder erreichten das Erwachsenenalter (Mit-terauer 1977). Der Altersunterschied zwischen den Kindern war daher viel größer als heute. Häufig lebte bei der Geburt des jüngsten Kindes das älteste nicht mehr im Haus. Hinzu kam, dass viele Frauen im Wochenbett starben. Der Mann musste zur Versorgung der Familie neu heiraten.

Heiratsfähigkeit für alle
Das „Gesetz über die Aufhebung der polizeilichen Beschränkung auf Eheschließung“ 1871 änderte jedoch nicht die Lebensbedingungen. Ein großer Teil der Arbeiterschaft war trotzdem nicht in der Lage, zu heiraten und eine Familie zu ernähren. Mitte des 19. Jahrhunderts waren in Wien nur etwa 10% der Arbeiter im holzverarbeitenden Gewerbe und der Lebensmittelbranche, nur 14% der Arbeiter der Bekleidungsindustrie und 16% der Metallarbeiter verheiratet.

Die Ehe als gesellschaftliches Instrument
Durch den stärker werdenden Staat wurde der Einfluss der Kirche zurückgedrängt. Mit der Institutionalisierung der Ehe im 19. Jahrhundert lag das Verhältnis der Ehegatten nicht mehr in ihrer Verfügungsgewalt. Vielmehr galten nun mit der Eheschließung die Gesetze der Ehe, die jeder befolgen musste. Die Ehe sollte eine „vom Willen der Gatten unabhängige, sittliche und rechtliche Ordnung“ sein (Mugdan 1899, S. 301). Die Ehe und Familie als Keimzelle von Staat und Gesellschaft war geboren und sollte die konservative Ordnung in der Gesellschaft garantieren und durchsetzen.
Die patriarchalische Familienstruktur garantierte dem Mann die Verwaltung und Nutznießung des Vermögens der Frau. Er war der Inhaber der elterlichen Gewalt. Die Frau war beschränkt geschäftsfähig und übte nur die tatsächliche Personensorge aus. Die Funktionszuweisung der Hausfrauen- und Mutterrolle hielt diese Gesellschaftsordnung aufrecht.

Durch die Individualisierung, dem Übergang in die moderne europäische Gesellschaft, der Freisetzung des einzelnen Menschen aus lokalen, familiären, ständischen oder religiösen Bindungen, wurden die Menschen und die Paare von der Bevormundung befreit. Die Entscheidung über den Heiratspartner lag nun bei den Brautleuten. Dennoch gab es einen Lebensstil, den die meisten befolgten. Nach Abschluss der Ausbildung und Eingliederung ins Berufsleben wurde etwa mit Mitte Zwanzig geheiratet, gründete man einen eigenen Haushalt und bekam kurz hintereinander zwei, drei oder mehr Kinder. War die Ehe im Mittelalter noch eine kirchlich abgesegnete häusliche Gemeinschaft mit Wirtschafts-, Schutz- und Versorgungsfunktionen, wurde die bürgerliche Ehe nun zum Lebenszweck und diente der Sinnerfüllung. Die Ehe wurde aus Liebe geschlossen.

Die juristische Gleichstellung von Mann und Frau
Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Frau nach und nach juristisch gleichgestellt. Tatsächlich erfolgt dies jedoch erst vor 25 Jahren und zwar 1977 mit dem ersten Ehereformgesetz. Frauen können seither selbst bestimmen, ob sie nach der Eheschließung weiterhin berufstätig sein wollen. Bis zu diesem Zeitpunkt entschied dies der Ehemann. Mit der Partnerwahl wurde daher auch die soziale Position der Frau festgelegt. Sie geriet in eine soziale Abhängigkeit und war vom Wohlwollen des Gatten abhängig. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf musste jedoch, wenn die Frau nach der Eheschließung weiterhin berufstätig sein wollte, von der Frau sichergestellt werden. Als gesellschaftliche Aufgabe wurde dies für die alte Bundesrepublik erstmals durch Artikel 31 Abs. 1 und 2 des Einigungsvertrages formuliert, also vor gerade mal elf Jahren. Heute klingen Begriffe wie Schlüsselgewalt oder eheliche Pflicht für junge Paare eher wie ein schlechtes Märchen. Geändert hat sich auch die juristische Einordnung der Sexualität. Vergewaltigung in der Ehe ist heute strafbar.

Bedeutungswandel der Ehe
Die juristische Gleichstellung von Mann und Frau wirkte sich auch auf das Verhältnis der Ehepartner zueinander aus, die sogenannte Binnenstruktur der Ehe. Die Vormachtstellung des Mannes ist einer partnerschaftlichen Eheführung gewichen. Hinzu kommt ein fundamentaler Wandel in der Sexualität. Mit der Entwicklung der hormonellen Empfängnisverhütung diente die Sexualität nicht mehr nur der Fortpflanzung. Sie wandelte sich zu einem sozialen und kommunikativen Miteinander, zu einer „sozialen Sexualität“ (Mitterauer 1989). Erstmals in der Menschheitsgeschichte ist es möglich, sich bewusst gegen ein Kind zu entscheiden. Dies bedeutet gleichzeitig, dass die bewusste und verantwortbare Elternschaft als Herausforderung erlebt wird und auch vor der Kosten-Nutzen-Rechnung der sog. globalisierten Welt nicht verschont bleibt.

Paarbildung als kokreativer Prozess
Die Vorerfahrungen jedoch, die ein Paar heute mitbringt, sind häufig andere. Weder haben die meisten ein partnerschaftliches Miteinander der Eltern, noch eine soziale Sexualität, noch die bewusste Elternschaft in der Herkunftsfamilie als Vorbild erlebt. Paare müssen einen gemeinsamen Weg finden, müssen ihre Ausdrucks- und Gestaltungsformen des Miteinander erst entwickeln lernen. Paarwerden ist heute ein kokreativer Prozess, der leider zunehmend häufiger scheitert. Der Anspruch auf Glück und Erfüllung aller emotionalen Bedürfnisse, wie zum Beispiel die Sehnsucht, vom anderen ganz in seinem Wesen verstanden und akzeptiert zu werden, die Liebe in ihrer allumfassenden Wirklichkeit zu erleben, gleichsam eines immer währenden, immer wiederkehrenden Bedürfnisses nach Verschmelzung, nach der Einung der entzweiten Seele, der Entzweckung der Gefühle, führt zu bitteren, aber auch heilsamen Erfahrungen.


Zunahme der Scheidungsziffern
Mit der Änderung des Scheidungsrechts vom Schuld- zum Zerrüttungsprinzip und der Entwicklung der hormonellen Empfängnisverhütung änderten sich auch die Voraussetzungen zur Aufrechterhaltung einer nicht glücklichen Ehe. Die Scheidungsziffern stiegen stetig an. Ehen, die 1960 im Saarland geschlossen wurden, hatten nach 10 Jahren eine Scheidungsquote von 3,7%, die 1970 geschlossenen Ehen wiesen bereits eine Verdopplung der Scheidungsziffern nach 10 Jahren auf. Der Ehejahrgang 1980 hatte nach 10 Jahren eine Scheidungsquote von 18,1% und von den Ehen, die heute vor 10 Jahre geschlossen wurden, sind bereits zu 22,9% geschieden. Vergleicht man die Scheidungsziffern bezogen auf 10.000 Einwohner stieg sie 1991 von 24,4 auf 28,5 im Jahr 2000. Im Saarland wurden im vergangenen Jahr 3066 Ehen geschieden, 1991 waren es noch 2620. Dies bedeutet eine Erhöhung um 17%. Das heißt im vergangenen Jahr ließen sich 17% mehr Ehepartner scheiden als noch vor 10 Jahren. Vergleicht man die einzelnen Landkreise im Saarland, hat die niedrigste Ziffer bezogen auf 10000 Einwohner der Landkreis Merzig-Wadern mit 23,2, die höchste der Saarpfalz-Kreis mit 30,8. Saarbrücken liegt mit 29,5 über dem Durchschnitt.

Scheidungshäufigkeit und Ehen mit Aussicht auf Erfolg
Die Scheidungshäufigkeit ist in der Altersgruppe der 35-40jährigen am Höchsten. Bezogen auf alle Scheidungen beträgt ihr Anteil 49%. Sieht man nach der Ehedauer, finden die meisten Scheidungen zwischen dem 6. und 10. Ehejahr statt. Sie betragen prozentual betrachtet am Gesamtvolumen der Scheidungen im Jahr 2000 54,4%. In den ersten fünf Jahren wurden 44,3% aller Scheidungen vollzogen (Quelle: Statistisches Landesamt des Saarlandes A II s-j 200). Das bedeutet, Ehen, die länger als 10 Jahre dauern, haben Aussicht auf Erfolg. Zieht man die Scheidungsquote nach 10 Jahren Ehedauer von 22,9% als Vergleichswert hinzu, bedeutet dies, dass von den Ehen, die länger als 10 Jahre dauern, nur noch 10% geschieden werden, geht man von einer allgemeinen Scheidungsquote von 30% aus. Nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung wurden 1998 jedoch 36,2% der Ehen bis zu einer Ehedauer von 25 Jahren geschieden, wobei die Quote in Westdeutschland bei 37,9% und in Ostdeutschland bei 29,4%. Soviel zur Scheidungshäufigkeit. Was bedeutet dies jedoch für die Gesellschaft. Wie leben die Menschen heute in Deutschland und wie wirkt sich dies insgesamt aus?

Aktuelle Lebensformen in Deutschland

Von den 3066 im Saarland geschiedenen Ehen hatten 45,2% Kinder. Insgesamt waren bei 1692 Scheidungen 2573 Kinder betroffen, davon bei 982 Scheidungen jeweils 1 Kind, bei 569 jeweils 2 Kinder, bei 114 jeweils 3 Kinder, bei 24 jeweils 4 Kinder, in achtzehn Fällen mehr als 5 Kinder (Quelle: Statistisches Landesamt des Saarlandes A II s-j 200). Bundesweit waren 1998 insgesamt 159298 Kinder von Scheidungen betroffen. Dieser Trend ist trotz steigender Scheidungsraten leicht rückläufig. Er geht auf die sinkende Geburtenrate zurück. Bedeuten diese Zahlen nun, dass Lebens- und Haushaltsgemeinschaften ein Auslaufmodell sind? Gibt es nur noch Singles und was wird aus unserem Sozialsystem, wenn es keine Kinder mehr gibt? Was erwirtschaften Familien und wie hoch ist die gesellschaftliche Wertschöpfung eigentlich?

Haushaltsgemeinschaften
Im Mai 2000 gab es laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes in Westdeutschland 31 Millionen Haushalte. Davon lebten 11,3 Millionen allein. Im Vergleich zu 1957 hat sich die Zahl verdreifacht. Bezogen auf Deutschland insgesamt lebten von 38 Millionen Haushalten 13,7 in Einpersonenhaushalten, entspricht 36%, in Zweipersonenhaushalten lebten 33%, entspricht 17% bzw. 31% der Bevölkerung. Das bedeutet aber auch, 64% der Bevölkerung insgesamt lebten in einer Haushaltsgemeinschaft. Die Zunahme der Einpersonenhaushalte ist auf die steigende Zahl derjenigen Einpersonenhaushalte zurückzuführen, in denen Personen im Alter von 25 bis unter 45 Jahre leben. Ihre Zahl hat sich seit 1961 mehr als verfünffacht. Sie beträgt 32%. Entsprechend dem Familienstand dieser Altersgruppe veränderte sich auch der Anteil der Ledigen an den Einpersonenhaushalten. Er stieg um 8% auf 46%. Auch die Zahl der Verwitweten änderte sich durch die Veränderung der Lebenserwartung. Ihre Zahl fiel von 47% auf 34%. Das bedeutet fast die Hälfte der Alleinlebenden sind Singles.

Familienstruktur
Im Mai 2000 lebten 22,4 (Tsd) Familien in Deutschland, davon 44% Ehepaare mit Kindern, 43% Ehepaare ohne Kinder und 13% Alleinerziehende. Somit ist der Anteil der kinderlosen Ehepaare von 1957 bis 2000 von 29% auf 43% gestiegen. 2,8 Millionen Kinder lebten nur bei einem Elternteil, davon 85% bei der Mutter. Auch die Zahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften hat sich verändert. Seit 1991 hat sich ihre Zahl verdoppelt ( 52% ). Die Zahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit Kindern stieg von 25.000 im Jahr 1972 auf 371.000 im Mai 2000. Dennoch lebten in vier von fünf Haushalten keine Kinder, wobei es zwischen West- und Ostdeutschland gravierende Unterschiede gibt. Die durchschnittliche Kinderzahl bei nichtehelichen Lebensgemeinschaften lag im Westen bei 1,4 Kindern, bei Ehepaaren bei 1,8. Im Osten lebten in fast jeder zweiten nichtehelichen Haushaltsgemeinschaft Kinder. Lt. dem 5. Familienbericht werden in Ostdeutschland fast die Hälfte der Kinder nichtehelich geboren.

Bildungsindikator
Nach den Daten der Sonderauswertung des Mikrozensus von 1998 der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz in Deutschland wird zudem deutlich, dass die Personengruppe der mittleren Bildungsschicht die größte Neigung zu Kindern hat. 46% der Ehepaare mit mittlerem Bildungsabschluss hatten Kinder. Die Gruppe mit hoher Bildung stellte den größten Anteil der Alleinlebenden mit 27% (Ta. 1.3.4).

Stadt-Land-Gefälle
Bei der regionalen Verteilung trat das Stadt-Land-Gefälle deutlich hervor. In kleineren Gemeinden unter 10.000 Einwohnern lebten 43% mit Partner und Kind, in Kommunen zwischen 10.000 und 100.000 Einwohner waren es noch 37% und in Städten mit einer Einwohnerzahl über 100.000 betrug die Quote nur noch 29%. Kinderlos mit Partner lebten in den kleineren Gemeinden 19%, in den mittleren Gemeinden und Städten 22% und in den Großstädten 31%. Das bedeutet, dass gut Zwei Drittel der Haushalte in Großstädten keine Kinder mehr haben, ein Drittel davon ist alleinlebend (Tab. 1.3.5). Die Größe des Wohnortes hemmt die Paarbildung und wirkt sich auf den Kinderwunsch negativ aus. In Großstädten sind Kinder unterrepräsentiert.

Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften
Der Anteil gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften betrug 1998 insgesamt 0,5%, wovon 56% beide männlich und 44% beide weiblich waren. In 17% aller gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften lebten Kinder, differenziert nach Geschlecht lebten in schwu-len Lebensgemeinschaften in etwa jeder neun-ten und in lesbischen in jeder fünften Paarbeziehung Kinder.

Volkswirtschaftliche Größenordnung der Familienarbeit
Zur Frage der gesellschaftlichen Wertschöpfung bezogen auf das volkswirtschaftliche Arbeitsvermögen gibt der 5. Familienbericht ebenfalls Antworten. Als ich vor über einem Jahrzehnt den ersten Gesundheitstag für Frauen im Landkreis Saarlouis organisierte, fanden sich hierzu noch keine Daten. Familien erwirtschaften durch ihre Leistung zur Bildung des sog. Human- oder Arbeitsvermögens durch die Versorgung, Pflege und Erziehung der Kinder jährlich eine volkswirtschaftliche Größenord-nung von 15 Billionen DM. Demgegenüber steht das reproduzierbare Sachvermögen mit 6,9 Billionen.

Schlussbemerkungen
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass immer mehr Paare unverheiratet zusammenleben, dass immer mehr Kinder nichtehelich geboren werden, dass in Großstädten der Lebensstil Alleinlebender mit hoher Bildung dominiert und dort immer weniger Kinder anzutreffen sind. Die sog. Normalfamilie findet sich vorwiegend in kleineren Gemeinden unter 10.000 Einwohnern. Ehepaare mit mittlerer Bildung haben am häufigsten Kinder.

Erwartungen und Realität
Bei der Einschätzung der Bedeutung der Paarbeziehung und der Familie ist in Untersuchungen trotz dieser Ausgangslage dennoch weiterhin eine hohe Wertepräferenz nachgewiesen worden. Es handelt sich daher trotz hoher Scheidungsraten weniger um eine Wert- oder Sinnkrise der Familie, als vielmehr um einen gestiegenen Anspruch an Paarbeziehungen, an den Nutzeffekt. Die Ehe wird heute aufgelöst, weil die hohen Erwartungen nicht erfüllt werden und weil heute unharmonische Beziehungen von Paaren weniger ausgehalten werden können oder sie dies wollen. Die falsche Partnerwahl kann durch eine Wiederheirat scheinbar korrigiert werden. Werden die Hoffnungen auf die Erfüllung idealisierter Vorstellungen und den hohen emotionalen Erwartungen jedoch nicht an die Realität angepasst, ist das Scheitern der zweiten Ehe bereits vorprogrammiert. Das partnerschaftliche Zusammenleben muss von Paaren erst erlernt werden, wobei der Wunsch mittlerweile auch von männlichen Partnern bzw. jungen Vätern in Umfragen bestätigt wurde.

Folgen des Wandels
Frauen sind heute nicht mehr bereit, der Kinder wegen dauerhaft auf die Erwerbstätigkeit zu verzichten. Ganz zu schweigen von den Lebensgemeinschaften, in denen beide berufstätig sein müssen, um die Lebenshaltungskosten zu decken, wie dies in Großstädten der Fall ist. Eher verzichten sie auf Kinder. Der Geburtenrückgang ist dafür das deutlichste Signal. Denn obwohl Frauen durch Familienarbeit einen beträchtlichen Teil der volkswirtschaftlichen Bilanz erwirtschaften, werden sie bei der Verwitwung, wenn sie nicht selbst erwerbstätig waren, zum Sozialfall. Die neueste Rentenreform wird diese Situation nicht verbessern. Kritiker behaupten das Gegenteil. Die partnerschaftliche, gleichberechtigte Paarbeziehung liegt im Trend und entspricht der Individualisierung und der Globalisierung der Wirtschaft. Will die Gesellschaft zukünftig das Modell Familie aufrechterhalten, so muss sie die Stützsysteme schaffen, die Paaren gleichermaßen, d.h. Müttern und Vätern, Familien- und Erwerbsarbeit ermöglichen, d.h. es gilt, der juristischen Gleichstellung der Geschlechter die faktische folgen zu lassen. Familienförderung heute bedeutet demnach auch und immer noch Frauenförderung.

Strukturelle und finanzielle Anreize
Familienförderung muss zudem, entsprechend der volkswirtschaftlichen Bedeutung, einen Lastenausgleich schaffen, der zur Bildung von Humanvermögen durch Familien diesen auch ausreichende strukturelle und finanzielle Anreize bietet. Zwar hat heute jedes Kind einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Die Schließzeiten entsprechen jedoch immer noch nicht der Realität der erwerbstätigen Eltern und mit der Einschulung geht der Kampf ums Organisieren erst richtig los. Solange Deutschland mit der Halbtagsschule der europäischen Entwicklung hinterher hinkt, solange werden vornehmlich Frauen selbst auf eine Halbtagsbeschäftigung verzichten müssen, wenn sie keine Verwandten, Bekannten oder Tagesmütter finden, die ihre Kinder nach der Schule versorgen, bis Mama oder Papa nach Hause kommen können. Die Ganztagsschule ist zudem, wenn sie entsprechende pädagogische Angebote hat und nicht als Verwahrungsinstitution verstanden wird, ein wirksamer Schutz vor der zunehmenden Entwicklung von Gewaltbereitschaft bei jungen Menschen. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund ist das ganztägige Bildungsangebot eine Voraussetzung, gesellschaftlich im Dialog mit der nachwachsenden Generation zu bleiben.

Fazit
Es ist an der Zeit, die historische Herausforderung anzunehmen und sie in Politik umzusetzen. Kinder aus dem übrigen Europa sind nicht vernachlässigter, verwahrloster oder gewaltbereiter als deutsche Kinder, obwohl ihre Mütter einer regelmäßigen Erwerbstätigkeit und nicht überwiegend, wie bei uns, geringfügigen Beschäftigungen nachgehen. Die Voraussetzung zur Kapitalbildung ist das Humanvermögen. Die Bildung von Humanvermögen vollzieht sich jedoch nur in und durch Paarbeziehungen. Will die Gesellschaft an der Wertschöpfung der Paarbeziehung weiterhin partizipieren, wird sie dies stärker als bisher berücksichtigen müssen oder sie steht irgendwann vor der Notwendigkeit, das Sozialversicherungssystem völlig neu zu strukturieren, jenseits von Solidargemeinschaften und sozialer Gerechtigkeit.


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Verfall der christlich-bürgerlichen Ehemoral - Einstellung zu Ehe und Scheidung im interkulturellen Vergleich. Höllinger, Franz (1992), in: Zeitschrift für Familienforschung, 4. Jg., Heft 3
Vom Patriarchat zur Partnerschaft. Zum Strukturwandel der Familie. Mitterauer, Michael/Sieder, Reinhard:4. Auflage, München 1991.
Volksreligion und Herrschaftskirche. Die Wurzeln religiösen Verhaltens in westlichen Gesellschaften. Höllinger, Franz (1996), Opladen: Leske+Budrich
Vorindustrielle Familienformen. Zur Funktionsentlastung des "ganzen Hauses" im 17. und 18. Jahrhundert. Mitterauer, Michael in: Ders.: Grundtypen alteuropäischer Sozialformen. Haus und Gemeinde in vorindustriellen Gesellschaften, Stuttgart-Bad Cannstadt 1979 (Kultur und Gesellschaft, Band 5), S. 35-97.
Wie leben die Deutschen? Materialien zur Familienpolitik Nr. 10. Norbert F. Schneider, Kerstin Hartmann, Bernd Eggen, Brigitte Fölker. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Zusammenarbeit mit der Familienwissenschaftlichen Forschungsstelle im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg in Stuttgart. November 2000.
Wir sind zu verschieden, wir passen nicht (mehr) zusammen! Oder doch?. Hildegard Kaiser. www.partnerschule.de
Zur Psychologie der Vater-Kind-Beziehung. FTHENAKIS, Wassilios E. (1988), Väter. Band 1: Deutscher Ta-schenbuch Verlag München.


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Von Woge zu Woge schaukelt mich Gischt”
Seniorenresidenz Haus Vita
August-Klein-Pfad 4, Saarbrücken


17.09.11 um 17.30 Uhr
“Tier-Lesung”
im Rahmen der Veran-
staltung “Forstgarten im Licht”
Jagdschloss und Forstgarten Karlsbrunn
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28.09.11 um 16.00 Uhr
”Alles hat seine Zeit”
Seniorenresidenz Haus Vita
August-Klein-Pfad 4, Saarbrücken
 

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Saarbrücker Zeitung vom 10.05.11
Deutsch-französischer Dichterfrühling in Saargemünd
Zum ersten Mal hat die Katholische Erwachsenenbildung ihren „Printemps des poètes“ mit der Stadt Saargemünd veranstaltet. Schauplatz war der Wintergarten des Keramikmuseums. „Dichterisch auf dieser Erde wohnen“ – ein Hölderlinsatz leitet in den siebten „Printemps des poètes“. „Printemps des poètes“ ist eine französische Initiative, lädt ein zur Beschäftigung mit Dichtung.
 

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