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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Winter

Die Worte der Wälder

Das Grün der Täler verblasst
vor der Tiefe dunkel fallender Nebel.
Schweigsam wird’s sein,
wenn die Nächte in Tagen Einkehr halten
und meine Seele zwingt zum Licht.
Die Worte der Wälder lauten jetzt:
spitze Klänge des Frosts.
Durch die Äste wirrt Eiswind,
steift seinen Hauch über die Kronen
und im kalten Glas verliert ein Vogel gegen die Zeit.
Im grauen Blickfeld spinnt Silberfäden das Nebeldach,
gießt Kristalle ins Tal, die heimleuchten.
Ihr Funkeln flirrt mir plötzlich im Auge,
als ich, den Tag aufsammelnd, am Fenster stehe,
geblendet vom Glanz, nicht mehr wähnend
den farbigen Verlust vor der Lichtflut des Verschneiten.

Vera Hewener
aus: Lichtflut. Edition Calamus. Libri 2001.
 

Winterwege

Im Zentrum wandern frostgeschützt im Nerz
die Gäste unbekümmert auf geräumten Wegen,
flanieren um den Teich auf schmalen Stegen,
als wäre Kälte ein Dezemberscherz.

Die Enten ihn beschnattern Terz für Terz,
wie Windgesänge, die in Tannen fegen
nach Schneegestöber. In den Wildgehegen
die Tiere Nahrung wittern. Ein Futterherz

am Kreuz der Hütte baumelt. Von harschen Tritten
gestört verlassen sie die Lichtung. Mitten
im Schneeplüsch ziehen Pferde eine Kutsche.

In Decken eingepackte Passagiere
durchrattern holpernd Rotwilds Waldreviere.
Dem Wagen wird das glatte Eis zur Rutsche.

Vera Hewener
aus: Himmelsstürme. edition Wort-Verlag 2010.

Wintermärchen

Dort, wo sich das Licht trifft,
auf dem Blauweiß der Zweige,
auf dem Schneefeld,
das Besucher nicht kennt,
auf der Eiszone,
die ein Gebirgsbach durchmisst,
in den Kältenebeln des Morgens,
schwindelt in meinen Augen
das Märchen, das man Winter nennt.

Es flüstern Kristalle,
klirren Tannenzapfen,
stöhnt Gebälk unter der Eistracht,
eine Sinfonie aus Weiß.


Vera Hewener
aus: Lichtflut. Edition Calamus. Libri 2001.
 

Januar

Kälte. Im Schnee spiegelt
sich Sonne blaublütig.

Windfrost in den Haaren
und Schneeblumen im Gesicht.

Jemand friert den Eistod.
Das Warmhalten gelingt nicht mehr.

Kristallzapfen
drehen uns eine Nase.

Nun ist er doch gekommen,
der Winter.

Vera Hewener
aus: Novembrisches Bittersüß. 1986.
 

Wendezeit

Die Vögel flogen fort. Sie zogen manchen Kreis,
an stummen Ästen sprosst heraus das kalte Nass.
Der Wintergäste Töne klirren, schwirren blass
hinunter in die leeren Gärten. Es glänzt nun weiß.

Die Stuben ofenwarm geschürt und auf dem Steiß,
dem blanken, hockt sich's hart. Denn wer den Plüsch vergaß
bemerkte gleich, dass Trauer in den Wänden saß.
Hoch oben auf gefror'nen Dächern wächst Geschmeiß.

Bald hört man's rascheln, keimen in den neuen Iden
spürt wahre Lust, mit einem Mal davon zu fliegen.
Nur wer stets langsam gräbt, bahnt Wege aus dem Eis.

Im Licht des späten Winters Keime sich versammeln.
Sie blinzeln scheu hervor, wenn Heimkehrer leis stammeln:
Die Schatten sind gewichen auf wendiges Geheiß.

Vera Hewener
aus: Lichtflut. Edition Calamus. Libri 2001.
 

Winter

In den beißenden Frost hinaus.
Ein Atemnebel züngelt. Kältestoß.
Jemandes Pulsschlag friert im Schoß
erhärteter Landschaft. Das Garaus

der Farben spiegelt Wangenrot,
jenes zittert in den Einsamkeiten.
Sprosst aus schneeweißen Wendezeiten
Kristallglanz. Eiszapfen senden das Lot

zur frühen Nacht, die Licht verdrängt.
In den dunklen Gefächern klirrt
sphärisches Glockenspiel, das flirrt

zwischen vereisten Neonröhren. Anfängt
erbarmungslos das Jahraus bei dem Versuch,
Strenge zu mildern. Brandgeruch.

Vera Hewener
In: Farben der Natur. Anthologie.
Kasskara Verlag 1995.

 

Einkehr

Bad Hofgastein umwirbt ein warmes Licht.
Am Stubnerkogel blendet es den Gipfel;
die Wolken spannen ihre weiten Wipfel,
hoch droben trüben Dunstfelder die Sicht.

Ozon bedrängt im Tal die graue Schicht.
Folgt Einkehr auf den schlechten Wetterzipfel
genügend Ausgleich schaffen mürbe Kipfel
auf Sahneeis. Kaffeearoma mischt

sich in den Mittag voller Festtagssprüche,
tischt Nobles auf aus edler Sternenküche:
ein Festmahl, das die Sinne schnell besticht.

In Gaumenfreuden schwelgen trunken Gäste.
Nur draußen hellauf knistern alle Äste.
Bad Hofgastein umwirbt ein warmes Licht.

Vera Hewener
aus: Himmelsstürme. edition Wort-Verlag 2010.

Im Dunstkreis

in Dunstkreis hält den frühen Tag gefangen
welch Gähnen bleicher Wolken, deren Hauch
umherzieht, sich verpustet, seinen Schmauch
auf breiten Tannen ablädt; weiß behangen

der Kurpark Wege wähnt und Bänke, Stangen
am Teichrand, jeden Zweig an jedem Strauch.
Die Wasservögel kreisen um den Lauch
der Gräser unbekümmert, gefangen

im Griesel. An Bad Hofgasteines Thermen
sich Gäste Leib und Seele wärmen.
Ich wandere im Frost entlang der Ache

nach Hundsdorf, Fronten sind dort gleicher.
Der Tand verblasst, Konturen werden weicher,
die Sonne wirkt, aus Schnee wird eine Lache.

Vera Hewener
aus: Himmelsstürme. edition Wort-Verlag 2010.

Christrose

Wald aus Eis
nebelweiß
Winter ist gekommen

Weihnachtstann
strahlt uns an
ist schon ganz benommen

Weihnachtszeit
steht bereit
ist so reich geschmückt

Engelshand
hat im Land
Christrose gepflückt

Vera Hewener aus: Windblumen. 1985.

Winterland

An den Scheiben kalter Fenster
blühen Blumen, weiß, aus Eis,
tanzen in der Nacht Gespenster,
bilden einen Zauberkreis.

Tanzen auf und tanzen nieder,
decken zu das kahle Haus,
bauen Schneelawinen wieder
auf den Dächern ohne Paus.

Kommt der Morgen angeschlichen
Ist die Arbeit wohlgetan
ist die Müdigkeit gewichen
geht es auf die Rodelbahn

© Vera Hewener aus. Windblumen. 1985.

Winterzeit

Winter, Winter, weiß und kalt
kommst du nun gezogen
schnell bedeckst du Feld und Wald
Vögel fort geflogen

Kinder bauen nun mit Freud
Schneemann dick mit Nase
und wer keine Kälte scheut
füttert Reh und Hase

Vera Hewener aus: Windblumen. 1985.


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Fruchtbares Feld

Gräser einer vergangenen Zeit
spriessen wie seltene Orchideen
aus dem Sand des Erlebten

Hast du dies fruchtbare Feld
je erblickt das du ersehntest

Und Jahr um Jahr
sich das Blühen über dem Beet verstreut
das du gedüngt mit den Antworten
die dich das Wachsen lehrte

Wo die Fragen verstummen
wird kein Same mehr sein

© Vera Hewener

Nächste Lesung
26.04.12 um 16.00 Uhr
“Lass uns Rosenranken flechten”
Haus Vita, August-Klein-Pfad 4
Saarbrücken
 

Presse
15.02.12 Wie man Schülern Gedichte nahebringt. Schriftstellerin Vera Hewener aus dem Köllertal im neuen Lyrik-Leseheft für den Deutschunterricht des Cornelsen-Verlags. ..Auch das Gedicht »November« der saarländischen Schriftstellerin Vera Hewener ist enthalten, um die Ausdruckskraft eines Sonetts zu erschließen. ...

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