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Vera Hewener
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Vermisstenanzeige02

Vermisstenanzeige
Lyrik und Prosa
Vera Hewener
ISBN 3-8311-0748-3
79 Seiten 11,66 €
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Vermisstenanzeige

Auszeichnungen

Selezione Europea
des Centro Europeo di Cultura in Rom für “Jenseits des Samensäenden” - Für Nelly Sachs und “Gegen das Vergessen” - Für Ignatz Bubis im Mai 2000

Segnalazione di Merito (bester ausländischer Beitrag)
für das Titelgedicht „Vermisstenanzeige“ und “Hinwendung zum Du” der Associazione Culturale Avvenire d’Abruzzo in Luco dei Marsi im Juni 2000.

Superpremio Cultura Lombarda
für das Buch “Vermisstenanzeige” des Centro Europeo di Cultura in Rom im April 2001

2. Preis
für den Text Blauäugig oder die Erlsöung von der Angstder Associazione Culturale Avvenire d’Abruzzo in Luco dei Marsi im Dezember 2001

Saarbrücker Zeitung vom 25./26.11.00
“Schriftsteller in Deutschland beziehen zu wenig Stellung”
Die Köllerbacher Autorin Vera Hewener stellte im Café Kühnen in Püttlingen ihr Buch “Vermisstenanzeige” vor

Keine leicht konsumierbare Kost sind Heweners Gedichte und Prosatexte, und nach der Lesung wird noch lange diskutiert. Um das Judentum geht es, um die deutsche Vergangenheit und Gegenwart... Von pädagogischem Anliegen geprägt sind ihre Prosatexte, in denen sie eine Botschaft vermitteln will. Weniger leicht zugänglich dagegen die Gedichte. Anspruchsvoll und ungewöhnlich zugleich präsentieren sie die bitteren Vermächtnisse, sprechen von Leid und Tod, von Fußtritten, Skeletten, Henkern. In eines hat die Autorin Zitate von Menschen in Konzentrationslagern integriert, in anderen finden sich Begriffe aus dem jüdischen Leben oder werden düstere Stimmungen voll Dunkelheit und Einsamkeit angesprochen. Es gibt “den Sündenfall der Worte” und auch den Gegenpol, “das Ultramarin der Regenzeit” und: “zurück bleiben die Farben der Wärme”. Diese heitere farbige Seite gibt es auch in Heweners Buch. Die Autorin gestaltete das Titelblatt selbst, und da scheint der siebenarmige Leuchter fast fröhlich zu tanzen.


SZ vom 9.11.01
„Abend des Wortes und der Stille“
Bewegende Gedenkveranstaltung im Vereinshaus Fraulautern: Erinnerung an die Pogromnacht von 1938

„....Es war ganz still und dunkel im Vereinshaus. Nur am Pult brannte Licht. Vera Hewener, Schriftstellerin aus Püttlingen, las Gedichte und Prosatexte. Religiöse Themen verband Hewener mit aktuellen politischen oder allgemein menschlichen Fragen. "Wo bleibt die Seele?", fragte sie, formulierte "himmlische Gesänge auf dem Weg nach Hause", sprach vom "verborgenen Du" und der "Hinwendung zum Du". Da tauchten Versatzstücke und Begriffe aus dem Alten Testament auf. Hewener stellte aktuelle Verbindungen her, oft im Versmaß, aber nie gereimt, in einer Sprache, die der des Psalmisten nicht unähnlich ist. Und sie machte den Holocaust zum Thema, etwa in einer Erzählung um die Erfindung des todbringenden Gases "Zyklon B", in Gedichten über den alten jüdischen Friedhof in Saarbrücken, den Anschlag auf die Wehrmachtsausstellung in Saarbrücken und auf die Synagoge in Erfurt. Im Gedicht "KZ Neue Bremm" hieß es: "Sie tragen die Knochen zu Grabe."


Saarbrücker Zeitung vom 16.7.03
"Wir haben sie alle umgebracht"
Margret Roeckner rezensiert Vera Heweners Buch "Vermisstenanzeige"

Köllertal. Es berührt mich tief, wie sehr sich Vera Hewener von der Schuld, die das deutsche Volk mit der Vernichtung der Juden auf sich geladen hat, erschüttern ließ. Zehn Jahre nach dem Krieg und dem Ende der Diktatur geboren, gehört sie einer Generation an, die sich von Schuld und Sühne freisprechen könnte und die oftmals auch alle Gedanken daran zu verdrängen versucht. In dem kleinen Band zeigt für mich vor allem die Erzählung "Stumme Schreie", wie Vera Hewener sich von der Trauer um die ermordeten Juden hat ergreifen lassen. Sie schildert darin einen Besuch eines jüdischen Friedhofs und beschreibt mit wenigen, aber gerade darum deutlicher aufscheinenden Worten ihr Erschrecken: "Schließlich kam sie in eine Reihe, in der ein Todesjahr dominierte. Fast alle waren in diesem Jahr verstorben. Wir haben sie alle umgebracht, die Menschen, die hier liegen, dachte sie. Deshalb ist die Stille so laut...Mein Gott, warum lässt du mich leben in einem Land, das Menschen massenweise ermordet hat? Mein Gott, wie soll ich die Erbschuld ertragen?..."Die "laute Stille" - sie hat es mir in Vera Heweners Prosa- und Poesie-Texten angetan. Aus einer tiefen Betroffenheit, einer inneren Stille heraus wird da eine Stimme laut und sagt deutlich und unüberhörbar, dass nur Erinnern und Trauern davor bewahren können, dass sich wiederholt, was kaum zu beschreiben ist. Und sie beschreibt es dennoch in eindrücklich starken Bildern. Schon gleich zu Anfang in einem Text über das "KZ Neue Bremm". In den Versen "Vermisstenanzeige", die zum Titel des Bandes geworden sind, stehen am Ende die Sätze: "...wenn wir wüssten, was wir vermissen, wie könnten wir dann noch leben? Doch die Wahrheit ist klar und bitter: Im nächsten Jahrtausend werden sie es Geschichte nennen, und unsere Kinder und Kinderkinder werden alle Sterne vergessen haben." Dass sie nicht vergessen sollen, die nächsten Generationen, dazu tragen die sensiblen und von literarischem Können geprägten Texte von Vera Hewener hoffentlich mit bei. Ich jedenfalls wünsche ihnen auch deshalb eine sehr starke Verbreitung.

Margret Roeckner

Aus dem Inhalt

KZ Neue Bremm
Vermisstenanzeige
Todesrufe
Nachricht aus Niemandsland
Stumme Schreie
Alter jüdischer Friedhof in Saarbrücken
Jakob und Levit
Denkwürdig
Brandwunden 1-3
Berliner Metamorphosen
Staatsbegräbnis
Fassadenrepublik
Treibjagd
Das Fotoalbum
Gegen das Vergessen - Zum Tod von Ignatz Bubis
Jenseits des Samensäenden - Für Nelly Sachs  1-6
Blauäugig oder die Erlösung von der Angst
Heimatlos
Shin
Sefirot
Auf dem Weg zu dir
Nemesis
Hinwendung zum Du - In memoriam Martin Buber 1-6
Frühlingsschnitte
Spurensuche
Fenster 1-2
Abendweihe
Bibliographie
 


Shin

Vera Hewener


Wo bleibst du
Seele
die in mir selbst ist
und du

Seele
in der ich selbst bin

Kein Feuer
verbrannte je deinen Stern

Wo du bist
ist sonst keiner

Wo wir sind
bindet uns Einer
 


Heimatlos

Vera Hewener


Wen bringt Er zu Israel
wo die Tore verschlossen sind
wo kein Fenster den Lichtspalt lässt

Weshalb spendet Er Wasser
denen, die Fremde sind
in seinem Haus

Gefäß bin ich
für das Wasser aller Meere
wandernd
im Kosmos Seiner Schöpfung

im Exil der Worte
haucht Er mir ein
Kawana
himmlischer Gesang
auf dem Weg
nach Haus


 

Vermisstenanzeige

 Vera Hewener

Wenn wir wüssten, was wir vermissen,
wie könnten wir dann noch leben ?

In jüngster Vergangenheit hat jede deutsche Stadt
ihre Zukunft verloren,
jedes deutsche Kind seine Unschuld,
jede deutsche Mark ihren Wert.

Wenn wir wüssten, was wir vermissen,
wie könnten wir dann noch leben ?

In jüngster Vergangenheit haben deutsche Hände
die Sterne vom Himmel geholt,
den Gebetsmantel zerschnitten,
alle Lichter gelöscht.

Wenn wir wüssten, was wir vermissen,
wie könnten wir dann noch leben ?

Früher oder später
werden wir sie wiedersehen.
Früher oder später werden sie uns fragen,
wo ist euer Kreuz geblieben ?

Die Wahrheit ist klar:
Kein Kreuzgang kann diesen Kreuzzug sühnen,
kein Gebet Ablass erzwingen,
keine Glocke das Schofar blasen.

Wir trauern um den Jom Kippur.
Wir haben versäumt, um Vergebung zu bitten.
Wir essen nicht vom Ungesäuerten.
Wir werden uns nicht in Jerusalem wiedersehen.

Wir waschen die Hände
gerne in Unschuld, nicht in der Mikwe.

Wir lieben Goethe und Weimar,
nicht die Pogromnacht und die Kapitulation.

Wir lieben Adenauer und das Wirtschaftswunder,
nicht Reparation und Entschädigung der Zwangsarbeiter.

Wir lieben den Friedensnobelpreis und große Redner,
nicht die Mahnenden und die noch lebenden Beweise.

Wenn wir wüssten, was wir vermissen,
wie könnten wir dann noch leben ?
Doch die Wahrheit ist klar und bitter:
Im nächsten Jahrtausend werden sie es Geschichte nennen
und unsere Kinder und Kindeskinder
werden alle Sterne vergessen haben.

Hinwendung zum Du

4
Bittgesuch

Oh Einer
trinke mich nicht aus
gewähre mir ein paar Sekunden
Vergangenheit

ich lasse
zurück
was ich nicht
zurück lassen will

ich finde
was ich nicht
zu wissen gewagt

ich liebe
was vor Liebe sich verbirgt

ich wandere
auf geheimnisvollem Weg

sternbeflockt
mit jedem Schritt versinkt
die Rückkehr

Vera Hewener


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Fruchtbares Feld

Gräser einer vergangenen Zeit
spriessen wie seltene Orchideen
aus dem Sand des Erlebten

Hast du dies fruchtbare Feld
je erblickt das du ersehntest

Und Jahr um Jahr
sich das Blühen über dem Beet verstreut
das du gedüngt mit den Antworten
die dich das Wachsen lehrte

Wo die Fragen verstummen
wird kein Same mehr sein

© Vera Hewener

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