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Stumme Schreie
© Vera Hewener
Sie wusste nicht, wie lange sie bereits am Tor stand, als der Wagen eines Beerdigungsinstituts vorfuhr. Ein Herr in Jeans und kariertem Hemd stieg aus, öffnete das Zufahrtstor und fuhr den Wagen durch die Einfahrt auf den Friedhof. Endlich fasste sie sich Mut und betrat ebenfalls das Gelände, das eine seltsame Anziehung auf sie ausübte. Als Kind ging sie häufiger alleine auf Friedhöfe, nicht aus Gründen der Trauer oder weil sie die Gräber ihrer Vorfahren aufsuchen wollte. Friedhöfe bedeuteten für sie einen Ort der Ruhe und Stille, des Auflösens der Gegenwart und des Aufhebens von Zeitgrenzen. „Ist der Friedhof immer offen? Der alte Friedhof in der Simonstraße ist zugesperrt. Wenn man dort hinein will, muss man sich den Schlüssel bei der jüdischen Gemeinde holen.“ „So weit ich weiß, ist der hier immer geöffnet und für jeden zugänglich.“ „Haben sie schon von Schändungen gehört. Gibt es das hier ebenfalls?“ „Da fragen sie besser den Gemeindevorsitzenden. Der kommt in einer Stunde. Heute Mittag ist eine Beerdigung.“ Der Herr war freundlich und auch etwas verwundert über diese Fragen. Was wollte die Frau? „Danke. Ich kenne den Herrn, hab schon mit ihm telefoniert.“ Sie ging den Hauptweg entlang und bog in einen Seitengang ein. Die Namen auf den Grabsteinen kamen ihr irgendwie bekannt vor. Da lagen Familie Simon, Frau Marx, Herr Wainstock, Familie Salomon. Nichts war ihr fremd. Die Gravuren waren meist in hebräisch, manche hatten auch deutsche Inschriften. Der Friedhof unterschied sich kaum von den anderen, die sie besucht hatte. Nur die Grabsteine trugen anstatt eines Kreuzes den Davidsstern. Die Ruhe war jedoch anders, diese Stille wollte ihr etwas mitteilen. Sie sah auf die Todesjahre der hier Ruhenden. In diesem Seitengang lagen schon sehr alte Menschen, noch Mitte des neunzehnten Jahrhunderts geboren. Das Lebensalter schwankte zwischen sechzig und achtzig Jahren, nichts Auffallendes. Sie blieb eine Weile stehen, hörte Menschen reden. Es waren wenige Besucher da, die sich über ihre Verwandten unterhielten. Sie ging weiter. Auch dort nicht besonderes. Die Verwitterung war unterschiedlich. Manche Gräber waren besonders sorgfältig hergerichtet, andere hatten wohl schon längere Zeit keinen Besucher mehr gesehen. Im nächsten Seitengang wurden die Menschen jünger. Schließlich kam sie in eine Reihe, in der ein Todesjahr dominierte. Fast alle waren in diesem Jahr gestorben. Wir haben sie alle umgebracht, die Menschen, die hier liegen, dachte sie. Deshalb ist die Stille so laut. Sie hörte die stummen Schreie der Seelen. Plötzlich war ihr, als greife jemand nach ihrer Brust, als wollte ihr jemand das Herz herausnehmen. Mein Gott, rief es in ihr, warum hast du das zugelassen? Mein Gott, weshalb kann ich nicht dort liegen? Mein Gott, warum lässt du mich leben in einem Land, das Menschen massenweise ermordet hat? Mein Gott, wie soll ich die Erbschuld ertragen? Sie erstarrte für einen Moment. Ein Besucher kam vorbei. Er musste wohl gemerkt haben, dass sie entsetzlich erschrocken war. „Der Ewige sieht uns alle, er sieht uns kommen, er nimmt uns zu sich, er ist der Herr der Zeit. Doch niemals nimmt er uns die Last zu leben. Wir können seine Güte erflehen, doch nicht die Vergebung fordern, wir können auf sein Erscheinen hoffen, doch niemals sein Bild verlangen. Wir können seine Liebe fühlen, wenn wir uns befreien von der Kälte der Herzen. Nur Gott kennt den großen Plan, doch ausführen muss ihn jeder selbst.“
aus: Vermisstenanzeige. Vera Hewener. BoD GmbH Norderstedt 2000.
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