Insel DFG 3 SB Saar 3 Schlossbrunnen klein020302 Enten DFG 3

Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Stumme Schreie

Stumme Schreie

© Vera Hewener


Sie wusste nicht, wie lange sie bereits am Tor stand, als der Wagen eines Beerdigungsinstituts vorfuhr. Ein Herr in Jeans und kariertem Hemd stieg aus, öffnete das Zufahrtstor und fuhr den Wagen durch die Einfahrt auf den Friedhof. Endlich fasste sie sich Mut und betrat ebenfalls das Gelände, das eine seltsame Anziehung auf sie ausübte. Als Kind ging sie häufiger alleine auf Friedhöfe, nicht aus Gründen der Trauer oder weil sie die Gräber ihrer Vorfahren aufsuchen wollte. Friedhöfe bedeuteten für sie einen Ort der Ruhe und Stille, des Auflösens der Gegenwart und des Aufhebens von Zeitgrenzen.
 „Ist der Friedhof immer offen? Der alte Friedhof in der Simonstraße ist zugesperrt. Wenn man dort hinein will, muss man sich den Schlüssel bei der jüdischen Gemeinde holen.“
„So weit ich weiß, ist der hier immer geöffnet und für jeden zugänglich.“ „Haben sie schon von Schändungen gehört. Gibt es das hier ebenfalls?“
„Da fragen sie besser den Gemeindevorsitzenden. Der kommt in einer Stunde. Heute Mittag ist eine Beerdigung.“
Der Herr war freundlich und auch etwas verwundert über diese Fragen. Was wollte die Frau?
„Danke. Ich kenne den Herrn, hab schon mit ihm telefoniert.“
Sie ging den Hauptweg entlang und bog in einen Seitengang ein. Die Namen auf den Grabsteinen kamen ihr irgendwie bekannt vor. Da lagen Familie Simon, Frau Marx, Herr Wainstock, Familie Salomon. Nichts war ihr fremd. Die Gravuren waren meist in hebräisch, manche hatten auch deutsche Inschriften. Der Friedhof unterschied sich kaum von den anderen, die sie besucht hatte. Nur die Grabsteine trugen anstatt eines Kreuzes den Davidsstern.
Die Ruhe war jedoch anders, diese Stille wollte ihr etwas mitteilen. Sie sah auf die Todesjahre der hier Ruhenden. In diesem Seitengang lagen schon sehr alte Menschen, noch Mitte des neunzehnten Jahrhunderts geboren. Das Lebensalter schwankte zwischen sechzig und achtzig Jahren, nichts Auffallendes.
Sie blieb eine Weile stehen, hörte Menschen reden. Es waren wenige Besucher da, die sich über ihre Verwandten unterhielten. Sie ging weiter. Auch dort nicht besonderes. Die Verwitterung war unterschiedlich. Manche Gräber waren besonders sorgfältig hergerichtet, andere hatten wohl schon längere Zeit keinen Besucher mehr gesehen.
Im nächsten Seitengang wurden die Menschen jünger. Schließlich kam sie in eine Reihe, in der ein Todesjahr dominierte. Fast alle waren in diesem Jahr gestorben. Wir haben sie alle umgebracht, die Menschen, die hier liegen, dachte sie. Deshalb ist die Stille so laut. Sie hörte die stummen Schreie der Seelen.
Plötzlich war ihr, als greife jemand nach ihrer Brust, als wollte ihr jemand das Herz herausnehmen. Mein Gott, rief es in ihr, warum hast du das zugelassen? Mein Gott, weshalb kann ich nicht dort liegen? Mein Gott, warum lässt du mich leben in einem Land, das Menschen massenweise ermordet hat? Mein Gott, wie soll ich die Erbschuld ertragen?
Sie erstarrte für einen Moment. Ein Besucher kam vorbei. Er musste wohl gemerkt haben, dass sie entsetzlich erschrocken war.
„Der Ewige sieht uns alle, er sieht uns kommen, er nimmt uns zu sich, er ist der Herr der Zeit. Doch niemals nimmt er uns die Last zu leben. Wir können seine Güte erflehen, doch nicht die Vergebung fordern, wir können auf sein Erscheinen hoffen, doch niemals sein Bild verlangen. Wir können seine Liebe fühlen, wenn wir uns befreien von der Kälte der Herzen. Nur Gott kennt den großen Plan, doch ausführen muss ihn jeder selbst.“

aus:
Vermisstenanzeige. Vera Hewener. BoD GmbH Norderstedt 2000.
 


[Home] [Aktuelles] [Lesungen] [Künstlerinitiative] [Literatissimo 2011] [Poetik] [Gedichte nach Formen] [Gedichte nach Themen] [Prosa] [Gegen Gewalt] [Winter-und Weihnachtsgeschichten] [Ostergeschichten] [Bühnenstücke] [Bücher] [Bibliographie] [Biographie] [Auszeichnungen] [Presse] [Links] [Impressum]

Fruchtbares Feld

Gräser einer vergangenen Zeit
spriessen wie seltene Orchideen
aus dem Sand des Erlebten

Hast du dies fruchtbare Feld
je erblickt das du ersehntest

Und Jahr um Jahr
sich das Blühen über dem Beet verstreut
das du gedüngt mit den Antworten
die dich das Wachsen lehrte

Wo die Fragen verstummen
wird kein Same mehr sein

© Vera Hewener

Nächste Lesung
26.04.12 um 16.00 Uhr
“Lass uns Rosenranken flechten”
Haus Vita, August-Klein-Pfad 4
Saarbrücken
 

Presse
05.03.12 Saarländische Lyrikerin Vera Hewener im Lyrik-Leseheft des Cornelsen-Verlags vertreten Seit 1985 werden Werke der saarländischen Lyrikerin Vera Hewener in Deutschland, Ungarn, der Schweiz und Österreich veröffentlicht… Das Gedicht „November“ von Vera Hewener steht beispielhaft für die Form des Sonetts...

Gedichte nach Themen:

Sonnengedichte  
Lichtgedichte
Reisegedichte  
Meergedichte
Stadtgedichte  
Rosengedichte
Gartengedichte  
Saarland-Gedichte  
Frühlingsgedichte
Sommergedichte
Herbstgedichte
Wintergedichte
Weihnachtsgedichte
Neue
Mariengedichte
Engelgedichte
Neue
Glaubensgedichte
Tiergedichte
Nachtgedichte
Zeitgedichte
Gegenwartsgedichte
Gegen Gewalt
Musikgedichte
Heitor Villa-Lobos
Tschaikowsky
Theodorakis  
Xarhakos  
Hadjidakis  
Chopin   Liszt
Schumann
Van-Gogh-Gedichte
Carolin-Isele-Gedichte
Französische Gedichte
Ungarische Gedichte
Italienische Gedichte

Gedichte nach Formen
Sonette  
Balladen
Oden
Akrostichon  
Distichon
Alexandriner  
Hexameter
Haikus und Tankas

Erzählungen

Cover Himmelsstürme04

“Himmels-
stürme”

Gedichte mit
Fotografien
Vera
Hewener

ISBN
978-3-
936554-00-3

logoKiK
logofda
cepaltamp7
Logo IGdA