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Vera Hewener
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Soziologie der Randgruppen

Soziologie der Randgruppen

© Vera Hewener



1. Einleitung

Angehörige von Randgruppen sind Menschen, die sich anders verhalten, anders aussehen, andere Neigungen oder Wertvorstellungen haben als die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder. Sie weichen in irgendeiner Art und Weise von geltenden Normen und Regeln ab und werden von der Mehrheit an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Randständige leiden an der Gesellschaft, in der sie leben. Sie werden gemieden, ausgegrenzt, belächelt, isoliert, diskriminiert und benachteiligt. Oft übernehmen sie eine Sündenbockfunktion und müssen Kränkungen hinnehmen, die nicht nur zur Beschädigung der sozialen Identität führen. Ihr Alltag ist geprägt von Rollenkonflikten und um den Kampf um die Existenzsicherung.

Die Wechselwirkung Mensch und Gesellschaft nimmt hier für den Betroffenen fatale Folgen an. Die Soziologie hat versucht, Bedingungen und Erklärungen für dieses Phänomen zu finden. Ich gehe daher zunächst auf die Beziehung Mensch und Gesellschaft ein. Sowohl Mängel in der Sozialisation als auch die strukturellen Bedingungen führen später zu abweichendem Verhalten. Es ist hier eine Konsequenz dauerhafter Benachteiligung. Die Rückwirkung auf das Gesellschaftssystem setzt einen Prozess in Gang, der Minderheiten zu Randgruppen degradiert und ihnen weiterhin die Chancen zur vollwertigen Teilnahme an der Gesellschaft verwehrt.


1.1 Der Mensch als sozio-kulturelle Persönlichkeit

Wenn Gesellschaft zugleich befreit und begrenzt, stellt sich zunächst die Frage nach ihrer Notwendigkeit, d.h. bedarf der Mensch der Gesellschaft überhaupt? Dazu einige anthropologische Überlegungen.

Nach Portman (1) ist der Mensch bei seiner Geburt biologisch unfertig. Er bildet wesentliche Verhaltensmerkmale erst im Kontakt mit der sozialen Umwelt aus, von der er gleichzeitig abhängig ist und in besonderem Maße geprägt wird. Der Mensch ist eine „normalisierte Frühgeburt“. Die Familie bildet einen sozialen Mutterschoß.

Gehlen (2) führt dazu an, dass der Mensch biologisch unspezialisiert ist, d.h. dass er natürliche Mängel hat, die ausgeglichen werden müssen, um zu überleben. Er spricht deshalb von einem „Mängelwesen“, das durch die Entwicklung einer Kultur überlebt. Der Mensch ist demnach ein Kulturwesen, das die Natur ins „Lebensdienliche“ umarbeitet.

Die Umweltanpassung geschieht jedoch nicht wie beim Tier durch Instinkte. Nach Goode (3) ist die Entwicklung angemessener Verhaltensweisen nur möglich, weil der Mensch ein komplexes Gehirn hat und somit lernfähig ist. Das Besitznehmen der Natur ist daher eine „evolutionäre Anpassung“ an ein großes Gehirn.

Der Mensch hat seinem Wesen nach also soziale, kulturelle und geistige Grundvoraussetzungen bzw. Bedürfnisse, denen er nachkommen muss. Als einzelner ist er dazu nicht in der Lage. Denn er ist zwar gleich in seiner wesenhaften Natur, jedoch ungleich in der Ausstattung mit Anlagen und Fähigkeiten. Nach Messner (4) ist die „Natur des Menschen auf Ergänzung und somit auf Gesellschaftlichkeit hin angelegt“.

Der Mensch ist demnach eine sozio-kulturelle Persönlichkeit, die im sozialen Mutterschoß aufwächst. Von ihr bekommt er die notwendige Kultur vermittelt, um später ein eigenständiges Leben führen zu können. Alle Verhaltensweisen sind also kulturgeprägt und nur vor diesem Hintergrund zu verstehen.


2. Sozialisation

Mit dem Wechselspiel zwischen Kind und Familie beginnt die Aneignung der Kultur. Diesen Prozess der Prägung und Einführung in die Gesellschaft wird allgemein als Sozialisation bezeichnet. Die Familie bildet dabei die primäre Instanz. Der Säugling wird in sie hineingeboren und kann sich noch nicht distanzieren. Er identifiziert sich mit den Eltern und spiegelt sein Selbst in ihnen wieder.

2.1 Psychoanalytischer Erklärungsansatz zur Sozialisation

Die psychoanalytische Sozialisationstheorie betrachtet die Sozialisation als ein ambivalentes Geschehn, das gleichermaßen fördert und schädigt.

Die Ausbildung von Identität und Individualität ist ein Prozess, der mit der Geburt beginnt. Der einzelne, der dieser Welt gegenüber tritt, besitzt noch keine eigene Identität. Die innere Natur des Kindes trifft auf die äußere Natur der Gesellschaft (5). Das Kind ist dabei mit Anlagen und Triebe ausgestattet, die in ihrer natürlichen Form nicht durchzuhalten sind. Sie werden in der Realität sublimiert, d.h. umgearbeitet und in angemessene Bahnen gelenkt. Das Vermitteln zwischen diesem sogenannten Lust- und Realitätsprinzip entscheidet über die Ausbildung von Identität und damit über Ge- oder Misslingen der Sozialisation.

Dieser Prozess findet nicht in einem Freiraum statt, sondern in voller Offenheit und Ungeschütztheit des Kindes gegenüber seiner sozialen Umwelt. Die Ausbildung von Individualität und Persönlichkeit wird dabei durch folgende Positionen gekennzeichnet: dem Es, dem Ich und dem Über-Ich.

Das Es bezeichnet die Triebausstattung. Sie ist nicht strukturiert und ist als ein ständiger, blinder und auch gegen sich selbst gerichteter Kampf zu verstehen. Das Über-Ich bildet den Komplex von kulturellen und sozialen Werten, der von außen mit Zwängen an der Kind herangetragen wird. Die Vermittlung zwischen beiden Instanzen geschieht durch das Ich.

Folgende Entwicklungsverläufe sind dabei möglich:

> Das Es wird nicht wesentlich verlassen. Das Misslingen der Sozialisation wird durch psychotische Erlebnisweisen und Verarbeiten der Realität deutlich.
> Die Normen werden nicht oder nicht ausreichend internalisiert. das Ich bleibt vom Über-Ich abhängig, d.h. es werden keine eigenen oder nur mangelhafte Bewusstseins- und Gewissensinstanzen aufgebaut.
> Das Ich ist imstande, zwischen Es und Über-Ich zu vermitteln. Es entsteht eine eigene Identität.

Der Aufbau des Ichs erfolgt dabei in Phasen, und zwar der oralen, analen und genitalen Phase. Wesentlich ist bei allem die Objektbeziehung des Kindes zur Mutter, da die Identitätsbildung durch projezierende und hineinnehmende Interaktion erfolgt. Durch die Übertragung der Bedürfnisse, Triebe und Erwartungen auf die Mutter entsteht eine Identifikation. Diese Selbstspiegelung bewirkt das Hineinnehmen subjektiver und objektiver Anteile in das Ich. Gelingt die Beziehung zwischen Mutter und Kind nicht oder ist sie nicht intensiv genug, ist auch die Identitätsbildung gestört. Für die Entstehung von Randständigkeit ist wichtig, dass Sozialisation sowohl formiert als auch deformiert.


2.2 Rollentheoretischer Erklärungsansatz zur Sozialisation

Wenn wir den Menschen als Individuum wahrnehmen, so geschieht dies immer im sozialen Netzwerk einer Gesellschaft. Die Gesellschaft kann nur überleben, wenn sie die Nachkommen auf dieses Netzwerk vorbereitet und sie zur Übernahme der dazu erforderlichen Verhaltensweisen, Einstellungen und Fähigkeiten bringt. Das Netzwerk besteht aus einem System von Positionen, die die Handlungsfelder der Individuen darstellen. Dieses Bündel von Verhaltensweisen wird als Rolle bezeichnet.

Der Mensch übt in seinem Leben mehrere Rollen gleichzeitig aus.- So kann ein Lehrer auch Ehemann, Vater, Vereinsmitglied usw. sein. Diese Rollen verlangen von der Person bestimmte Fähigkeiten. Konflikte entstehen, wenn diese Fähigkeiten nicht in ausreichendem Maße vorhanden sind und die verschiedenen Rollen sich nicht gleichzeitig ausüben lassen oder sich durch gegensätzliche Wertvorstellungen widersprechen. Dieser Konflikt wird als Interrollenkonflikt bezeichnet.


2.3 Soziale Identität zwischen Konformität und Abweichung

Wie gewinnt nun der einzelne bei der Rollenübernahme Identität? Die Lösung der Rollenkonflikte hängt einmal mit den zu erwartenden Sanktionen (Negativ-Reaktionen) und den persönlichen Fähigkeiten zusammen. Ich-Stärke bedeutet hier, Fähigkeit zur Rollendistanz, d.h. die Verhaltenserwartungen der verschiedenen Positionen zu überschauen und seine eigenen Wertvorstellungen und Bedürfnisse davon getrennt zu betrachten. Auch die Abgrenzung einzelner Rollen und das Aushalten der Widersprüche ist hier von Bedeutung.

Die soziale Identität hängt davon ab, inwieweit das Individuum den Erwartungen der anderen entspricht oder davon abweicht. Wird ein Konflikt durch einen Kompromiss einzelner Positionsinhaber gelöst, so bedeutet dies auch Innovation bestehender Strukturen. Verhält sich der Rollenträger konform, d.h. er entspricht den Erwartungen der anderen, bedeutet dies Anpassung und damit Tradierung oder Stabilisierung gesellschaftlicher Verhältnisse. Weicht er jedoch von den Erwartungen der anderen ab, so kann dies sowohl positiv als auch negativ sein. Innovation und sozialer Wandel sind nur möglich, wenn Gesellschaftsmitglieder von herrschenden Normen abweichen. Hier liegt auch das Feld für persönliche Freiheit und Selbstverwirklichung.

Der Mensch tritt also den Situationen als beobachtendes, beurteilendes und eingreifendes Wesen gegenüber. Er erlebt diese Situationen immer als Mitglied sozio-kultureller Wirkungszusammenhänge, in denen er spezifische Positionen und damit verbundene Funktionen einnimmt. Seine positionsbegründenden Beziehungspartner, z. B. Arbeitgeber, stellen Verhaltensanforderungen und –erwartungen an ihn, die sie durch soziale Kontrolle stützen. Dies geschieht durch Belohnung, abgestuft von partieller, direkter Zustimmung bis zur umfassenden Gewährung von Vertrauen, d. h. permanente Anerkennung und das Bewusstsein der Geborgenheit und Zugehörigkeit zu einer Gruppe, also soziale und seelische Sicherheit.

Bei Nichtentsprechung der Erwartungen tritt eine Nichtanerkennung von bloßer Ablehnung bis zur Austoßung aus der Gruppe ein und je nach dem Grad der Abweichung materielle und gerichtliche Sanktionen.

Rollenvielfalt und Rollenwechsel fordern die personale Lern-, Beurteilungs-, Koordinations- und Umstellungsfähigkeit heraus. Eine Sozialisation, die diese Fähigkeiten nicht fördert, gibt dem einzelnen auch weniger Möglichkeiten anhand, Rollen auszuwählen und auszuüben. Es treten häufiger Fehler und Enttäuschungen bei Aneignungsversuchen neuer Rollen auf. Folgende Gruppen verfügen nach Wurzbacher (6) über mangelnde Erfahrung in Rollenvielfalt und Rollenwechsel:

1.die relativ Ungebildeten,
2.alte Personen,
3.Agrarbevölkerung,
4.Angehörige dogmatischer religiöser Bekenntnisse,
5.Angehörige benachteiligter Gruppen,
6.untere sozialökonomische Schichten,
7.sozial Isolierte und
8.Personen, die in einer familiären Umgebung aufwachsen, die durch einen autoritären Vater, strenge Disziplin und Mangel an Liebe gekennzeichnet ist.



2. Abweichung und ihre gesellschaftliche Bedeutung

Die Frage, inwieweit Abweichung von geltenden Normen und Handlungsmustern Rückwirkung auf die Gesellschaft hat, wurde vor allem im funktionalistischem Erklärungsansatz zur Abweichung oder Devianz nachgegangen. Durkheim (7) hinterfragte die Wirkungen auf das gesellschaftliche System. Funktionale Wirkungen stabilisieren dabei, dysfunktionale zersetzen das Gesellschaftssystem.


2.1 Funktionale Wirkungen der Devianz

Definitionsansatz
Normalität ist nur vor dem Hintergrund abweichenden Verhaltens zu sehen. Die Definition und Sanktionen bestimmter Normen lassen deren Inhalt und Grenzen erst deutlich werden. Konformes Verhalten wird zu etwas, was belohnt wird.

Innovationseffekt
Dadurch dass Abweichungen vorkommen, werden Änderungen erst möglich. Die Gesellschaft kann sich öffnen und das abweichende Verhalten tolerieren. Abweichung macht die Mängel des Systems deutlich.

Ventileffekt
Der Ventileffekt hängt mit der Toleranzgrenze der Gesellschaft zusammen. Die Gefahr, dass Personen zu Außenseitern werden, weil sie Normen nicht befolgen können oder wollen, wird geringer.

Solidarisierungseffekt
Abweichendes Verhalten belebt das öffentliche Gewissen und stärkt gemeinsame Gefühle. Durch die Ablehnung eines Abweichlers wird ein Wir-Gefühl entwickelt. Der Prozess der Bewertung von Verhaltensweisen mobilisiert die Gruppenkräfte.


2.2 Dysfunktionale Wirkungen der Devianz

Neben diesen stabilisierenden Funktionen definierte er auch negative Effekte.

Belastungseffekt
Abweichungen stellen Störungen des Systems dar. Um ihnen zu begegnen ist ein großer Aufwand nötig, also eine Belastung und Ärgernis für die Gesellschaft.

Desorganisationseffekt
Wenn die Gesellschaft nicht über die Abweichung wachen kann, wirkt Abweichung desorgansierend.

Aushöhlungseffekt
Soziale Rollen ziehen Rechte und Pflichten nach sich. Wenn Rechte in Anspruch genommen werden und die Pflichten nicht erfüllt werden, wird das System ausgehöhlt. Es kann zu einer Schwächung der Motivation anderer Gesellschaftsmitglieder führen.

Ungewissheitseffekt
Ein System funktioniert, solange die Erwartungen erfüllt werden. Verhält sich jemand von einer Regel, die als Erwartung gilt, abweichend, stellt sich Ungewissheit ein. Es tritt eine Regellosigkeit ein, d.h. jeder verhält sich so, wie er will.

Durkheim setzte den Begriff abweichendes Verhalten in enge Beziehung zur Regellosigkeit oder Anomie. Anomie ist nur in einem umfassenden Funktionszusammenhang zwischen Individuum und Gesellschaft zu sehen. Anomie und abweichendes Verhalten sind ein soziales Problem. Diese Sichtweise ging 1930 über die Definition biologisch-konstitutioneller Bestimmungen abweichenden Verhaltens weit hinaus. Aus diesem Ansatz entwickelte sich die Anomietheorie, auf die ich später nochmals eingehen werde. Ich möchte nun zunächst eine Begriffsbestimmung der Randständigkeit oder Marginalität vornehmen.


3. Randständigkeit als Begingung der Randgruppenzugehörigkeit

3.1 Begriffsklärung

Randständige verhalten sich nicht konform. Randständigkeit oder Marginalität bedeutet immer Abweichung von herrschenden gesellschaftlichen Normen. Aus Randständigen wird eine Randgruppe, wenn sie von anderen als Problemgruppe empfunden wird und auch so definiert wird (8).

Die Mitglieder einzelner Randgruppen besitzen zwar untereinander Gemeinsamkeiten wie Wohngegend, Aussehen, Veranlagung, können jedoch nicht als soziale Gruppe bezeichnet werden. Entscheidende Merkmale einer sozialen Gruppe wie Wir-Gefühl, gemeinsame Zielsetzung, gemeinsame Werte, gegenseitige Interaktion, Kommunikation und Gruppenstruktur fehlen. Der Terminus Randgruppe bezeichnet also mehr eine soziale Kategorie oder anders ausgedrückt, eine gesellschaftliche Minderheit.

Eine genaue Definition der Randgruppe findet sich bei F. Fürstenberg (9):
„Derartige lose oder fester organisierte Zusammenschlüsse von Personen, die durch ein niedriges Niveau der Anerkennung allgemein-verbindlicher sozio-kultureller Werte und Normen und der Teilhabe an ihren Verwirklichungen sowie am Sozialleben überhaupt gekennzeichnet sind, sollen als soziale Randgruppen bezeichnet werden.“

Als Kennzeichen zur Zugehörigkeit zu einer Randgruppe gelten hier vor allem der Grad der Abweichung und die Stellung im sozialen Beziehungsgefüge. Die Einbeziehung der Organisationsfähigkeit schränkt diese Definition wiederum ein, da Randgruppen selten eine eigene Subkultur entwickeln.

Als Randgruppen gelten in unserer Gesellschaft gegenwärtig vor allem ausländische Arbeitnehmer, Nichtsesshafte, Obdachlose, Kranke, Behinderte, psychisch Kranke, Suchtkranke, Vorbestrafte, Gefängnisinsassen, Prostituierte, Homosexuelle und Bewohner von Erziehungsheimen.

3.2 Merkmale der Randständigkeit
Folgende Merkmale sind bei Randgruppen gehäuft anzutreffen:

nur bedingte Organisationsfähigkeit
Unter Organisationsfähigkeit versteht man das Vermögen eines Bevölkerungsteils, sich als Gruppe im sozialen Sinn zu konstituieren und zu etablieren, d. h. eigene Werte, Symbole, Riten hervorzubringen, Verhaltensstandards und Leistungsverpflichtungen aufzustellen und zu kontrollieren, die Fähigkeit, sich zu organisieren, um gemeinsame Interessen zu vertreten. Randgruppen sind zu einer solchen Organisationsfähigkeit nur in Grenzen fähig.

fehlende Konfliktfähigkeit
Unter Konfliktfähigkeit in diesem Zusammenhang wird die Fähigkeit verstanden, sich mit dem dominanten Bevölkerungsteil auseinanderzusetzen und Druck auf ihn auszuüben, z. B. durch Streiks, Demonstrationen. Randgruppen besitzen keine Konfliktfähigkeit, weil sie meist keine Leistung als Druckmittel in der Hand haben.

Leistungsschwäche
Fast alle Randgruppen weisen eine Leistungsschwäche auf oder verstoßen gegen die Leistungsnorm unserer Gesellschaft. Ausnahmen sind Gastarbeiter, Homosexuelle, Vorbestrafte.

Fremdbestimmtheit
Randgruppen befinden sich häufiger in größeren Abhängigkeiten als andere. Sie unterliegen häufig einer größeren Fremdbestimmung.

Räumliche Distanz
Zwischen den Randgruppen und der übrigen Bevölkerung wird häufig eine räumliche Distanz aufgebaut, z.B. abgelegene Wohngegend für Obdachlose, abgelegene Kliniken und Heime für Alte, Kranke, Behinderte, psychisch Kranke, Süchtige und Gefängnisinsassen.

Soziale Distanz
Mitglieder von Randgruppen sind häufig durch einen geringen Kontakt zur Außenwelt, d.h. zur sog. normalen Bevölkerung gekennzeichnet.

Stigmatisierung
Personen oder Personengruppen wird ein Etikett oder Stigma verliehen. Stigmatisierung ist die Verweigerung individualgerechter Beurteilung und Wertschätzung. Wer ein Stigma hat, gilt als Gezeichneter, als in unerwünschter Weise anders. Durch die Stigmatisierung werden die Beziehungen der Mitglieder von Randgruppen zur Umwelt von Anfang an verringert. Ihre sozialen Kontakte werden stark begrenzt. Eine Grundlage für gemeinsame Kommunikation fehlt.

Diskriminierung
Diskriminierung bezeichnet die negativen Sanktionshandlungen der Stigmatisierenden gegenüber den Stigmatisierten. Es bedeutet Herabsetzung und Geringschätzung durch Interaktionsvermeidung oder Interaktionsreduzierung und Verhinderung der Wahrnehmung bestimmter Rollen.

Deprivation
Deprivation wird verstanden als eine relative Benachteiligung, die sich aus der sozialen Desintegration und Isolation ergibt.


4. Theorien der Devianz

Zur Erklärung abweichenden Verhaltens und damit der Randständigkeit und Randgruppenbildung wurden zwei Erklärungsansätze entwickelt.

4.1 Sozialstrukturelle Theorien

4.1.1 Anomietheorie von R. K. Merton

Die sozial-strukturellen Theorien erklären Abweichung als eine Reaktion auf die Struktur des Gesellschaftssystems. Sie gehen auf den bereits erwähnten Begriff der Anomie oder Regellosigkeit zurück. Merton entwickelte den Ansatz von Durkheim weiter, in dem er die Frage stellte, inwieweit oder in welcher Weise die spezielle und kulturelle Struktur der Gesellschaft in unterschiedlichsten Situationen Druck ausüben, sich sozial abweichend zu verhalten. Abweichendes Verhalten ist hier ein Symptom für das „Auseinanderklaffen von kulturell vorgegeben Zielen und den sozial strukturierten Wegen, auf denen diese Ziele zu erreichen sind (10). Unter kultureller Struktur versteht Merton einen Komplex gemeinsamer Wertvorstellungen, die das Verhalten der Mitglieder einer gegebenen Gruppe oder Gesellschaft regelt, während die soziale Struktur sich auf das Geflecht der sozialen Beziehungen bezieht, in das die Mitglieder der Gesellschaft in unterschiedlichster Weise eingebunden sind. Anomie tritt dann auf, wenn zwischen den kulturellen Normen und Werten und den sozial strukturierten Möglichkeiten eine scharfe Diskrepanz besteht. Die Bestimmung abweichenden Verhaltens ist nicht einfach die Definition konkreter Verhaltensweisen und auch keine Beschreibung einzelner Erscheinungsformen von Abweichung. Merton bestimmt zwei Dimensionen, in denen das Verhalten variieren kann, den kulturellen Zielen und den institutionalisierten Mitteln. Darauf leitete er fünf verschiedenen Arten der Situationsbewältigung ab, die nicht mit Persönlichkeitstypen zu verwechseln sind:

1. Konformität
Ziele und Mittel werden anerkannt. Konformität ist die einzige Anpassungsmöglichkeit. Sie ist nur in einer stabilen Gesellschaft gegeben, in der jeder die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, erfüllt.

2. Innovation
Die Ziele werden anerkannt, die legitimen Mittel zur Erreichung sind nicht internalisiert. Dies führt zur Anwendung illegitimer Mittel. Bandenbildung

3. Ritualismus
Die Ziele sind nicht mehr erwünscht, es wird dennoch zwanghaft an ihnen festgehalten. Die institutionalisierten Mittel werden zwanghaft angewandt. Bürokratismus.

4. Rückzug
Die Ziele und die angebotenen Wege und Mittel werden verworfen. Die Personen werden apathisch und ziehen sich zurück, werden zu Außenseitern. Nichtsesshafte.

5. Rebellion
Die Ziele werden abgelehnt, neue Mittel werden gesucht. Die Personen stehen zwar außerhalb der Gesellschaft, sind aber aktiv. Sie suchen nach einer geänderten Sozialstruktur und versuchen, die bestehenden Machtstrukturen zu verändern.


4.1.2 Theorie der differentiellen Gelegenheitsstruktur

Eine Ergänzung findet die Anomietheorie von Merton durch Cloward. Er stellte fest, dass die Art des abweichenden Verhaltens vom Zugang zu illegitimen Mitteln abhängig ist. Dieser Zugang ist bestimmt durch das Lernniveau, in dem Werthaltungen, auch solche, die Abweichung begünstigen, und Fähigkeiten erworben werden. Illegitime Mittel müssen jedoch nicht nur zugänglich sein. Es muss auch die Gelegenheit vorhanden sein, die anzuwenden.

Die Anomietheorien erforschten abweichendes Verhalten, seine Erscheinungsformen und die Entstehungsbedingungen. Eine kausale Beziehung zwischen Ursachen und Erscheinungsformen vor dem Hintergrund einer Gesellschaft konnte nicht aufgezeigt werden.


4.2 Interaktionstheorien

Die Interaktionstheorien bezeichnen die Ursache des abweichenden Verhaltens als Merkmalszuschreibung.

4.2.1 Labeling approach oder Definitionsansatz

Der Definitionsansatz untersucht die Reaktionen der Gesellschaft auf abweichendes Verhalten. Die soziale Realität ist das Produkt von Typisierungsschemata, nach denen Menschen sich gegenseitig kategorisieren und nach denen sich ihre Identität formiert. Abweichen ist also keine Eigenschaft, sondern die Folge eines Zuschreibungsprozesses. Sie wird dadurch geschaffen, dass gesellschaftliche Gruppen Definitionen von Regeln aufstellen, deren Verletzung erst die Abweichung konstituiert. Durch Anwendung der Regeln auf den einzelnen werden diese dann zu Außenseitern oder Randständigen. Wird jemand als abweichend etikettiert, so wird die handelnde Person unter diesen negativen Vorzeichen beobachtet. Alle Verhaltensweisen der etikettierten Person dienen nur noch der Bestätigung der vorgefassten Meinung. Mit der Etikettierung oder Stigmatisierung wird die Weiterführung des bisherigen Lebens unmöglich gemacht. Dem Entlarvten werden Teilnahmechancen entzogen. Seinen Interaktionspartnern erscheinen seine Handlungen in einer neuen Perspektive.

Gleichzeitig verhindert der Stigmatisierungsprozess und die damit verbundene Selektion und Verzerrung der Wahrnehmung, dass neue Erfahrungen gemacht werden können. Dies schränkt die Handlungsmöglichkeit weiter ein und erhöht die Wahrscheinlichkeit weiteren abweichenden Verhaltens. Durch die Zuschreibung des Stigmas wird der Stigmatisierte noch auffälliger. Nach und nach verändert sich seine eigene Identität, d.h. die Reaktionen passen sich in das Bild ein, das die Umwelt von ihm aufgestellt hat. Es vollzieht sich der Prozess der sich selbst erfüllenden Prophezeihung.


4.2.2 Entstehungsprozess nach S. Karstedt

Susanne Karstedt hat den Entstehungsprozess der Randgruppenzugehörigkeit als „circulus vitiosus“ (11) bezeichnet. Sie markierte vier Dimensionen:

1. Gesellschaftsmitglieder weichen den herrschenden Normen und Werten ab. Sie bedrohen mit ihren Abweichungen gewollt oder ungewollt das gültige Normensystem.

2. Die herrschenden Gruppen entwickeln Strategien zur Sicherung ihrer Machtposition. Diese reichen vom partiellen Ausschluss, z.B. Abdrängen in Berufe und Arbeitsfunktionen mit niedrigem Sozialstatus bis zum totalen Ausschluss, d.h. Isolierung in totalen Institutionen.

3. Die Randständigen entwickeln entsprechend dem Grad der Ausschließung und den strukturellen Bedingungen bestimmte Problemlösungsstrategien. Sie dienen der Bewältigung des Konflikts mit der Umwelt, der Existenzsicherung und Bedürfnisbefriedigung.

4. Die Problemlösungsstrategien ziehen Reaktionen der Herrschenden nach sich, die die Randposition bestätigen und den Status des Betroffenen auf den des Abweichlers einengen, wodurch alle Handlungen unter dem Aspekt der Abweichung gewertet werden.


5. Lösungsstrategien

Stigmatisierung, Diskriminierung und Isolation führen zur Entwicklung eigener Problemlösungsstrategien. Die Strategien haben eine doppelte Funktion, die der Bewältigung des Konflikts mit der Mehrheit und die Lösung der durch die Randgruppenzugehörigkeit verschärften Probleme der Existenzsicherung und Bedürfnisbefriedigung. Dabei können individuelle und kollektive Lösungen entwickelt werden. Die Art der Problemlösung ist abhängig vom Grad der Ausschließung und den strukturellen Bedingungen. Kollektive bzw. subkulturelle Problemlösungen treten vor allem dann auf, wenn die Handlungsmöglichkeiten durch geringe räumliche Distanz zwischen den Randgruppenangehörigen und durch einen niedrigen Sozialstatus sehr gering sind. Ist die Abweichung nur partiell vom herrschenden Wertsystem und kann in bestimmten Bereichen verborgen bleiben, können eher individuelle Problemlösungen entwickelt werden. Sie sind ebenfalls abhängig von der weitgehenden Isolierung zu anderen Randgruppenangehörigen und vom Handlungsspielraum und den Fähigkeiten des einzelnen, Rollenkonflikte zu lösen.

Zu dieser Gruppe gehören Körperbehinderte, Alkoholkranke, psychisch kranke, Homoosexuelle und Prostituierte. Imn einzelnen lassen sich folgende Lösungsstratgien erkennen:

a)Rückzug
b)Neudefinition des Normalen
c)Zusammenschluss in Clubs und Sekten
d)Benutzung des Stigmas für sekundäre Gewinne
e)Anpassung an die Typisierungsmuster
f)Abweichung


Zur Bewältigung der beschädigten Identität manifestieren sich die individuellen und kollektiven Problemlösungsstrategien und Techniken. Die Subkultur bietet dem Einzelnen Selbstbilder und Rollenmuster an. Sind diese kollektiven Lösungen nicht möglich, ist der einzelne auf bestimmte Fähigkeiten zur Bewältigung von Rollenkonflikten und Ausschlussprozessen angewiesen, über die er häufig nicht verfügt. Die Integration in den Arbeitsprozess bedeutet hier auch eine hohe physische und psychische Belastung. Individuelle Problemlösungsstrategien sind häufig gekennzeichnet durch die Balance zwischen den Extremen der Überidentifikation und Ablehnung der herrschenden Normen. Durch die Identifikation mit seiner Verurteilung definiert er ein negatives Bild von sich selbst und versucht, den hohen Status des reuigen Sünders zu erreichen. Häufig soll die Abweichung auch durch ritualistisches Befolgen der Normen kaschiert werden, wie bei Prostituierten oder Homosexuellen.

Die Integration in subkulturelle Gruppierungen und die Übernahme kollektiver Problemlösungen ermöglichen eher eine Ablehnung, die ihren Ausdruck im Konfliktverhalten, z.B. Rockern, im Rückzug, z.B. Drogensüchtige oder in der Bekämpfung der herrschenden Normen, z.B. Gay Liberation Movement oder Homosexuelle Aktion, finden.


6. Aids-Prävention und Randgruppen

Für die Aids-Prävention stellt sich einmal die Frage, welche Strategien in den Risikogruppen angewandt werden, insbesondere jene, die für die HIV-Infektion von Bedeutung sind, und wie kann die Gesellschaft diesen Minderheiten oder Randgruppen Problemlösungen aufzeichnen, die einmal aus dem Randgruppendasein heraus führen und den Verhaltensweisen, die zur HIV-Infektion führen, ihre Gefährlichkeit nehmen.

Der Zusammenschluss zwischen Subkultur und Aids-Risiko muss wertfrei diskutiert werden, um Zugang zu denjenigen zu finden, für die Aids von Bedeutung ist. Nicht die Ausspielung neuer gesellschaftlicher Sanktionen wird hier zu dauerhaften Verhaltensänderungen führen. Nur die Akzeptierung der Personen in ihrem menschlichen Sosein wird die Diskriminierung verändern und damit auch zum Wandel von Wertvorstellungen auf beiden Seiten führen.



Literaturverzeichnis
1) Braun H., Leitner U. (Hrsg.): Problem Familie – Familienprobleme. Frankfurt, New York 1976, 1. Auflage, S. 58

2) Gehlen A.: Anthopoligische Forschung. Reinbek bei Hamburg, 1961. Seite 46.

3) Goode W. J.: Soziologie der Familie. In: Grundfragen der Soziologie. Band 8 von Claessens D. (Hrsg.). München 1970.

4) Messner J.: Das Naturrecht. Handbuch der Gesellschaftsethik, Staatsethik und Wirtschaftsethik. Innsbruck, Wien, München 1966. 6. Auflage. Seite 151 ff.

5) Müller H.: Sozialisation und Individualität. Kösel-Verlag GmbH & Co., München 1977. Seite 77

6) Wurzbacher G.: Sozialisation – Enkulturation – Personalitsation. In: Sozialisation und Personalisation von Wurzbacher G. (Hrsg.). Ferdinand Enke Verlag Stuttgart 1974. Seite 1^0

7) Durkheim E.: Le suizide. Paris 1930.

8) Iben G.: Randgruppen der Gesellschaft. Juventa Verlag Mpünchen 1972. 2. Auflage. Seite 19 ff

9) Fürstenberg F.: Randgruppen in der modernen Gesellschaft. In: Soziale Welt. 1965. Seite 237.

10) Merton R.. Sozialstruktur und Anomie. In: Sack F., R. König (Hrgs.) Kriminalsoziolgie. Frankfurt 1968. Seite 289.

11) Karstedt S.: Soziale Randgruppen und soziologische Theorie. In: Brusten M., Hohmeier J. (Hrsg.): Stigmatisierung 1. Luchterhand Verlag. Neuwied und Darmsrtadt. Seite 187.
 


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