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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Sonette

Das Sonett

Die Ursprünge liegen weitgehend im Dunkel, doch hat es sich als eigenständige Form im italienischen Mittelalter herauskristallisiert. Seine Erste Blüte erfuhr das Sonett durch die Dichtungen Petrarcas und Dantes. So haben vor allem auch Petrarca-Übersetzungen zur Verbreitung des Sonetts in Europa beigetragen, wie auch Opitz mit seinem Lehrbuch von der deutschen Poetery. Der Begriff Sonett heißt übersetzt "Tönchen" oder "kleiner Klang". Die deutsche Bezeichnung "Klinggedicht" stammt von Andreas Gryphius.
Ein gutes Sonett muss klingen, hat immer auch eine musikalische Note. Dies schlägt sich in der Form im Metrum und Reimschema nieder. Keine andere lyrische Form ist derart strikt festgelegt wie das Sonett, denn Versmaß, Reim, Strophenform und Länge des Gedichtes sind vorgegeben. Das vierzehnzeilige Gedicht besteht aus zwei über Reime miteinander verbundenen Quartetten und zwei anschließenden Terzetten in der Reimfolge abba - abba - oder abba - baab und cdd - cee oder cdc - ede im fünfhebigen Jambus, d.h. das Versmaß ist der Elfsilbler .
Das klassische Versmaß der italienischen Sonette ist ebenfalls der Endecasillabo (Elfsilbler), im Französischen herrscht der Alexandriner vor. Shakespeare entwickelte eine eigene Form des Sonetts, das durch drei kreuzgereimte Quartette ohne Reimwiederholung und ein abschließendes Reimpaar gekennzeichnet ist.
Das Sonett hat im Laufe der Zeit viele Abwandlungen erfahren. Versmaß und Versfuß können variieren. Was weiterhin kennzeichnend bleibt sind zwei Quartette und zwei Terzette mit umschlingendem Reim.

Mehr dazu: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/lyrik/sonett.htm

Lesen Sie nun einige Sonette aus fünfhebigen Jamben, aus Alexandrinern oder vierhebigen Daktylen
 

Schattenherz

© Vera Hewener

Ein letztes Blatt vergisst sich in den Ästen.
Es bleibt zurück und bindet Lebensklänge.
Im frühen Frost erhärtet das Gehänge.
Und spröde weht und rüttelt an den Kästen

der Vögel blind, als sei’s zum Wintertesten,
ein kalter Hauch. Er schüttet Nebelfänge
auf’s kahle Land, verschließt die hellen Gänge,
ein Schattenherz, es schlägt in weißen Festen.

Und von den Thronen eisbeglänzter Seelen
fällt alles ab, was lastet und was rostet,
was längst verbraucht und zehrt und Kräfte kostet.

Kein Augentrost, die Wärme wird mir fehlen.
Ein liebes Wort, ein lang vertrautes Lächeln
ersehn’ ich mir, dein Stern wird es mir fächeln.

In: Eine Neigung aus Blau. 2002
In: Lyrik Heute. Czernik Verlag. Hockenheim 2002.

Zeit der Stille

© Vera Hewener

Schon kahl geweht erstarrt Gehölz der Zweige.
Im Astwerk schwingt Novembers kühle Seele.
Kein Blütenstaub und keine Vogelkehle
im Nass verbleibt. Der Wärme letzte Steige

Gewölk zersprosst. Das Licht geht still zur Neige,
es flüstert noch, dass bald das Helle fehle
doch auch das Grau den Wandel nicht verhehle,
der sich vollzieht, wenn es nun schweige.

So bricht der Tag mit seinem Aufbegehren,
versinkt im Tun und lässt die Zeit entfließen.
Die Hände ruh’n im Schoß der Nacht, verließen

des Eiferns Weg. Den Schatten sich erwehren
Kamines Knistern, lädt ein uns zu genießen
das Stundenwort, die Stille zu erschließen.

In: Lichtflut. Reisenotizen in Lyrik und Prosa. 2001
.

Denkwürdig

Zum Anschlag auf die Wehrmachtsausstellung am 9.3.1999 in Saarbrücken

© Vera Hewener

Der Wehrmacht Tat gerät erst jetzt zur Bürde:
die dort gekämpft im Auftrag ihres Führers
vollbrachten manche Schreckenstaten eines Schürers,
den Tod im Blick, erhängt die Menschenwürde.

Und vor uns türmt der Totenberg als Hürde
und schweigt uns aus, er mahnt vom Rädelsführer
begang'nen Mord. Die Seele der Aufrührer
noch weiterhin tobt. Wer glaubte, heute würde

Erinn’rung läutern sieht sich genarrt aufs Neue.
Im Land des Grundrechts fehlt es einigen an Reue.
Die Spur führt uns zurück auf kahle Köpfe.

Der laute Knall, er sprengte auch die Töpfe,
die manche unbedacht mit üblen Worten füllten.
Des Anschlags Wucht die Strategien enthüllten.

aus: Vermisstenanzeige. 2000.

Winter

© Vera Hewener

In den beißenden Frost hinaus.
Ein Atemnebel züngelt. Kältestoß.
Jemandes Pulsschlag friert im Schoß
erhärteter Landschaft. Das Garaus

der Farben spiegelt Wangenrot,
jenes zittert in den Einsamkeiten.
Sprosst aus schneeweißen Wendezeiten
Kristallglanz. Eiszapfen senden das Lot

zur frühen Nacht, die Licht verdrängt.
In den dunklen Gefächern klirrt
sphärisches Glockenspiel, das flirrt

zwischen vereisten Neonröhren. Anfängt
erbarmungslos das Jahraus bei dem Versuch,
Strenge zu mildern. Brandgeruch.

In: Farben der Natur. Anthologie. Kasskara Verlag 1995.

 

Wendezeit

© Vera Hewener

Die Vögel flogen fort. Sie zogen manchen Kreis,
an stummen Ästen sprosst heraus das kalte Nass.
Der Wintergäste Töne klirren, schwirren blass
hinunter in die leeren Gärten. Es glänzt nun weiß.

Die Stuben ofenwarm geschürt und auf dem Steiß,
dem blanken, hockt sich's hart. Denn wer den Plüsch vergaß
bemerkte gleich, dass Trauer in den Wänden saß.
Hoch oben auf gefror'nen Dächern wächst Geschmeiß.

Bald hört man's rascheln, keimen in den neuen Iden,
spürt wahre Lust, mit einem Mal davon zu fliegen.
Nur wer stets langsam gräbt, bahnt Wege aus dem Eis.

Im Licht des späten Winters Keime sich versammeln.
Sie blinzeln scheu hervor, wenn Heimkehrer leis stammeln:
Die Schatten sind gewichen auf wendiges Geheiß.

In: Lichtflut
In: LYIK HEUTE. Inge + Theo Czernik Verlag. Hockenheim 1996.
In: Dichter und Schriftsteller Deutschlands 1996. Taurus-Verlag 1996..

November

Vera Hewener

Das Rotbraun der Eichen entkommt den Fichten,
geronnen die Schatten, entweichen. Im Dunkel
verfängt sich Geschichte, ein laues Gemunkel.
Die Wolkenfusionen den Zeitzoll entrichten

und karge Gewächse stumm üben Verzichten.
Von Nebel gezeichnet, verbannt im Gefunkel,
erblassen im Schalen der Stämme Furunkel.
Regionen vermodern, es fault im Vernichten.

Die Blättergruft wächst ohne Mitleid. Jetzt waltet
im Laub der Vergängnis die Zeit. Sie spaltet
den Rest leerer Landschaft, zerreißen die Tage

Kalender in Stücke. Hart quälen sich Woche
für Woche Verlorene. Laut im Gekroche
Verbliebener aufheult des Windes Gelage.

aus: Es kommen andere Ewigkeiten. WiKu Verlag 2007..

Dichters Leid

Vera Hewener

Das Schreiben ist des Dichters Lust  und Last,
ein Füllhorn gar aus Silben, Worten Sätzen,
das ausgegossen mancher weiß zu schätzen:
er isst vom Tisch als eines Meisters Gast.

Nur wer die Gunst der Stunde nicht verpasst,
wer Muße sich erlaubt, lässt sich nicht hetzen.
Es muss das Bild in deinem Herz sich setzen
bevor dazu das Schriftbild du verfasst.

Aus solcher Feder fließt das Blut der Sprache,
die flammend rot das Feuer in dir weckt
und unbeirrt den Nerv des Lebens neckt.

Die Welt ertrinkt in einer Tintenlache.
Der Leser nur kann heilen Dichters Leiden.
Wem dies zu viel, der sollte Bücher meiden.

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. Mauer Verlag 2003.
 

Dichters Land

Vera Hewener

Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken,
mein Schreibenest, halt fern mir alle Qual,
die suchen lässt und wähnt ein wortlos‘ Tal!
In dir bin ich bald ganz und gar versunken.

Von überall mir Bilder her gewunken,
da Stille spricht das Wort im Dichtersaal.
Die Fülle glüht und harrt ob meiner Wahl,
so werde ich zum Wortdieb und Halunken.

Ich kreise ein, entferne Satztiraden,
gestatte mir, ein wenig zu soufflieren,
um Übermaß und Wildwuchs zu parieren.

Es tanzen bald die Silben Reimparaden
und werfen ihre Paare durcheinander,
verschlingen sich im neuen Miteinander.

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. Mauer Verlag 2003.
.

Traumflucht

Vera Hewener

Die Scheibe weiß von Dunstvlies überzogen,
die Stille haucht herab mit leisem Flüstern
und Erdenschwere faucht aus frühen Nüstern,
sie bläht sich auf, das Feuchte eingesogen.

Ein Silberstreif, ins Blaue eingezogen,
die Enden spreizt bis Farben sich verschwistern.
Wo Sonnensporne spähen, hellgelb knistern,
ein Lichtblick scheut, der Weltenzeit gewogen.

Ihr Wärmemantel kleidet nackte Träumer,
die nachtverloren drehen ihre Leiber.
Noch unbekümmert hören Tagversäumer

die Stundenrufe, Laute aller Treiber.
Wer aufsteht, entsagt dem Traumgelüste
ist pflichtbesessen, meint, dass er es müsste.

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. Mauer Verlag 2003.
 

Pfingsten

Vera Hewener

Ich spür den Hauch in meine Seele fließen,
den Du verströmst, mit dem Du jeden bannst,
den Du erwählst, mit dem Du fesseln kannst.
Dein Wort, Dein Geist sich über mir ergießen.

In dieser Welt die Zweifel mich entließen,
da Du mir tief ins Innerste einpflanzt
des Glaubens Kraft. In Deinem Himmel tanzt
die Engelschar, den Weg sie mir beschließen.

Und ehrfurchtsvoll beschreite ich die Weisung,
die Du gesandt und lege Zeugnis ab
in dieser Zeit, wo einer Seele Lab

sich sehnt nach Dir, nach Gottes ew’ger Speisung.
Das Kreuz, das Du für alle hast getragen,
der Liebe Spur, wird in die Herzen ragen.

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. Mauer Verlag 2003.
 

Spurensuche

© Vera Hewener

Der Himmel brennt, er schneidet Feuerschluchten.
Allee des Lebens, du ziehst so rasch vorüber,
wirst unverhofft zum schnellen Herzbetrüber.
Die kalte Kraft beginnt im Tag zu wuchten.

Und in den letzten aufgehellten Buchten
verklimmt der Docht als treuer Nasenstüber.
Der weiße Rauch legt sich als Schutz darüber
im Augenblick des Abschieds aller Fluchten.

Was jetzt vergeht, ergibt sich bald in Spuren.
Ich suche mich, ich suche dich zu finden.
Ein später Zweig will unsren Baum umwinden.

Den Totentanz vollführen schon Auguren.
Wo meine Hand in deiner Hand uns bindet,
verliert das Grau, der Sterbeton, er schwindet.

aus: Eine Neigung aus Blau. BoD GmbH. Georg Lingenbrink. Norderstedt 2001.
 

Abendweihe

© Vera Hewener

Das Licht zerrinnt, vergilbt im Schweiß der Stunde,
die taggewandt ihr letztes Müh’n beschließt.
Als Abendrot im Horizont zerfließt,
entflammt das Grau, verbrennt das Blut der Wunde.

Und ihre Asche graut der Glut. Die Kunde
des Niedergangs sich übers Land ergießt,
die auch den späten Strebenden verdrießt.
Sie dunkelt alle Hast und Eil’ zu Grunde.

Die Abendweihe schweigt. Das flammende Inferno
versank im schwarzen Blau. Ich spür im Glas
des Fensters Sturm, der jene Stille fraß,

die mir vertraut, sich nach dem Licht bemaß,
das von den Nächten kommt, vom Sterbemaß.
Es zwingt zur Ruhe den, der sich verfängt sonstwo.

aus: Eine Neigung aus Blau. BoD GmbH. Georg Lingenbrink. Norderstedt 2001.
 

Anbruch

© Vera Hewener

Den Morgen lockt das Licht vergang’ner Tage.
Er tut sich auf und lässt die Zeit obsiegen.
Ein Schleier bleibt auf der Erinn’rung liegen.
Die Dämm’rung weilt, das nächtliche Gelage

im Trüben bläut, dass niemand es sich wage
das Haupt zu heben, sich in Lust zu wiegen.
Doch Schwärze und die Wehmut still versiegen.
Impuls des Lichts beendete die Klage.

Die Wolkenfelder fragmentier’n den Himmel,
der augenzwinkernd mit der Röte spielt
bis Helligkeit die weite Sicht erzielt.

Der Wind vertreibt des Anbruchs grauen Schimmel.
Wer frische Kraft geschöpft, die Zuversicht behielt,
von alter Last befreit, das Tagwerk selbst befiehlt.

aus: Lichtflut. BoD GmbH. Georg Lingenbrink. Norderstedt 2001.
 

Primiero

© Vera Hewener

Ins Blau gemeißelt. Granitgebirge sprengt
die Weite majestätisch. Wolkenfall
ins tiefe Tal hinab. Umschützt sein Wall
San Martino di Castrozza und Primiero. Mengt

Gewächs, Gehölz, Getier. Im Land sich’s drängt,
Geschichte und Geschichten. Tirol – ein Hall
aus Dolomitenklang. Von überall
beströmen dich Besucher. Eingezwängt

dein Bild. Cismon beruhigt das Treiben
auf den Plätzen. Zwingt sein Fluss zur Einkehr
den Betrachter. Kristallgewässer trotzt dem Wehr

der Felsensteine, wogt, sich’s kräuselt. Bleiben
im Ohr zurück die Töne des Parlandos
und von den Hängen der Adler schrill Kommandos.

aus: Lichtflut. BoD GmbH. Georg Lingenbrink. Norderstedt 2001.
 

Oktober

© Vera Hewener

Noch Grün durchmischt mit Rot und Gold Belaubtes.
Das Asphaltgrau gewinnt an Herbstes Farben.
Er streckt den Arm. Es ziehen Astes Narben
den Grat in uns’re Seel’, der Schwerespur Erlaubtes.

Und bricht und flieht der Stimmen jäh Ertaubtes,
verwaisen Nester und die Kronen darben.
Wo Klänge hell und zärtlich sie umwarben
zerstäubt das Licht, des Himmelszeig Geraubtes.

Der Regen fällt, er prasselt auf die Scherben.
Was lange Zeit gereift wird müh’los sterben.
Wo Rosen blühn muss vor dem Duft verneigen

die letzte Stunde sich vor dem Entfärben.
Ein grauer Tag wird ihren Tod beerben.
Und was Bestand gehabt, das wird sich zeigen.

aus: Lichtflut. BoD GmbH. Georg Lingenbrink. Norderstedt 2001.
 

Frühlingsserenade

Vera Hewener

Die weißbesetzte Welt bricht zögerlich ihr Schweigen
sie klaubt den letzten Rest an Dunkelheit zusammen
als in diesem Schwarz schon Sonnenpunkte schwammen
ließ der gehetzte Mond den Duft heruntersteigen

auf kargen grauen Ästen jetzt Knospen lustvoll weiden
in Sträuchern lichtbetrunken Goldlöckchen Glanz entflammen
im irren Rausch der Farben die Schwermut zu verdammen
und österlich Geläut’ Erlösung will beeiden

Im zart beseelten Grün Narzissen sich entfalten
die Krokusse erleuchten Blaumeisen verhalten
den Lobgesang anstimmen auf dieses junge Leben

das so ersprießlich blüht und wächst im Aufbegehren
die Liebe dieser Tage soll sich in uns mehren
dass wir so reich gestärkt das Zaudern uns vergeben


aus: Verwirbelungen der Zeit. WiKu Verlag. Köln/Berlin 2005.
 

Stiller Tag der Ernte

Vera Hewener

Das Schwarz entflieht dem Tag es schwindet das Besternte
das Licht die Nachtigall erfliegt und debütiert
mit hellem Klang sie Heinrich Heine rezitiert
als frühes Morgenrot die Dunkelheit entkernte

der Sonnenwind erzählt vom stillen Tag der Ernte
und auf dem grünen Hain ein Schmetterling vibriert
ein Käfer huscht und Blüten flattern ungeniert
der Hahnenschrei ertönt verkündet das Gelernte

Ein Lächeln mir geschenkt es fiel aus andren Tagen
als deine Stimme noch in meine Worte drang
und Kummer ganz und gar im Nu dein Kuss
verschlang

in diesem Frühjahr müssen ihn die Träume jagen
was einst natürlich schien und liebend uns verband
im Leben sich verlor im Werden neu gebannt

aus: Verwirbelungen der Zeit. WiKu Verlag. Köln/Berlin 2005.
 

Weihnachtsmarkt 17.12.2004

Vera Hewener

Das Graacher Tor scheint niemand aufzuhalten
an steilen Gassen schleift der Schritt der Zeit
sie wächst hinauf und macht die Häuser weit
und spitz Versunknes reift in all den alten

Gewölben was im Schweigen sich erhalten
sich nun in schmalen Gängen unverbleit
ertürmt und aufbricht Gegenwart verleiht
und hingeht auflöst sich im Taggestalten

Ein Inn’res das nicht erblindet sehend
den Grat des Widerscheins aus Mittelalter
am Weihnachtsmarkt Gelebtes schreibt der Psalter

und Altes über Alter am Brunnen stehend
ein Karussell das sich doch nie vollendet
und scheinbar mühelos ein Neues spendet

aus: Verwirbelungen der Zeit. WiKu Verlag. Köln/Berlin 2005.

Melodie der Frühe

© Vera Hewener

Das Lunablau beginnt am Tag zu reifen.
Ein Feuerschein am Horizont sich rundet
und unterfängt das Wolkenband, erkundet
des Himmels helles Gähnen, durchstreifen

ein Gelb und Purpur dieses Grau, ergreifen
den Glanz, der letztes Dunkeln stundet
eh’ sich’s verliert, das Morgenlicht gesundet,
die Pfeiler weißen Firmaments versteifen.

Und in den ersten wundersamen Funken
das Leben pocht und mich erstaunt berührt,
die ich halb schläfrig, noch von Nacht betrunken

die Frische atme, Perlen des Entstehens.
Die Melodie der Frühe mich entführt,
mich ganz umklart die Sänfte des Vergehens.

aus: Lichtflut. BoD GmbH. Georg Lingenbrink. Norderstedt 2001.

Moena

© Vera Hewener

1
Massiv aus Fels begrenzt das Fassatal.
Im Westen ragt empor der Rosengarten,
im Osten Alpe di Lusias Gipfel warten
und Latemars Gebirge kappt die Zahl

der Zufahrtsstraßen. Wer trotz der Qual
Moena will besuchen muss bald starten.
Die zugeschneiten Wege jene narrten,
die meinten, vieles stünd’ zur Wahl.

Doch nur die Via Dolomiti führt
zur Heimat der Ladiner. Deutlich spürt
der Gast die tausendjährige Geschichte.

Das Straßenbild, von altem Handwerk stolz geprägt,
verrät die Herkunft: Die Giebel in den Berg geschrägt.
Gesteinswelt macht Auswüchse schnell zunichte.


2
Die Via Löwy säumt getünchtes Fachwerk,
Fassaden eingefärbt in Rosa, Gelb und Blau
mit Arabesken bis zum Dachverhau.
Die Fronten lenken meinen Augenmerk

auf schmucken Zierrat vor dem Tor der Herberg’,
die ihre Gäste aufnimmt vor des Abends Grau.
Dass jeder Mensch in San Vigilio Gott vertrau
erscheint das Dorf im Berglicht wie ein Kunstwerk.

Und in den Winkeln steiler Gassen schmiegt
Geruch aus Tradition und Holzbrand Berg
und Mensch zusammen. Der Natur Gewerk

versöhnt die Schöpfung. Wer die Not besiegt,
das Leben annimmt, sich in Liebe weiß,
erfährt das Glück auf eine ganz besondere Weis’.


3
Wo Fassbinders Botega noch erhalten,
das Handwerkszeug behutsam ausgestellt,
gegliedert nach der Arbeitsphasen Welt.
Mit Kufen, Bottichen und Eimern walten

noch heute manche Bauern nach der kalten,
meist langen Winterszeit. Sie ackern auf dem Feld,
vermehren Erntegut und Wirtschaftsgeld,
um ihren Vorrat und den Stand zu halten.

Doch auch Moena zollte uns’rer Zeit Tribut.
Die Alpwirtschaft geschrumpft, die Produktion erneuert.
Das Brauchtum wird von der Region beteuert,

trägt Jahr für Jahr den bunten Narrenhut.
Musik und Tanz beim Umzug der Ladiner
erfreut das Volk und windige Schlawiner.

aus: Lichtflut. BoD GmbH. Georg Lingenbrink. Norderstedt 2001.

Spätes Lächeln

Vera Hewener

Welch mildes Blau bestrahlt des Herbstes Neige
ein festliches Vergnügen sich zu wärmen
die Seele aufzufüllen in den Thermen
sich aufzurütteln laben an der Feige

der Liebe Frucht. Verflechten sich zum Reige
das Hoffen und das Sehnen auszuschwärmen
zu zerbrechen der Schmerz beginnt zu lärmen
dass Laub zerknittert am vergess’nen Zweige

Das Lichtern bleibt umhaucht von Sonnentropfen
versprüht ihr spätes Lächeln Himmelstiefe
begrenzt die Trauerzonen Abschiedsbriefe

und stört den Wind beim Stürmen und beim Klopfen
wenn er mich schreckt wenn Zaudern mir entliefe
gelehnt an Licht zurechtgezurrt das Schiefe

aus: Verwirbelungen der Zeit. WiKu Verlag. Köln/Berlin 2005.

Göttertreiben

Vera Hewener

Es zog mich weit hinein in Hellas Schluchten
getragen von des Felsens fester Hand
ein Götterwort die Gegenwart entband
mich ihr enthob ich fiel in Zeitenschluchten

und von den Gipfeln hing herab in Buchten
Titanenhaar welch flimmerndes Türkis
es öffnete die Augen des Kalchis
dass tausend Stimmen ihre Körper suchten

Der Meeresrand versandete in Klängen
die schöne Helena küsste Paris Zehen
Poseidon schickte Winde und ein Wehen

Artemis focht verstrickt mit Eros Fängen
ein Liebeszauber lies die Götter treiben
das alte Bild sich mit dem neuen reiben

aus: Verwirbelungen der Zeit. WiKu Verlag. Köln/Berlin 2005.

Fassadenrepublik

© Vera Hewener

Malt sie nur an Wände,
macht bunt sie, farblich verstimmt.
Wer sie zum Anlass nimmt
hat längst eine Blende

gezimmert für Fenster und Türen.
Wenn der Mob sie erklimmt
hat niemand dafür gestimmt.
Feierabendallüren

trösten die Reihenhäuser wieder
über den Anschlag hinweg.
Schließlich fährt uns der Schreck

in alle verrenkten Glieder.
Hinter die Fassaden
wird niemand eingeladen.

aus: Vermisstenanzeige. BoD GmbH Georg Lingenbring. Norderstedt 2000..

Im Blumenreich

© Vera Hewener

Im Klostergarten steht ein blauer Hirsch
und röhrt im Blumenreich ein Glockenton
der Stille huldigt göttlicher Passion
mitten im Grünen geht sie auf die Pirsch

vom Monte Schlacko löst sich ein Geknirsch
von Kieseln in der Windmeditation
die Rose rügt die Staubindiskretion
mit Duftentzug ein Falter flattert wirsch

vom zitternden Lavendel Eselsdistel
sich entstäubt El Pasos Kaktusohren
sich richten für die Weisheit der Epistel

den Gartenzaun bestrahlt von Chrysanthemen
berankt der weiße Riesling unvergoren
das Reifen muss sich mit Geduld bequemen

In: Himmelsstürme. Voraussichtliches Erscheinungsdatum 1.Quartal 2009.

Schiffbruch

Die Dünung fängt, was raues  wildes Wasser
noch übrig ließ: die angeschwemmten Muscheln,
im Tang verfangne Quallen, die noch nuscheln
im Verrotten berstenden Gebälks. Erblasser

des Schiffbruchs sanken mit; Stürme grasser
verbliebner Schäden, ungeschöntes Tuscheln
der Fischerfrauen. Alte Träume wuscheln
in wirren Köpfen der Erinnerung blasser.

Sie wirren ungeklärt, der Zukunft ungewiss,
ein schroffer Fels, der manches schon zerriss
wie Segeltücher, angespannt im Wind.

In ihren Augen spiegelt sich ein Kind,
das unbedingtem Glauben sich verschrieb,
an fest gefügten Bildern sich zerrieb

Côte d’Argent, Le Porge

In: Himmelsstürme.

Regenflucht

© Vera Hewener

Ich sah in Regen ein, in Luft aus Harz und Lauben
vom Dach herab fiel Reisig, brauner Zapfenrost
die Reben leergefegt, auf Fässern trieb der Most,
die Käfer krochen langsam unter Gräserhauben.

Ein kleiner Vogel piepste ängstlich von den Gauben,
er zitterte im Federflaum, im Wetterfrost,
umkrallte Zargen gegen Böen aus dem Ost.
Von Ziegeln lauthals haderten die Tauben.

Wollt er den Luftkampf unbeschadet überwinden
so musst er fliegen lernen, jener kleine Vogel
das Nest am Ast des Baumes wieder finden,

aus dem er fiel. Zum Leben streben Organismen,
die sich dem Tod entgegenstellen im Gemogel,
sich im Regenbogen sonnen, in den Farbenprismen.

In: Himmelsstürme. Voraussichtliches Erscheinungsdatum 1.Quartal 2009.

Himmelsstürme

Als wenn ein dunkles Blau den Himmelsbogen
nach unten zieht, verhakt, vertäut und spannt
am Meeresgrund, der das schwere Band
nur halten kann, weil er es aufgesogen,

als fühlt er um das Nass sich halb betrogen,
saugt er es heftig aus der Wolkenwand,
bis alle Spuren in ihm eingebrannt
und alle Schwindel in ihm aufgeflogen:

Erstürmtes, von der rauen Welt Zerrissnes,
im Grund Verlornes, das niemand mehr vermisst.
Wer nie danach gefragt, wes Kind er ist,

hält später als Erinn’rung nur Verschlissnes
in der Hand, ein ungekanntes Meer,
ein nicht gewagtes Leben ohne Wehr.

Côte d’Argent, Le Porge

In: Himmelsstürme.


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30.08.10 Flaschen
-geister, Nebelfrauen und Bücherwürmer.
Die Veranstaltungsreihe Litera-
tissimo des Püttlinger Kulturamts fand am Freitag-
abend im Schwesternhaus statt. Ein idealer Ort, um die Geister der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zu locken. Gut 100 Zuhörer kamen, um sich zum vorletzten Mal in diesem Jahr vorlesen zu lassen. ....

02.09.10 Literatur in der “Roten Zone“ Köller-
bachs
- Vera Hewener und Georg Fox lasen im vollbesetzten Schwestern-
haus....
Eingeleitet wurde der Leseabend von Heweners historischem Rückblick in die Zeit vor dem zweiten Welt-
krieg. Dass Karl Ludwig Rug die Barmener Erklärung mitgetragen hatte und sich gegen das Naziregime stell-
te, war eine der Ausfüh-
rungen. Dass das Straflager in Etzenhofen auf Hermann Röchling zurückging, war vielen nicht bekannt.
Die Widmungsgedichte Heweners unterstrichen dies. ....

Nächste Lesung:
17.09.10 um 19.30 Uhr
Literatissimo
“Poesie im Mondschein”
Kath. Bücherei Liebfrauen
mit Margret Roeckner, Vera Hewener und EVa Dörr-Vieregge
 

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