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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Saarland-Gedichte

Bostalsee, Bosen

Laufzeit

Feuerfangen die Scherenschnitte der Stämme
verbrennen im Schoss der Lichtkralle
ich wandere auf dem Kohlepapier der Dämmerung
auf grünen Strichen im Umland

Tritte des Aufbruchs rucken an meinen Fährten
unbemerkt wächst der Umriss sichtbarer Dörfer
sie streifen die Nacht ab wie Läufer den Schweiß
wenn sie unter die Räder der Bewegung gelangen

an der Staumauer ist die Vorfahrt eingezeichnet
schräger Abriss des Damms der ins Wasser spitzt Enten rutschen auf glatte Beton in den Seegang

Asphalt geschmolzener Stahlknochen
grau grinst er in den wägbaren Himmel
Muskelspiele für die Ablösung der Laufzeit


© Vera Hewener

aus: Himmelsstürme

Bostalsee, Bosen

Im Röhricht

Unten im Röhricht seufzt die See
schwarz befiederte Stelzen stolzieren
zwischen Schilfrohr und Binsen
Raubvögel lärmen, treiben ihr Schlagwerk
in die Nistplätze, Teichrohrsänger zetern

Gezwitscher im Dickicht
Drosselbanden fliegen auf
in der Kolonie der Wasserschwaden
verkriechen Larven sich und Raupen

Rohrkolben halten die Köpfe zusammen
ihre Ährchen verfangen sich
in den Dolden der Schwanenblumen

schon spitzen Scharfrichter die Schnäbel
stochern im Schilf der Wasserpflanzen
klopfen den Boden ab
nach dem Laich der Karpfen und Hechte

© Vera Hewener
aus: Himmelsstürme

Bostalsee, Bosen

Stausee am Nachmittag

Auf zuckender See
blendet die Sonnenpeitsche
trägt mich die Fähre
lüstern leichten Wellengangs?
doch weshalb gezwungener Glanz
meine Augen tränen
eine andere Seite des Ufers?

einen Steinwurf entfernt
federt Wildentenflaum
tändelt über Pflastersteine
ins Becken hinunter
überläuft den Windhauch
den ich einatme
im Lichtkern des Nachmittags

er spuckt Wärme aus wie Lavaglut
brodelt läuft aus in Leck
aufziehenden Blaulichts
als hätte es nie zuvor Abende gegeben

© Vera Hewener
aus: Himmelsstürme

Garten der Sinne, Merzig

Im Farbgewirr
schwirren Garben
aus Blütenährchen

Märchen hütet
das Knospengeklirr


© Vera Hewener
aus: Himmelsstürme

Garten der Sinne, Merzig

Lichtgarten

lichterloh entbrennen
im Sonnenbogen
Farbgespenster

Astersternchen
ziehen ihre Bahn
Baum beschattet

Tagfalter schwirren
um mich

© Vera Hewener
aus: Himmelsstürme

Püttlingen

Püttlinger Schlosspark

Tiefgefurchte Schuppenborke bröckelt
wie ein alter Kalender um mich
unter der leichten Schräge der Birke schwingen
überhängende Zweige die Säge der Blätterketten
über den Blütenkörbchen junger Köpfe hinweg

sie tragen das verlorene Weiß
auf Maßliebchens Zungenblüten
die von gelben Stunden reden und vom Kuss
zwischen Hahnenfuß und Löwenzahn

alle in den Himmel geschlagenen Glockentöne
fallen auf die Stille zurück
die standhaft bleibt und sich ausdehnt
je mehr Kolkraben zum Tanz
der Rauchschwalben krakeelen.

© Vera Hewener
aus: Himmelsstürme

Saarbrücker Skizzen 1997

Berliner Promenade

Ja, sie blenden mich, Schweißperlen,
die auf Wellenkämmen glitzern,
da der Fluss dem Gelbkörper wehrt,
der aus den Höhen Flammen wirft.

Obschon Windäste über die Wasserhaut fächern
lodert die Stirn des Gewässers.
In dieser von Brandwunden gezeichneten Strömung
kräuseln Fische, im Gespräch mit Ankern,
eine Luftblasensymmetrie. Sie gerät in Wallung,
wenn sie auf Steinhöhen trifft,
die den geraden Lauf der Zeit behindern.

Jetzt hat die Sonnenhand den Feuersturm
über die Brüstung getrieben, löst eine Klangfolge aus,
die auf der Esplanade der Eiscafés schwingt.
Versprechungen wildern durch die Hitze,
die den klaren Blick verschmäht.
Schon das Rascheln einer Duftnote Aufsehen erregt,
inspiriert von der Sehnsucht des Sommers.

Ach, ihr kehren  jene den Rücken,
die verängstigt sind und wortlos,
die die Gunst der Stunde vergrämen.
Ich spüre die Trauer der verlassenen Tische
bis Guiseppe sie befreit von den Resten
der erotischen Blasphemie.


© Vera Hewener

aus: Lichtflut

Saarbrücker Skizzen 1997

Mittagsdissonanz

Auch das Windflüstern schläft.
Der Horizont zaudert sonnenbehaart,
spinnt seinen Bogen ins maisgelbe Flimmern
und verschwimmt zwischen dem Wolkenpuder,
den der Himmel sich auf die Lider legte.

Der Sonnenstand kulminiert,
das Zeitgespinst glüht unter der Belichtung,
trifft auf Mörtelzeichnungen, auf Häuserreihen,
auf das Staatstheater, das angegraut und benommen
zusammenzuckt, eine Erschütterung,
die durch meine Glieder fährt
und mir für einen Moment das Schaubild verzerrt.

Plötzlich steigt jemand trunken
auf die Zeiger der Mittagsuhr,
schlägt in das Herz der Sommerflur eine Tür,
unten im Gebüsch, zwischen den Heckenrosen,
dem stillen Versteck der Bänke,
auf denen Ermüdete unentdeckt ruhn
und jene Auszeit verkörpern,
welche die Ordnung des Tages verpönt.

Worauf der Erdengrund überhitzt
und unter Gräserschatten zerbricht.
Die Käfer flüchten, versuchen,
der Verödung zu entfliehen,
wie die Schmetterlinge,
die sich in Blütenkelche einschließen.
Sie sind durstig und gebeugt
in der Flora, die fiebert,
die der Saarwiese argwöhnt.
Sie taumelt versponnen
in der Dissonanz der Hochzeit.

© Vera Hewener

aus: Lichtflut

Saarbrücker Skizzen 1997

Im Schatten der Basilika

Rot leuchten die Schotterpfade
zwischen den Grasgärten,
die hinausführen auf enge Gassen,
wo Kopfsteinpflaster im Nachhall singt
und sich mich sakralen Tönen durchmischt.

Im Schatten der Basilika
hoffen Besucher auf das von Liebe gedrängte Wort.
Die in den Kneipen Distanz bewahren,
sitzen hinter diskreten Fenstern.

Schließlich weitet der schmale Weg
den Blick auf den Markt in Sankt Johann,
wo der Brunnen Vergessenen Wasser spendet,
inmitten dem Stimmengewirr,
das von den Ständen herüberbricht.

Im täglichen Handel treiben Kopf oder Zahl
ihren Schabernack bis in spätere Stunden,
wenn der Platz von Kaufresten gereinigt
und auf sauber geputzte Menschen wartet.

Schaumgefüllt sind die Gläser,
die jene Gäste zum Mondlicht halten,
das still ihre Abgänge empfängt.

© Vera Hewener
aus: Lichtflut

Bostalsee, Bosen

Lichtmaß

Tauben begurren
die Kalligraphie der Gehölze
Beschreibungen der Äste
in den Rodungen des Lichts

über die schwarzen Zweigen
Schablone des Knospens gelegt

kaum lösen sich die Schattenrisse auf
summsen Hummeln im Blühstoff
flackern in Wiesen
hauchzarte Flamme des Windlichts

Gänseblümchen recken sich
nach dem Lichtmaß
aus dem der Frühling
seine Farben schöpft

© Vera Hewener
aus: Himmelsstürme

Garten der Sinne, Merzig

Blütenbad

Schleierkraut umwölkt
grüne Speerspitzen der
Yuccalanzen
Irisschwerter
öffnen das Blau

Sonnentropfen fallen
fruchten im Schaum
aufgehender Blütenbäder

Duftwolken steigen auf
prachten
in der Sinne Wildnis

© Vera Hewener
aus: Himmelsstürme

Garten der Sinne, Merzig

Die Welle

lichtverzögert
stäubt von der Welle
Steinsame Staub

das Kiesbett
zählt die Silbertaler
im Gräserflaum

streu deinen Seelensamen
luftfarbenleicht
über die Morgenbeete

© Vera Hewener
aus: Himmelsstürme

Schlosspark Püttlingen

Frühlingsmuster

wer fädelt die Namen der Blätter in die Zweige
wer entzündet das Grün

es ist die Nahrung der Sonne
die ihr Blendwerk auf den Tag einstellt

wo sie hinabstrahlt fließen Fruchtstände über
beginnt der Frühling mit seiner Musterung

Blumen ins Graskleid gestickt


© Vera Hewener
aus: Himmelsstürme

Saarbrücker Skizzen 1997

Citymeile

Im Hitzefeld der Citymeile
schwebt die Leichtigkeit des Seins.
Über dem Kohlebrunnen
thront der Bergmann,
bedeutet der Hauptstadt das Wagnis,
ehernen Sandsteinfassaden
mit postmoderner Architektur einzuleuchten.

Zwischen Hauptbahnhof und Saargalerie
tändeln Kauftouristen zeitbefrachtet.
Die Bahnhofstraße stoppt den Verkehrsfluss,
lässt der Passage der Wünsche freien Lauf.

Arkaden spannen ein Kälteschild
und auf den Ruheinseln des Straßenpflasters
kosten Ermüdete den Nulltarif aus.

Im Blickwinkel der Schaufenster
spiegeln sich die Anpreisungen,
verlieren Werte an Bedeutung.

Unter den Sonnenschirmen der Freiluftcafés
parlieren Pausierende, die sich erfrischen
und der Zeit Unterbrechungen abfordern.

Am Ende der Citymeile
färben Ampeln den Ausgang.
Das Überschreiten der Übergänge
mobilisiert die verdrängten Grauzonen.


© Vera Hewener
aus: Lichtflut

Saarbrücker Skizzen 1997

Bürgerpark nachmittags

Stromabwärts gesellt sich der Windbaum ans Ufer,
zu beschützen die einstige Brache im Geröllbett,
das stumpf ist und meine Tritte schleift.
Es wacht den konstruierten Ruinen,
wo die Blicke der Tiefe den Turm neu erfinden.

In diesem von Ordnungen ungetrübtem Wildwuchs
Blattgrün die Klinkerwälle bescheidet,
das aus dem Rondell der Stille erwächst.
Rang um Rang dehnt sich das Schweigen,
federt in den Höhen die leichtlebigen Klänge der Singvögel.

Dort sich in Büschen widerspiegelt,
was Wildenten Luftskizzen erlaubt.
Auf dem Amethyst der Teiche
entwirft die Laune des Lichts Schattierungen,
Glanzpunkte, die irren,
aufkommendes Zinnoberrot dümpelt.

Westspangengemäuer vermisst die Distanz
der Wasserschlucht, die den Spannungsbogen weitet.
Er erhebt sich zum Zensor des Flusslaufs.

Den Brückenpfeilern Graffitigemälde
eine Hommage erweisen,
bis die Neige des Blaus ihren Hang verklärt
und die Aussicht nimmt,
den Bürgerpark vor Burbach zu bergen.


© Vera Hewener

aus: Lichtflut

Saarbrücker Skizzen 1997

Burbach

Geschäfte treiben den Nachmittag an
in der Bergstraße, die von Wärme erhellt,
ein Lot durch Burbach fällt,
vorherzubestimmen die Richtung des Dorfgangs.

Kastanienbäume beschatten Sankt Eligius
mit Blätterwedeln an den Schauplätzen der Einkehr.
Die Ampelanlage grünt nahe Gersweiler.
Während Fußgänger im Sekundentakt spurten,
errötet sie vor dem Tritt auf die andere Seite der Stadt.

Längst erneuert die Moderne die Sicht
auf die Saarterrassen, fernab
den verschwundenen Bildern der Burbacher Hütte.
Noch provisorisch erlauben die Zugänge
den Zutritt zum Gewerbepark,
den zu erahnen das Blickfeld des Betrachters formt.

Schräg gegenüber historischer Straßenzüge
quält sich die Lärmwelle durch die Hochstraße,
spurt das Gelände postindustriellen Niedergangs,
vorbei an Zapfsäulen und Brückenschlägen
und hinterlässt in den Wiesen Ersatzarbeitsplätze.

Nur die alten Hochhäuser säumen im lichten Glanz
die verlassene Zeit bis zur Malstatter Brücke.
sie schenkt ihre Zeiger der Winduhr.

© Vera Hewener

aus: Lichtflut


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30.08.10 Flaschen
-geister, Nebelfrauen und Bücherwürmer.
Die Veranstaltungsreihe Litera-
tissimo des Püttlinger Kulturamts fand am Freitag-
abend im Schwesternhaus statt. Ein idealer Ort, um die Geister der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zu locken. Gut 100 Zuhörer kamen, um sich zum vorletzten Mal in diesem Jahr vorlesen zu lassen. ....

02.09.10 Literatur in der “Roten Zone“ Köller-
bachs
- Vera Hewener und Georg Fox lasen im vollbesetzten Schwestern-
haus....
Eingeleitet wurde der Leseabend von Heweners historischem Rückblick in die Zeit vor dem zweiten Welt-
krieg. Dass Karl Ludwig Rug die Barmener Erklärung mitgetragen hatte und sich gegen das Naziregime stell-
te, war eine der Ausfüh-
rungen. Dass das Straflager in Etzenhofen auf Hermann Röchling zurückging, war vielen nicht bekannt.
Die Widmungsgedichte Heweners unterstrichen dies. ....

Nächste Lesung:
17.09.10 um 19.30 Uhr
Literatissimo
“Poesie im Mondschein”
Kath. Bücherei Liebfrauen
mit Margret Roeckner, Vera Hewener und EVa Dörr-Vieregge
 

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