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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Reisen

L’amour de l’année

Wind der Freiheit
im unendlichen Blau der Höhen
Sprache des Universums
flieht über den Staub des Planeten
streift mit seinen Fängen
Gedanken stürmischer Umarmung
Weltflucht an der Küste in La Jenny

Milleniums Sommerzeit
entlässt am geneigten Grad
das Aufbäumen der Gegenwart
verheißt ein Mehr an Zeitfracht
die Chiffre der Zukunft
in tiefem Seegang gesichtet:

Laissez passer, c’est la liberté
aimez tous les jours de l’année


Vera Hewener
aus: Lichtflut.

Atlantischer Sommer, spielerisch leicht
21.7.98

Auf der Sonnenspur
torkelt der Zeiger des Jahrs,
grün und blumig die Wiesen
und Röcke, Wanderstöcke
kommen gerändert daher,
gereist in einem Wald
aus Pinien und Kalkweiß.

Not lässt sich nicht blicken
bei diesem Strahlen der Bläue,
selbst Gemurmel der Wolken
hemmt das Lachen nicht.
Nein, in diesem Ort der Sorglosigkeit
sinnt nicht der Regen auf Rache.

Er spült das Soeben
in die Vergangenheit,
leichtfüßig und gedankenlos
wie dieser Sommer,
der seine Hitze gebührenfrei verschenkt.

Gegenwärtig ist er nicht von Bedeutung,
allein reinigen soll er die Luft
von der Schwüle der Sonnenmilch,
deren Duft nach Kokos und Palmöl
Fliegen zum Schlingern verhilft.

Wie einer Schale die Walnuss,
wie einem Windhauch die Frische,
entnimmt er dem Zeitbild Licht,
ein Spiel der gelösten Worte,
das über dem Summen der Circe
seine Lider schloss und einschlief,
in dem Menschen, die sich lieben,
ihre Liebe wiederentdecken
wie in einem Film mit Bogart,
der tiefblickende Held auf der Abschiebebank.

Frauen, die dort lieben,
tragen ungewöhnliche Namen.
Sie heißen nicht Maria.
Sie tummeln sich auf anderen Sonnenbänken,
jenseits der Rechnung von Raum und Zeit,
schwebend zwischen Himmeln im Feuerrot,
das den Abend versengt und noch brennt,
wenn das Blau sich dem Schwarz ergibt.

Vera Hewener
aus: Lichtflut.

Reise nach Aquitanien

In diesem Azorenhoch,
das der Blüte der Sonnenblumen
gelbe Konturen verlieh
und ihren Gesichtern den Kern erspross,
trauen sich Heidekraut und Lavendel
das Vereinzeln zu.

Zwischen Ölfeldern und Akazienhainen
markieren sie aufrecht
den sirrenden Asphalt der Autobahn,
wo auf entfernteren Arealen
weiße Rinder das Gras betrauern,
das sie im Austausch mit dem Sterben
auf Stoppelhöhe begrenzten,
nahe den ungemähten Wiesen,
die im Wildwuchs noch ersticken,
liegt das Leuchten
auf dem Spann des Frauenschuhs.

Während sich Rebstöcke
Täler aneignen und Hügel besetzen,
gibt die Loire historisches Gemäuer frei,
für das sich Durchreisende den Kopf verrenken.

Wenn die Dordogne
sich aus der Ferne schlingt und Städte wachsen,
nährt sich der Fensterausschnitt gegenständlich
mit Bildern aus Grau und Beton,
Bilder, die sich über die Garonne retten,
jene Bilder, die in Minuten Natur zersetzen
in einen Rückstau aus Vergangenheit.

Dort liegt Bordeaux mit seinem Hafen
und schwerem Geschütz der Häuser,
Bordeaux, das der Geschichte trotzte
und seinem Handel Zuflucht gewährt.

Erst später öffnet sich Aquitanien
zu einer Landschaft,
die natürlich wächst
und seine Gäste schützt,
uns, die wir einfallen
in den Frieden der Dörfer
und die Ruhe der Stunde.


Vera Hewener
aus: Lichtflut.

Sommerdrachen

Im Sand der Meeresbucht der Kampf den Sinn verlor,
der dich verzehrt, ergreift, so lange du ihn führst.
Wo milder Abendwind das Menschliche beschwor,
entkleidet sich der Schmerz, das Sehnen du erspürst.

Ein Sonnentropfen schweißt mit Hitze und mit Glanz
das Wundmal zu. Es heilt die leere Existenz.
Die Schatten werden leicht und groß die Toleranz.
Es atmet Körperduft in voller Provenienz

für Tage. Doch schon bald die Säfte ausgeleert,
die Wesenshülle schläft, die Blicke abgekehrt.
Der Abschied naht heran, die Lust wird stumm und schweigt
und Wehmut wiegt das Land. Ein Sommerdrachen steigt.


Vera Hewener
aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. Mauer Verlag.

Frühling in Burgund


In diesem Farbenrausch
aus dem die Blüte der Rapsfelder
ihr süßes Aroma gewann
schwankt gelb betäubt hochroter Mohn
auf Weizenähren und Gräserpfriemen
tropft aus dem Viadukt frühes Taulicht

jenseits des Rotbuchensaums der Landstraßen
unter dem Kabeltwist der Oberleitungen
durchpflügt der TGV Burgund
hypnotisiert mit seinem Blinken
Birkeninseln Ahornhaine

Laubtunnel öffnen die Zufahrt
zu Dörfern aus mittelalterlichem Bestand
Turm bewacht Brücken beschützt
wallen Geranienkaskaden aus Tontöpfen
wildern Rosenbüsche vor den Portalen
der Landhäuser

Wasserfontänen sprudeln aus Brunnenschalen
verrieseln sich in der Höhe
perlen ab in den Beckengrund

Hin und wieder wirft jemand eine Münze ins Licht
Kreise ziehend für Reisende
auf der Karte der Neuzeit


© Vera Hewener
 

Septembermorgen in der Brenne

Weithin gefurchte Böden der Äcker
Maisfelder aus braun gedorrten Laubblättern
abgemähte Wiesen blaues Gewölk
das den Lichtschleier hebt am Horizont der Höfe:
Dächer gruppieren sich zu Straßen
Silos simulieren vor Getreidespeichern Kapellen

über dem Vibrieren der Autobahn
wachgetrommelt vom Räderwerk Reisender
steigen weiße Schwalben auf
erfliegen im Naturpark der Brenne
Brücken über die Gräben des Asphalts
die entschwinden je tiefer der Blick
ins Innere der Landschaft dringt

©Vera Hewener

Strandgang

Meerschaum
lichtwindige Wellenkrönung
entglitzert im Sandgeriffel
Sonnenfön trocknet Skulpturen
aus Sandwurms Geschriffel

im seichten Priel
graben die Zehen
blubbert Muschelgegluckse
wirbelndes Flöhegemuckse
pickt mich beim Gehen

©Vera Hewener


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Fruchtbares Feld

Gräser einer vergangenen Zeit
spriessen wie seltene Orchideen
aus dem Sand des Erlebten

Hast du dies fruchtbare Feld
je erblickt das du ersehntest

Und Jahr um Jahr
sich das Blühen über dem Beet verstreut
das du gedüngt mit den Antworten
die dich das Wachsen lehrte

Wo die Fragen verstummen
wird kein Same mehr sein

© Vera Hewener

Nächste Lesung
26.04.12 um 16.00 Uhr
“Lass uns Rosenranken flechten”
Haus Vita, August-Klein-Pfad 4
Saarbrücken
 

Presse
15.02.12 Wie man Schülern Gedichte nahebringt. Schriftstellerin Vera Hewener aus dem Köllertal im neuen Lyrik-Leseheft für den Deutschunterricht des Cornelsen-Verlags. ..Auch das Gedicht »November« der saarländischen Schriftstellerin Vera Hewener ist enthalten, um die Ausdruckskraft eines Sonetts zu erschließen. ...

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