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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Nachtgedichte

Die Nacht  (I - XV)


I
Nacht du legst dein dunkles Gewebe
um die Schulter der Stunde
Stola des Verborgenen

Nacht nach der sich das Leben sehnt
in der Umklammerung des Lichts

Nacht die uns unsren Tiefen preisgibt
dem Unsichtbaren wehrlos anvertraut
wenn sie sich in uns ereignet


II

Während noch hörbare Töne
uns begleiten gehst du
durch den Vorhang des Schwindenden

das Stillen der Ruhe
eine Gewissheit natürlichen Verlusts

Verschwenderin des Unergründbaren
wendet das Erklärende
im Verlängern des Verharrens


III

Wie füge ich die Flügel des Sternenvogels
in die Laufbahn des Funkelnden
wenn die Nacht mir ihre dunkle Schulter zeigt

die volle Farbe der Trauer
im vollkommenen Verlust
ertrunken in der Tiefe des Weltalls
das Unabwendbare beschließt mich


IV

Höhle der Nacht
Nestwärme
sternenträchtiger Geborgenheit

in der Zuflucht der Träume
reibt sich Hoffnung mit dem zu Erwartenden

Wundpflaster des Abschieds
haftet auf dunkelsüchtigen Tränen
das Hinscheidende noch einmal
hinhaltend in das Fruchtwasser
des Seins


Vera Hewener

aus: Es kommen andere Ewigkeiten. WiKu Verlag 2007.
 

Nacht fällt ins Licht

Aus diesem Nachtgewand
das der Stille der Träume
Vision und Geheimnis beließ
und sein Anthrazit über den Morgen ergoss
spinnen Sehnsucht und Wünsche
ein Tuch aus Seide

Über dem Lichtbogen
schwirrt der Glanz
der den Tag anruft
und den Träumenden ins Leben stürzt
in die Welt die laut ist und grell

Kein Hadern kann das Entrinnen
der Dunkelheit brechen
die mit ihrem Rückzug
die Wirklichkeit entblößt
und das Gebäude des Tags aufschließt

Die Geburtsstunde leuchtet
jene Stunde die uns die Nacht nicht nimmt
und das Erwachen erzwingt

Der Tag wächst ins Blaue
und mit ihm das Sterben der Zeit

Vera Hewener

aus: Verwirbelungen der Zeit. WiKu Verlag 2005.
 

Nachtfahrt

Geläuf des Jahres
böscht den Grat
auf der Höhe der Farben

ungehinderte Ströme
füllen sich mit Kiesel
löschen den Schutt
in der Senke der Zeit

talwärts
stürzen Wolken
in den Dunstkreis

wo uns die Nacht wuchs
vor dem Dämmern

wo der Kahn
im dunklen Fluss
Kreise zieht
für die verlorene Stunde

in der das Herz
im Verborgenen schlägt

Vera Hewener

aus: Es kommen andere Ewigkeiten. WiKu Verlag 2007.

Umschreibung der Nacht

Ich gehe den Weg, der sich biegt und beugt
und reibe mich auf am Rauen des Betons.
In den Straßen glüht Licht, eine Liebesdame äugt,
ein Mann spricht sie an, er spielt mit zwei Jetons.

Die Nacht ist leer und verbraucht, ich suche das Geräusch,
das mir sagt, die Stunde lebt, sie teilt die Zeit mit mir.
Doch die Stimme ist wie die Jungfrau so keusch,
kein Verlangen sie mir brennt, ich ersterbe in ihr.

Das Gemäuer der Nacht ist wie fahles Fleisch,
das der Metzger erstach, vergaß einzufrieren.
Es liegt Verwesung im Schwarz, einer Totenruhe gleich.
Im Fluch der Verbannung Neonröhren poussieren.

Mein Zimmer ist nah, die Beine nicht schwer,
mein Sinnen den Verstand strapaziert und bespürt.
Ich erlange den Schmerz, des Daseins Gewähr,
die Umschreibung der Nacht das Leben verführt.

Vera Hewener

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. Mauer  Verlag 2003.
 

Lichtwechsel

Jeder Atemzug des Abendwinds hallt
in die Dämm’rung des untergehenden Lichts,
das sich mit letzter Kraft gegen das Graue stemmt
am sich krümmenden Horizont. Der Abschied krallt
sich ins Purpur, wo die Schwärze des Nachtgesichts
sich schon brüstet, von Sterntönen überschwemmt.

Kälte kauert jetzt im Windfall, glüht
auf den Wangen des ausgetrockneten Steins,
der den Vollzug der Zeit mit seiner Härte blockt.
Das Zerfallen des Augenblicks Sekunden versprüht
auf den Uhren, Kommen und Gehen werden eins,
alles verschmilzt, das Universum frohlockt.

Schwere schwindet sanft im Rotgold, flieht
in die Stille des sich erhebenden Monds,
bündelt im Mauerwerk Risse des Zeitmoders,
der sich auflöst, entwoben aus dem kargen Ried
leerer Straßen. Aufgesang eines Eleisons
hymnisch erklingt im Anblick des Geloders.


Vera Hewener

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. Mauer Verlag 2003.
 

Mondhymne

Im Glanz deiner Stunden
stirbt Seelendunkels Kind
Du stiftest Visionen neu
das traurige Auge wird blind

Mond, Sonnenspiegel der Finsternis

In deiner Schutzzone
Küsse verlieren sich leicht
Von Venusgeflüster umkost
verbotene Schranke weicht

Mond, Himmelskrone

Beleuchter der Sternenkarte
weist den Verirrten den Weg
Die Schutz suchen im hellen Schein
kauern am hölzernen Steg

Mond, Rettungswarte

Unter deinem Baldachin schlafen
alle Erdkreaturen
In deinem Schoß wiegst du sanft
keimende Lebensspuren

Mond, Lebensträger
Vollstrecker der Zeit
galaktischer Wächter

Mond, Liebespatron
weißer Schwan der Nacht
Lichtbanner

Mond, kosmischer Staub
Hüter des Sternentors
Mitternachtsgott

Vera Hewener
aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. Mauer Verlag 2003.

Mondtöne

Wir lernen das Hören der Töne
herabgeholt aus den Höhen
jeglicher Kindheit
und kleiden uns ein
mit dem Lied des staubigen Monds
er träumte zu lange schon
einen wundersamen Sommer

Vera Hewener
aus: Verwirbelungen der Zeit. WiKu Verlag 2005
.


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30.08.10 Flaschen
-geister, Nebelfrauen und Bücherwürmer.
Die Veranstaltungsreihe Litera-
tissimo des Püttlinger Kulturamts fand am Freitag-
abend im Schwesternhaus statt. Ein idealer Ort, um die Geister der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zu locken. Gut 100 Zuhörer kamen, um sich zum vorletzten Mal in diesem Jahr vorlesen zu lassen. ....

02.09.10 Literatur in der “Roten Zone“ Köller-
bachs
- Vera Hewener und Georg Fox lasen im vollbesetzten Schwestern-
haus....
Eingeleitet wurde der Leseabend von Heweners historischem Rückblick in die Zeit vor dem zweiten Welt-
krieg. Dass Karl Ludwig Rug die Barmener Erklärung mitgetragen hatte und sich gegen das Naziregime stell-
te, war eine der Ausfüh-
rungen. Dass das Straflager in Etzenhofen auf Hermann Röchling zurückging, war vielen nicht bekannt.
Die Widmungsgedichte Heweners unterstrichen dies. ....

Nächste Lesung:
17.09.10 um 19.30 Uhr
Literatissimo
“Poesie im Mondschein”
Kath. Bücherei Liebfrauen
mit Margret Roeckner, Vera Hewener und EVa Dörr-Vieregge
 

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