|
Die Metrik
Lesen wir einen Text, fällt uns auf, dass wir Silben unterschiedlich betonen. Es gibt betonte und unbetonte Silben. Folgen betonte und unbetonte Silben einer Regelmäßigkeit, entsteht ein Rhythmus wie bei der Musik. Die Metrik beschreibt also den Sprach-Rhythmus.
Hebungen und Senkungen bestimmen das Regelwerk der Metrik. Analog zum Takt in der Musik gibt es in der Dichtkunst die Versfüße. Gehen wir den Dingen auf den Grund oder fühlen wir der Sprache mal auf den Fuß, den Versfuß. Hier die gebräuchlichsten Versfüße:
Jambus
einer unbetonten Silbe ( ~ ) folgt eine betonte Silbe ( - ):
Vernunft genug geübt
~ - / ~ - / ~ - /
Beispiel: vierhebiger Jambus
Liebesschwur
© Vera Hewener
Ich will in deiner Stille weilen, und hören auf des Herzens Schlag, den Blick, das Wort, das du gesprochen und warten auf den neuen Tag.
Ich will an deiner Seite stehen, und spüren wie die Flamme naht, die uns im Diesseits hat ergriffen, uns schmerzhaft brennt den Seelenpfad.
Ich will mit deinem Pulsschlag fühlen, und leben an dem Ort der Welt, den er uns beiden zugewiesen, bestehen, wenn die Frage fällt.
Ich will mit dir den Kelch austrinken, will atmen diesen Himmelsduft. Ich will mit dir ins Feuer sinken, wenn uns der Klang der Klänge ruft.
Aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. 2003.
Trochäus
einer betonten Silbe folgt eine unbetonte Silbe:
eine schöne, bunte Wiese
- ~ / - ~ / - ~ / - ~ /
Beispiel: vierhebiger Trochäus
Schwärmerei
© Vera Hewener
Amorette, Amorette, in den Lüften schwingt dein Charme. Aus den Düften schlägt Alarm Herztakt, tropft aus der Pipette heißes Blut, und die Motette zärtlich spielt. Die Pirouette dreht im weichen Rosenbette ehrfurchtsvoll der Liebe Schwarm.
Lyrische Annalen. Hrsg. Dr. Herbert Gröger. Eppertshausen 2000. In: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. 2003.
Daktylus
einer betonten Silbe folgen zwei unbetonte Silben
Herrliche Zeiten sind’s, Brüderchen
- ~ ~ / - ~ ~ / - ~ ~ /
Beispiel: auftaktiger vierhebiger Daktylus
Umschreibung der Nacht
© Vera Hewener
Ich gehe den Weg, der sich biegt und beugt und reibe mich auf am Rauen des Betons. In den Straßen glüht Licht, eine Liebesdame äugt, ein Mann spricht sie an, er spielt mit zwei Jetons.
Die Nacht ist leer und verbraucht, ich suche das Geräusch, das mir sagt, die Stunde lebt, sie teilt die Zeit mit mir. Doch die Stimme ist wie die Jungfrau so keusch, kein Verlangen sie mir brennt, ich ersterbe in ihr.
Das Gemäuer der Nacht ist wie fahles Fleisch, das der Metzger erstach, vergaß einzufrieren. Es liegt Verwesung im Schwarz, einer Totenruhe gleich. Im Fluch der Verbannung Neonröhren poussieren.
Mein Zimmer ist nah, die Beine nicht schwer, mein Sinnen den Verstand strapaziert und bespürt. Ich erlange den Schmerz, des Daseins Gewähr, die Umschreibung der Nacht das Leben verführt.
In: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. 2003.
Anapäst
zwei unbetonten Silben folgt eine betonte Silbe
kräht der Hahn in der Früh
~ ~ - / ~ ~ - /
Amphibrachys
einer unbetonten Silbe folgt eine betonte und eine unbetonte Silbe
betrübte Gedanken mich quälen
~ - ~ / ~ - ~ / ~ - ~ /
Beispiel aus zweihebigen Amphibrachen in den Versen und dreihebigen im Refrain.
Text aus dem Libretto Schrei der Freiheit © Vera Hewener
2. Akt, 10. Szene, Chor der Dichter
FRAUEN Wir schreiben, wir bleiben, wir reimen, verleimen die Silben, wir bilden die Versfantasie.
MÄNNER Wir klauben, berauben, wir schrauben die Trauben aus Worten, verorten den letzten cricri.
ALLE Wir tanzen den Tango der Wörter, geschrieb’ner, gesproch’ner, erhörter, harmonisch umwundene Melodie.
Wir tanzen den Tango der Wörter, gespielter, erträumter, beschwörter, in Reimen gebundene Poesie.
FRAUEN Wir dichten, verpflichten, berichten Geschichten aus Sätzen, vernetzen das Herz mit Verstand.
MÄNNER Wir hegen und pflegen, verwegen wir legen die Schilder der Bilder aus Gold in den Sand.
ALLE Wir tanzen den Tango der Wörter, verwunsch’ner, verfluchter, verstörter, in Strophen verschlungene Rhapsodie.
wir tanzen den Tango der Wörter, versüßter, verschönter, betörter, aus Sprache gesungene Sinfonie.
die Versfantasie, den letzten cricri, uns alle berührende Poesie.
Kretikus
einer betonten Silbe folgt eine unbetonte und eine betonte Silbe
totenbleich liegt er da
- ~ - / - ~ - /
Spondeus
zwei betonte Silben
Sei still, Kind!
- - -
Versmaß
Es gibt einhebige und mehrhebige Versfüße, die unvollständig ( eine Silbe fehlt), vollständig (genaue Silbenzahl) oder übervollständig (eine Silbe mehr) sein können.
vierfüßiger Trochäus:
Liebe lässt das Blut aufwallen
- ~ / - ~ / - ~ / - ~
vierfüßiger Jambus:
Bei einem Wirte wundermild
~ - / ~ - / ~ - / ~ -
Mehrhebige Versfüße ergeben einen Vers. Es gibt jedoch auch einhebige Verse. Je nach Länge kann man sie auch als Monometer (Einmesser), Dimeter (Zweimesser), Trimeter (Dreimesser), Tetrameter (Viermesser), Pentameter (Fünfmesser), Hexameter(Sechsmesser), Heptameter (Siebenmesser) und Oktamesser (Achtmesser) bezeichnen.
Mehr dazu: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/lyrik.htm
|