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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Meergedichte

Sprache des Ozeans

Das Glitzerfeld im Strahlenkranz der Sonne strebt zum Licht
blaue Inseln in sandfarbener Wasseroberfläche
von Silberstreifen durchbrochen

am entfernten Küstenrand klebt ein trübes Band
glimmt in den Aufhellungen türmt Häusergebirge auf
als einen Abdruck menschlicher Behausungen
im mystischen Fels den der Nebel ausblich

im Wind hängt die Sprache des Ozeans
kreiert mit den Seevögeln ein vereinigtes Königreich
als fände der Eroberungskampf eine Wiederkehr
in den Anlandungen der Wellenkämme

Vera Hewener

aus: Verwirbelungen der Zeit. WiKu Verlag 2005.

Messwerk der Erinnerung

Die Barke hängt am Pflock des Abgestandenen
Kapitän Hooke spukt sich durch das Leintuch
für das Messwerk der Erinnerung totenbleich

aufgerollt das Bramsegel hängt schräg im Seil
dreht den Wind in die alte Richtung
bis das Zeitpendel in die Gegenwart zurückschlägt

im brackigen Kielwasser steht das Steuerrad still
stemmt das Tau das Gewicht einer Vergangenheit
die als Abenteuer noch in unseren Köpfen kämpft

Vera Hewener

aus: Verwirbelungen der Zeit. WiKu Verlag 2005.

Meersand

Vor lauter Sand versinken meine Füße
in tiefere Schichten graben sich ein
in Staubpartikel Zehe für Zehe
hinterlassen Kuhlen wieder und wieder

Wie durch eine Bö die den Sand
ans andre Ufer weht
und auf die Steine des Zurückgelassenen stürzt
unversehens ins Namenlose fliehend
erscheine ich klein und fremd

So unwirklich wie das Licht wirft mein Schatten
sich in deinen Schatten Sand du Staub der Erde
du allen Anfangs Grund wartest auf Rückkehr

deine Tiefen füllen sich ein ums andere Mal
ergeben sich dem Gesetz der Wellen
meine Zehen reinigend vom Zeitlichen

Vera Hewener

aus: Es kommen andere Ewigkeiten. WiKu Verlag 2007.

Le Porge
5  Die Langsamkeit

Der üppige Reichtum des Strandes
verleitet zu Leichtsinn.
Ein nicht enden wollender Tag
streckt das Leben und das Sommerloch.
Ich lese zu lange, die Stundenuhr
zweifelt am Ernst der Zeiger.

Ballclaqueure und Wellenreiter
sind die einzige Bewegung.
Kinderstimmen versetzen die Luft
in einen Tonteppich, auf den Silben
krächzen Sekunden minutenlang.

Erst der Abend bricht mit dem Wellenkamm,
der jetzt weiß schäumt und den Sand spült.
Es bleiben die Vergessenen, die den
Sonnenuntergang nicht verpassen wollen.
Die Dunkelheit verbittet sich den Zeigefinger.

6  Verschiebung

Ein fiebriges Kribbeln verdampft im Wind,
das Geheul der Flut lockt zu Abenteuern,
gegen die Sandwand peitscht der Wellenschlag,
der stückweise die Konturen verschiebt.

Das wilde Herz erwacht und reißt aus dem
Sommerdämmer das Verwegene,
das mühsam in Grenzen Gehaltene.

Noch in dieser Stunde
werden Muschelberge sich auftürmen
bis der Ozean sich besinnt.

Zurück bleibt das Aufgewühlte,
das im Stürmen der Blauäugigkeit
die guten Vorsätze vergaß oder nicht.

In jedem Fall forderte der Kampf
eine verstörende Kraft.

Vera Hewener
aus: Eine Neigung aus Blau. Libri 2002..

Wolkenfuge

Sonnenringe verzerren die Entfernung
überlagern den Weitblick der den Horizont
in blaue Streifen teilt in Wolkenfugen
Windklänge eine Raumsinfonie
aus hitzigem Mittagsdur

über der Gischtspur schwirren Möwen
greifen nach der Zeitmelodie
die kein Verständnis hat für Aufgeschrecktes
und die Eile von den Wellen spült

im Regelwerk der Stunden pendeln
die Silberflächen des Meeres
treiben sich gegenseitig an
bis die Krümmung des Lichts
die Konturen im Unkenntlichen bricht

Vera Hewener
aus: Es kommen andere Ewigkeiten. WiKu Verlag 2007

Wolkenschauer

Wurfgeschosse Sturm geladenen Donners
verbrennen den Sand
Quellerstengel windgetrieben
fegen über die Salzwiese

vom Horizont aus
rollt meterhoch
der dunkelgrau gepeitschte Wellentreidel

Blitzaufnahmen
rücken das Ufer ins Licht
meine Augenlider blinzeln
wie alte Polaroidkameras

Schauermärchen spiegeln sich
Schwarzweißbilder
die in der Gischt vergilben


© Vera Hewener
 

Rhapsodie in Blue

Wenn das Vogelpaar zärtlich schnäbelt,
endet das Zwitschern, Töne fliegen,
von Sehnsucht erhoben, hoch hinaus,
in den weit geöffneten Himmel.

Die im Wasser des Lebens baden
weilen in der Welt wie die Sonne,
Zenit erhellender Schwingungen,
Umarmung, gezeichnet von Küssen,

             die brennenden Fackeln,
die kühlen im Schatten des Mondlichts,
spät, wenn die Hitzewelle sich bricht.

Gischt spült tosend die alten Kleider
an Strände, wo sie, wenn gefunden,
von anderen getragen werden
aufs Neue, immer wieder, weiter,
in Wiederholungen, in Zeiten,
in Gezeiten, die Ebbe wagen.

                       wir wagen weit hinaus,
ins Meer wir fluten mit der Brandung.
Komm auf die Sandbank, Träumerin,
die trocken für den Moment, wartet
auf die Stille des Rausches, Lichtstille,
Nacktheiten, nackt mein Körper, mein Blick,
mein Denken, nackt nur sehen wir uns,
nackt nur weben wir die Sekunde ein,
weben ein Kleid der Unendlichkeit.

                         Augenblick der Sinne,
unserer Sinne, die verströmen,
ineinander fließen. Wir sind Meer,
vom Rauschen berauscht, im Schwindel wirr,
seekrank durch das Wogen der Wellen,
kraftvoll die berstende Brandung,
wenn die Flut das Land verheißt, dürstend
nach Überschwemmung und hungrig
nach Nahrung, des Wassers Mineral.

                         Bronn der Sehnsüchtigen,
Sehnsüchtige, die ohne Fragen
sich ins Wasser stürzen, hoffnungsvoll,
dass die Sandbank gewartet, bevor
sie sich dem Überfluten ergibt.

Wer weiß schon, wo das Meer ins Land reißt,
es nicht mehr hergibt, es ganz verschlingt,
in der stürmischen Umklammerung
seiner Wasserarme fast erstickt.

                         Selbst in dieser Strömung
wirft das Gewoge zurück ans Ufer
uns, Wurzeln schlagend im Boden,
den das Mineral befruchtet hat,
kostbar wie die Perlen der Muscheln.
Wir tauchen nach Muscheln, auf Suche,
auf der Suche nach jenen Perlen,
die aneinander gereiht ketten,
Lebensketten schmieden, der Mythos,

                       Meer, das Mysterium,
unvollkommen vollkommen, jenseits
bedeutungsvoller Worte, Unschuld
in undurchsichtigem Blau gemalt,
zweifelhafte Erscheinung, Betttuch
der Schöpfung, Transparenz zwischen Tod
und Leben, Gratwanderung des Ich
im Wollen, Denken, Fühlen, Lieben,
die Welt, wie sie nackt ist, Vorgeburt.

                       Nichts im Nichts, Traum im Traum,
Galaxien ohne Sonne, schwarz,
schwarze Löcher, Kontinuum
der Entfernung, bis der Horizont sie
bindet, Zeitband, schnellt zurück uns,
die wir ketten am Traumland, uns,
sterbend am Tag, uns trifft der Flügelschlag,
die sich gebären, Geborene,
Gebärende, Nachgeburt.

                         Spiralnebel, Sterne,
Andromeda, die Wiedergeburt,
Nachwort im Wortlosen, dreht sich, schweigt.
Ich stand auf der Wiese, staunte scheu,
im Blinzeln des Lichts, sah dich Aura
im Vollkommenen, dich Lichtblende,
Schattenbild, Trugbild des Nichts, allein,
du mit der Perlenkette, Glitter,
ich reise mit dir, wenn das Land reißt

                         im Zeitsprung gebunden,
wenn Wasser sich formt, fließt, wellt, wogt, bricht,
wir in uns gebunden, wir in uns
gekettet, geschmiegt an die Perlen,
Lebensschmiede, Eisenkette schwarz,
weiß, Grau im Grauen, blau im Blauen,
stille Unschuld, gesichtet in Schuld,
weilt in der Welt, Welt wie die Sonne
Zenit erhellender Schwingungen,

                       Ton, Töne, Rhapsodie.


Vera Hewener
aus: Bist Himmel mit und tausend Feuerfunken. Mauer Verlag 2003.

Meeresdämmerung

In der Dünung
die aus dem Nebelmund
Paläste entsunkener Nächte aushauchte
schoben die Äste der Pinien
das Grau von der Lichtkuppe der Wolkenberge

Mond wob seine weißen Quellen
durch den Sternenstaub
die bleichen Dünenrosen fröstelten
unter den verbläuten Gestirnen

fernab den gewaltigen Weiten
erhoben sich erste Laute:
das Schnarren der Sandwürmer
das Schleifen der Meerzunge
der Balzruf der Tauben

unter dem Dämmerungsschleier blinzelte die Sonne
wie das Rosa knospender Flechten

© Vera Hewener

Aufruhr

schon sinkt das Licht
ins Häusermeer
wolkenschweres Wischwasser
schwärzt meinen Blick
und an die ungeschützten Fenster
klappern kiefertief
ungezählte Zapfen

abgerissen vom Wind
bohren Ginsterschoten
sich in den Humus
öffnen den Durchfluss
für die von Wolkenschreien
ausgestoßenen Bittertropfen

mein Haar Böen zerzaust
klatscht gegen meine Schläfen
den Aufruhr dunkler Stunden


© Vera Hewener


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30.08.10 Flaschen
-geister, Nebelfrauen und Bücherwürmer.
Die Veranstaltungsreihe Litera-
tissimo des Püttlinger Kulturamts fand am Freitag-
abend im Schwesternhaus statt. Ein idealer Ort, um die Geister der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zu locken. Gut 100 Zuhörer kamen, um sich zum vorletzten Mal in diesem Jahr vorlesen zu lassen. ....

02.09.10 Literatur in der “Roten Zone“ Köller-
bachs
- Vera Hewener und Georg Fox lasen im vollbesetzten Schwestern-
haus....
Eingeleitet wurde der Leseabend von Heweners historischem Rückblick in die Zeit vor dem zweiten Welt-
krieg. Dass Karl Ludwig Rug die Barmener Erklärung mitgetragen hatte und sich gegen das Naziregime stell-
te, war eine der Ausfüh-
rungen. Dass das Straflager in Etzenhofen auf Hermann Röchling zurückging, war vielen nicht bekannt.
Die Widmungsgedichte Heweners unterstrichen dies. ....

Nächste Lesung:
17.09.10 um 19.30 Uhr
Literatissimo
“Poesie im Mondschein”
Kath. Bücherei Liebfrauen
mit Margret Roeckner, Vera Hewener und EVa Dörr-Vieregge
 

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