Insel DFG 3 SB Saar 3 Schlossbrunnen klein020302 Enten DFG 3

Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Ladinische Aussichten

Ladinische Aussichten 
27. März 2002


© Vera Hewener

Corvara, eine Gemeinde mit fünfzehntausend Touristenbetten, drei Lebensmittelläden, drei Sportgeschäften, zwei Boutiquen, mehreren Geschäften mit Artikeln des Kunsthandwerks, kurzum eine Gemeinde, die alles hat, was man zum Leben benötigt, die jedoch ohne den Schnickschnack unserer Konsumgesellschaft auskommt. Die Beschreibung der Touristikbranche spricht vom einfachen Leben, das selbst schon zur Kunst geworden sei. Je länger man sich hier aufhält, desto bewusster wird einem diese Distanz.
Die Alpwirtschaft wird nur noch von wenigen Bauern betrieben. Manche Berghöfe sind bereits zerfallen, der Mörtel des Mauerwerks aus aufgehäuften Kalksteinen zerbröckelt, verwitterte Bretterverschläge und Fensterläden an zerborstenen Scharnieren hängen von den Wänden herab. Die Menschen unterhalten sich mal in deutscher, mal in italienischer Sprache. Mit Touristen redet man deutsch, als sei dies die Muttersprache. Da mich dies verwundert, spreche ich im größten Supermarkt des Ortes die Verkäuferin an. Eine ältere Dame, die mit der jüngeren hinter der Theke steht, gibt sich als Frau Kostner zu erkennen, als Angehörige der Inhaberfamilie, einem Traditionshaus, dessen Spross es zu sportlichem Ruhm gebracht hat. Klar, dass den Namen Kostner hier jeder kennt und würdigt. Und so erfahre ich, dass Deutsch bereits in der Grundschule neben französisch alternativ angeboten werden würde. Das obere Südtirol mit Grödner Tal, Alta Badia und Fassatal wäre daher auch deutschsprachig.
Bei Ladenschluss verhält man sich eher städtisch. Wenn die Kasse geschlossen ist, wird nichts mehr verkauft. Sie schließt sehr pünktlich. Was anfänglich anmutet wie leise Arroganz entwirrt sich bei genauerem Hinsehen als Feierabenderwartung. Egal was man sagt, sie verstehen die Worte und an den Gesten erkennt man die kaufmännische Erfahrung, das Businessgepräge moderner Zivilisationen. Romantik kommt da nicht auf, eher ein Gefühl von Geschäftstüchtigkeit.
Die ladinische Volkskunst ist hier nur an den Holzschnitzereien auszumachen. Corvara ist längst kein Bergbauerndorf mehr, das Skifahrer als Quelle für Zusatzeinnahmen duldet. Hier wird Sport und Erholung verkauft und zwar das ganze Jahr über.
Corvara hat zwei Kirchen. Eine Glocke gibt den Stundenschlag vor. Von der Karwoche spürt man nicht viel. Religiosität ist eher säkular erfahrbar. Der Sonntag und die Sonntagsruhe werden jedoch gehalten. Es gibt auch regelmäßige Angebote zur Ehevorbereitung und christliche Seminare. Die Ostervorbereitung ist ausgehängt. Jesus mit der Dornenkrone in deutscher und italienischer Sprache. Der Papst betet für den Frieden, für ein Ende des Terrors und der Gewalt.
Am Märzende lockt das Gesträuch mit samtenen Weidekätzchen, Blatt- und Blütenknopsen, keine blühenden Forsithien, keine Osterglocken oder Narzissen. Die Temperaturen steigen mittags auf fast sechs Grad an. In der Sonne spürt man die Kraft zur Wärme und Erhitzung. Sonnencreme ist notwendig hier oben, mehr als fünfzehnhundert Meter über dem Meeresspiegel. Seit Montag ist Kaiserwetter.
Der Ort ist schnell abzugehen und so setze ich mich in der Mittagszeit auf die Terrasse des Hotelzimmers und genieße die Sonnenstrahlen, lade mich mit ihrer Wärmeenergie wieder auf. An den Bergauffahrten ist lediglich ein Imbissstand vorhanden, obwohl dort eine Gondelbahn, mehrere Sessellifte und Schlepperlifte zu den Gipfeln führen. Auch beim Gondelausstieg ist keine Berghütte zu finden, was mich dann doch verwundert. Kein ladinisches Mallorca, kein Ischgler Après Ski, Einfachheit ist hier Programm.
Von den Höhen der am Sassongher angelehnten strada sassongher sieht man auf Corvara herab. Von hier oben aus gleichen die Sessellifte einem Vogelzug. Die Autos kriechen wie Ameisen die Serpentinen hinauf und herunter. Alles fügt sich zu einem selbstverständlichen Ganzen, ohne Aufgeregtheit, ohne Besonderheit, aber auch ohne idyllische Verklärung. Mag sein, dass dies am wegtauenden Schnee liegt, der Skifahrer dazu nötigt, die Bretter stellenweise abzuschnallen, um nach fünf Metern wieder weiterfahren zu können.
Aus geöffneten Fenstern dringt das Programm des österreichischen Rundfunks und begleitet den südtiroler Vormittag mit mir bekannten Klängen der Popmusik. Auch in diesem Viertel stehen die Uhren auf Gegenwart. Corvara ist keine Reise in die Vergangenheit, es ist eine Begegnung mit westeuropäischen Zeittakten, zivil, menschenfreundlich, gottesfürchtig und geschäftstüchtig. Skifahrer kehren häufiger zurück, denn das Angebot an Abfahrten der unterschiedlichsten Schwierigkeitsgrade und vielfältiger Berglandschaft ist außerordentlich. Vielleicht ist dies ein Grund dafür, dass man den Rummel und den üblichen Skizirkus nicht nötig hat. Die Geographie spricht für sich.
Diese Umgebung ist es auch, die mich draußen verweilen lässt. Ein derartiges Panorama aus Gebirgsketten, Steilhängen, zerklüfteten Felsen und wuchtigen Gipfeln ist eine Seltenheit. Das Endirosa der Spitzen der Sellagruppe bleibt als Etikett einer Bergregion zurück, einer Zuflucht, die es verstanden hat, die Spielregeln der Freizeitindustrie anzuwenden, ohne die Natürlichkeit zu zerstören. Möglicherweise ist dies auch das Merkmal ladinischer Lebenskunst.
 


[Home] [Aktuelles] [Lesungen] [Künstlerinitiative] [Literatissimo 2011] [Poetik] [Gedichte nach Formen] [Gedichte nach Themen] [Prosa] [Gegen Gewalt] [Winter-und Weihnachtsgeschichten] [Ostergeschichten] [Bühnenstücke] [Bücher] [Bibliographie] [Biographie] [Auszeichnungen] [Presse] [Links] [Impressum]

Fruchtbares Feld

Gräser einer vergangenen Zeit
spriessen wie seltene Orchideen
aus dem Sand des Erlebten

Hast du dies fruchtbare Feld
je erblickt das du ersehntest

Und Jahr um Jahr
sich das Blühen über dem Beet verstreut
das du gedüngt mit den Antworten
die dich das Wachsen lehrte

Wo die Fragen verstummen
wird kein Same mehr sein

© Vera Hewener

Nächste Lesung
26.04.12 um 16.00 Uhr
“Lass uns Rosenranken flechten”
Haus Vita, August-Klein-Pfad 4
Saarbrücken
 

Presse
05.03.12 Saarländische Lyrikerin Vera Hewener im Lyrik-Leseheft des Cornelsen-Verlags vertreten Seit 1985 werden Werke der saarländischen Lyrikerin Vera Hewener in Deutschland, Ungarn, der Schweiz und Österreich veröffentlicht… Das Gedicht „November“ von Vera Hewener steht beispielhaft für die Form des Sonetts...

Gedichte nach Themen:

Sonnengedichte  
Lichtgedichte
Reisegedichte  
Meergedichte
Stadtgedichte  
Rosengedichte
Gartengedichte  
Saarland-Gedichte  
Frühlingsgedichte
Sommergedichte
Herbstgedichte
Wintergedichte
Weihnachtsgedichte
Neue
Mariengedichte
Engelgedichte
Neue
Glaubensgedichte
Tiergedichte
Nachtgedichte
Zeitgedichte
Gegenwartsgedichte
Gegen Gewalt
Musikgedichte
Heitor Villa-Lobos
Tschaikowsky
Theodorakis  
Xarhakos  
Hadjidakis  
Chopin   Liszt
Schumann
Van-Gogh-Gedichte
Carolin-Isele-Gedichte
Französische Gedichte
Ungarische Gedichte
Italienische Gedichte

Gedichte nach Formen
Sonette  
Balladen
Oden
Akrostichon  
Distichon
Alexandriner  
Hexameter
Haikus und Tankas

Erzählungen

Cover Himmelsstürme04

“Himmels-
stürme”

Gedichte mit
Fotografien
Vera
Hewener

ISBN
978-3-
936554-00-3

logoKiK
logofda
cepaltamp7
Logo IGdA