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Vera Hewener
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Jakob und Levit

Jakob und Levit

© Vera Hewener

Jakob sortierte gerade die Post, als es plötzlich laut knallte und das Tor am Eingang des Gebäudes krachend auseinander brach. Er erschrak, ließ die Briefe fallen und rannte ans Fenster. Staubwolken stiegen hoch, sonst schien jedoch nichts weiter passiert zu sein. „Was war das?“ kam Levit angestürmt.
„Ein Anschlag, das muss ein Anschlag sein. Ruf die Polizei.“
Jakob war zwar aufgeregt, aber gefasst. Er wusste, dass dies irgendwann kommen würde. Niemand hatte ihm geglaubt. Dabei waren die Drohbriefe eindeutig. ‚Raus, Judenpack’ stand auf dem Papier, ‚Juda verrecke’ oder ‚Ihr seid übriggeblieben. Wir haben euch nicht vergessen’.
Jakob war zutiefst enttäuscht. Sein ganzes Leben kämpfte er nun schon mit den Deutschen. Er hatte gehofft, dass irgendwann einmal der Spuk vorbei sein würde. Doch er war es immer noch nicht. Gewiss, er hatte hier viele Freunde gefunden. Aber was war das nur für ein Land? Wenn fünfzig Jahre nach dem Massenmord es immer noch Menschen gab, die Juden so sehr hassten, dass sie sie umbringen wollten. Jakob weinte still, Levit telefonierte.
Die Polizei kam nach zehn Minuten, erst dann ging Jakob an das aufgesprengte Tor. Die Beamten nahmen alles auf, auch, dass er zwei Männer weglaufen sah. „Nehmen sie es nicht persönlich, Herr Salomon. Das sind Verrückte, nur ein paar Vereinzelte. Wir mögen sie alle hier, glauben sie mir“, betonte der Uniformierte. Jakob nickte resigniert. Nein, die anderen taten ihnen sicher nichts mehr., Aber sie taten auch nichts dagegen, dass so etwas überhaupt geschehen konnte.
Auf der Wache hatte man ihn nicht ernst genommen, hatte ihn voll Mitleid angesehen, so als wollten sie sagen, alter Mann, was willst du hier? Diese Frage stellte er sich jetzt auch. Was wollte er hier noch? Im letzten Jahr wurde der Friedhof geschändet, alle Grabsteine umgeworfen und mit Hakenkreuzen besprüht. ‚Ein dummer Jungenstreich’ stand im Gemeindeboten und in der Lokalpresse war zu lesen, dass Randalierer am jüdischen Friedhof ihren Rauschzustand ausgetobt hätten. Niemand ging der Sache wirklich nach. Nur oberflächliche Ermittlungen fanden statt, alles verlief im Sande.
Was sollte er tun? Weiter nur zusehen oder endlich den Rat dieser ‚fehlgeleiteten deutschen Jugendlichen’ befolgen und die Koffer packen? Jakob Salomon beschloss, seinen letzten Weg zu beschreiten. Er würde in den Hungerstreik treten, bis der Bürgermeister endlich ernsthaft dagegen etwas unternehmen würde.
Als er Levit von seinem Plan erzählte, war dieser ganz aufgeregt. Hungerstreik, jetzt, fünfzig Jahre nach Kriegsende? „Und wenn ich sterbe, ich esse keinen Bissen mehr, bis die Zeitung die Wahrheit schreibt und die Täter gefasst sind.“ „Aber Jakob, bedenke doch, wir sind nicht mehr die Jingsten. Lange halten wir das nicht durch.“
„Du musst auch nicht mitmachen. Das ist meine Entscheidung, nicht deine.“ „Glaubst du vielleicht, wir haben zusammen Theresienstadt überlebt, damit du jetzt alleine zu kämpfst?“ „Levit, Levit, es wird hart werden.“ Damit war das Gespräch beendet.
Am nächsten Tag stand in der Zeitung: ‚Alte Juden nach Anschlag auf Wohnhaus im Hungerstreik’. „Alte Jidden“, schimpfte Levit, „alte Jidden!“ Hatte man damit sagen wollen, sie seien ihres Verstandes nicht mehr mächtig? „Siehst du, das ist alles, was sie darüber schreiben. Es interessiert die Leite nicht.“ „Noch nicht,“ sagte Jakob ruhig, „warte mal ab, wenn wir ernst machen.“
Levit hatte recht und Jakob hatte recht. Die ersten acht Tage ging alles weiter wie vorher. Dann hing Jakob Transparente an die Fenster und ans Tor. ‚Juden im Hungerstreik gegen den neuen Nationalsozialismus’. Erst kamen die Reporter der Lokalpresse, dann die überregionale Zeitung und schließlich die Rundfunkanstalt. Plötzlich klingelte das Telefon ununterbrochen. „Aber Herr Salomon, sie wissen doch, wir tun, was wir können. Niemand hat die Leute jedoch gesehen.“ „Herr Salomon, warum tun sie das ihrer Heimatstadt an? Sie sind doch hier zu Hause.“ „Herr Salomon, wir haben sie doch wieder aufgenommen nach dem Krieg. Jetzt kennen wir uns schon das halbe Leben. Weshalb lassen sie zu, dass dieser idyllische Ort so beschmutzt wird?“ Erstaunlich, wie viel Personen sich auf einmal ihrer entsannen.
In der dritten Woche brachten sie ihnen Nahrung ans Tor. Das Rote Kreuz klingelte und der Pfarrer sah nach ihnen. Im Namen Christi, sie sollten sich doch besinnen. Es würde alles Mögliche getan.
Jakob war amüsiert. Soviel Besorgnis um zwei alte Juden. Schließlich kam der Bürgermeister persönlich und dann zwei Tage später noch einmal zusammen mit dem Ministerpräsidenten. Dieses Bundesland sei weder ausländer- noch fremdenfeindlich. Er werde ein Gesetz verabschieden, das die Arbeit der Polizei erleichtern werde. Der jüdische Friedhof würde mit Kameras überwacht und sie beide erhielten das Bundesverdienstkreuz für ihren besonderen Mut.

Jakob zwinkerte Levit zu, grinste über beide Ohren und sagte spitzbübisch: „Levit, weshalb bist du so unfreindlich zu unseren Gästen? Bring dem Ministerpräsidenten und dem Birgermeister ihre Zigarren und mach ihnen einen Wein auf. Darauf wollen wir anstoßen. Auf gute Freindschaft Birgermeister, auf langes Leben Ministerpräsident. Die Jidden megen alle Menschen.“
Sie stießen miteinander an, die Presse machte Fotos und Jakob verabschiedete alle mit einem Mazel Tow. Zwei Tage später war zu lesen, dass die Täter, die den Anschlag auf die Träger des Bundesverdienstkreuzes verübt hatten, aufgrund einer Zeugenaussage gefasst wurden. Der Augenzeuge habe sich erst jetzt melden können, weil er in Urlaub gefahren war und nach seiner Rückkehr zum ersten Mal von dem Anschlag erfahren hätte.

aus: Vermisstenanzeige. Gewidmet den ermordeten Juden des Naziregimes. Vera Hewener. Georg Lingenbrink. Norderstedt 2000.
 


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Fruchtbares Feld

Gräser einer vergangenen Zeit
spriessen wie seltene Orchideen
aus dem Sand des Erlebten

Hast du dies fruchtbare Feld
je erblickt das du ersehntest

Und Jahr um Jahr
sich das Blühen über dem Beet verstreut
das du gedüngt mit den Antworten
die dich das Wachsen lehrte

Wo die Fragen verstummen
wird kein Same mehr sein

© Vera Hewener

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26.04.12 um 16.00 Uhr
“Lass uns Rosenranken flechten”
Haus Vita, August-Klein-Pfad 4
Saarbrücken
 

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05.03.12 Saarländische Lyrikerin Vera Hewener im Lyrik-Leseheft des Cornelsen-Verlags vertreten Seit 1985 werden Werke der saarländischen Lyrikerin Vera Hewener in Deutschland, Ungarn, der Schweiz und Österreich veröffentlicht… Das Gedicht „November“ von Vera Hewener steht beispielhaft für die Form des Sonetts...

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