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Im Visier: Leidenschaft
© Vera Hewener
Lassen sie mich mit einem Zitat beginnen:
“Es gibt kein Ding, das böse und der Liebe unwürdig wäre. Auch die Triebe des Menschen sind nicht böse.“
So nachzulesen in Einführung in die ‘Geschichten des Rabbi Nachmann’, geschrieben 1906 von Martin Buber, dem großen jüdischen Religionsphilosoph und Schriftsteller. Und weiter schreibt er:
“Der Mensch soll seine Triebe in ihrer Tiefe fühlen und besitzen.“
Zum gleichen Thema ein anderes Zitat:
„Eine leidenschaftlich anspruchsvolle Seele vermag in der Liebe keine Ruhe zu finden, weil sie auf ein widerspruchs-volles Ziel ausgeht. Zerrissen, gequält, läuft sie Gefahr, dem zur Last zu fallen, als dessen Sklavin sie sich träumte. Wenn sie sich nicht unentbehrlich vor-kommt, macht sie sich lästig, verhaßt. Auch darin liegt eine ganz geläufige Tragödie.“
Dies schrieb Simone de Beauvoir 1949 in ‘Das andere Geschlecht’. Sie war Schriftstellerin, Feministin, Kämpferin für die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.
Da haben wir also unser Thema: die Liebe, die Lust und die Leidenschaft. Doch was ist Leidenschaft? Ist sie ein Konglomerat aus Liebesbedürfnis, Triebbefriedigung und Zwanghaftigkeit? Oder ist sie eine Anhäufung von Sehnsucht, Begierde und Grenzüberschreitung?
Ist die Leidenschaft uns allen eigen oder entsteht oder wächst sie möglicherweise als ein Substrat des Lebens? Konnten die Menschen schon immer leidenschaftlich lieben oder ist dies ein Produkt der Neuzeit? Stichwort Sexsucht: Menschen, die ihren ganzen Tagesablauf nur noch nach dem einen aus-richten und ständig auf Partnersuche sind, werden sexsüchtig genannt. Ist Sexsucht als Krankheit etwa die Pathologisierung der Leidenschaft?
Gehen wir zurück in der Menschheitsgeschichte und schauen uns an, wer leidenschaftlich liebte, lieben durfte oder lieben konnte. Sexualität hatte immer einen magischen Charakter. Vor allem wenn es um weibliche Sexualität ging, wurde die Gesellschaft erstaunlich kreativ im Erfinden und Ersinnen von Erklä-rungen. In der Genesis im 1. Buch Mose (1,27-28) heißt es:
“Gott schuf einen Mann und eine Frau.”
Die Bibelchronisten änderten später ihre Meinung über die Erschaffung der Menschheit. Sie nahmen das zweite Kapitel 2,21-2,5 als Ausgangspunkt für die Entstehungsgeschichte und erklärten Adam als den ersten Menschen.
Die Frau Eva schuf danach Gott aus Adams Rippe, was in christlichen Religionen dazu führte, daß die Frau als nicht eigenständiges Wesen angesehen wurde, sie existierte nur in Anbindung an einen Mann. Mit der Verführung Adams durch Eva, einen Apfel vom Baum der Erkenntnis zu essen, wurde die Erbsünde unter die Menschheit gebracht.
Eva war also die erste Femme fatal. Die Frau als Sünderin, als Verführe-rin, war geboren und damit ihre Verderbtheit über Jahrtausende gesellschaftlich gebrandmarkt.
Die jüdische Überlieferung erkannte den Widerspruch und die Propheten und Schriftgelehrten suchten nach einer Erklärung. Die gleichzeitig mit Adam geschaffene Frau erhielt den Namen Lilith. Die zweite Frau, die aus Adams Rippe stammte, nannten sie Eva.
Die jüdische Religion betont ausdrücklich die Ebenbürtigkeit von Mann und Frau, weil Gott Mann und Frau nach seinem Ebenbild schuf. Hieraus ergibt sich für das Judentum eine grundsätzliche Gleichheit der Geschlechter. Alle Menschen müssen als Ebenbilder Gottes erkannt und behandelt werden. Für die Beziehung zwischen Mann und Frau heißt es im Talmud (Rabbi Elasar sagte)
„Jeder Mensch, der keine Frau hat, ist eigentlich kein Mensch, denn es heißt: Männlich und weiblich erschuf er sie...und rief ihren Namen: Mensch.“ (1. Buch Mose 5,2)
Die unterschiedlichen Betrachtungsweisen haben, wie wir im Verlauf der Geschichte noch sehen werden, entscheidenden Einfluß auf die Sexualmoral der Religionen.
In der griechischen Mythologie entsprang das Universum dem Chaos als Urahn aller Dinge. Das Chaos war Vater des Universums, der Götter, der Ungeheuer, der Erde und der Menschheit. Drei Wesen wurden von ihm geschaffen: die urzeitliche Dunkelheit Erebos, die schwärzeste aller Nächte Nyx und zuletzt Eros, der urwüchsige Drang zur Fortpflanzung. Als nächstes entstand als Kind von Erebos und Nyx die Liebe, die die Herrschaft des Chaos brach und das Licht und den Tag schuf, wodurch die Ordnung einkehrte. Daraus entstand nun Gaia, die Erde und Uranos, der Himmel.
Nachdem alle olympischen Götter geboren waren, begann das Zeitalter der Menschen. Die erste Frau wurde von Zeus zur Strafe von Prometheus und den Menschen geschaffen, die sich mit ihm einen üblen Scherz erlaubt hatten. Pandora wurde von den Göttern mit verschiedenen Eigenschaften ausgestattet. Aphrodite verlieh ihr die körperliche Liebe und eine Schönheit, die die Begierde entflammen sollte, Athene, gab ihr Weisheit und die Gabe, sich um die Männer zu kümmern, Hermes verlieh ihr List und die Gabe der Lüge. Zeus schickte nun Pandora zur Erde und von diesem Zeitpunkt an war der Mann nicht mehr allein.
Es gab nun ein Wesen, das seine Begierde erregte und seinen Verstand von allem anderen ablenkte. Wenn er Kinder haben wollte, mußte er ihr Zeit opfern, um sie zu umwerben und zu überzeugen, daß er ihrer Zuneigung auch würdig war.
Pandora hatte auch ein Geschenk mitbekommen, eine Büchse, die sie nicht öffnen sollte. Es kam, wie es kommen mußte. Pandora war zu neugierig, öffnete den Deckel und durch den kleinen Spalt flohen Übel und Seuchen in die Welt und bereiteten der Menschheit fortan Leiden, Krankheit, Eifersucht, Haß, Mißgunst, Verbrechen und einen qualvollen Tod. Im letzten Moment klappte sie den Deckel wieder zu, so daß die Hoffnung nicht fliehen konnte. Auch hier wird deutlich, die Frau ist die Versuchung schlechthin und ihre Neugierde brachte Unheil über die Menschheit. Pythagoras sagte es so:
„Es gibt ein gutes Prinzip, das die Ordnung, das Licht und den öden Mann und ein schlechtes, das das Chaos, die Finsternis und die Frau geschaffen hat.“
Wollen wir es damit genug sein lassen. Wenden wir uns nun der historischen Rolle der Fortpflanzung und der Leidenschaft zu.
Im römischen Reich vor Christi waren die Mädchen mit 12 Jahren heiratsfähig und mit 14 war man erwachsen. Empfängnisverhütung, Abtreibung, das Aussetzen frei geborener Kinder und die Tötung des Kindes einer Sklavin waren üblich und legale Praxis. Während die Mädchen oftmals bereits mit 12 Jahren verheiratet wurden, begann für die Jungen die wilden Jahre. Randalieren, Plündern, Ausschreitungen, Vergnügungen mit Mätressen und Lustknaben waren an der Tagesordnung und waren Privilegien der jungen Männer der gehobenen Klasse. Mit der Eheschließung endete die männliche Jugend.
Die Ehe war Privatsache und wurde durch Zusammenziehen vollzogen, Scheidungen erfolgten durch Verlassen der gemeinsamen Wohnung, wobei die Frau ihre Mitgift wieder mitnahm. Die Mädchen mußten bis zur Eheschließung ihre Jungfräulichkeit bewahren und waren tagsüber mit Handarbeiten beschäftigt. Erst durch Heirat durften die jungen Frauen tanzen, singen, musizieren und wurden dafür hoch angesehen.
Die Hochzeitsnacht war für die meisten Frauen keine lustvolle Erfahrung. Sie wurden meistens vergewaltigt. Männer, die Achtung vor der Schüchternheit ihrer noch jungen Frauen hatten, praktizierten Analverkehr. Ein Zitat aus dem 7. Jahrhundert vor Christi von Menander macht die Einstellung zur damaligen Zeit deutlich:
„Die Frau ist ein Leiden, das nicht von dir abläßt.“
Mit dem Einzug der neuen Moral durfte ein Mann seine Frau nicht mehr behandeln wie eine Mätresse (Seneca). Der eheliche Verkehr war nur erlaubt, wenn ein Kinderwunsch bestand und außerdem sollte keiner der Gatten ungebührlich in Extase verfallen. Im 2. Jahrhundert nach Christi sollte die Liebe auf die Ehe beschränkt werden, bis zur Hochzeit sollten sowohl Mann als auch Frau keine sexuellen Erfahrungen sammeln. Um der Gesundheit willen sollte der Genuß gemäßigt werden, besser war es, ihn ganz zu vermeiden. Dies verstand man unter Hygiene.
Die bürgerliche Moral verbesserte die Situation der Frau nicht. Sie wurde jetzt instrumentalisiert. Als Gattin vergrößerte sie das Erbe des Ehemanns als Staatsbürger und Familienoberhaupt und setzte pflichtgemäß Kinder in die Welt. Ein guter Staatsbürger war nur derjenige der Nachkommen zeugte. Von weiblicher Lust oder gar Leidenschaft konnte also keine Rede sein.
Obwohl der Verzicht auf voreheliche Sexualität sowohl im Römischen Reich wie auch im aufkommenden Christentum sich im Ergebnis gleich kam, war die Begründung dafür jedoch unterschiedlich. Während für die Römer dies als unhygienisch und unschicklich galt, bedeutete es für Christen, sich zu versündigen. Tertullian (145-220), ein Mann der Kirche, wetterte:
„Weib, du bist die Pforte zur Hölle“.
Die Liebe im alten Rom war bestimmt vom Wunsch nach Versklavung und Unterwerfung und gleichzeitig war Leidenschaft deshalb zu fürchten, weil sie den freien Mann zum Sklaven einer Frau machen konnte. Die Versklavungsmentalität war der Kumulationspunkt des Männlichkeitswahns und forderte daher, Überwältigen ohne selbst überwältigt zu werden. Die Partnerin war ihrem Herren zu willen und tat, wenn nötig, die ganze Arbeit selbst. Orale Befriedigung einer Frau durch den Mann galt für einen Freigeborenen als schändlich.
Die Liebe war nicht der Zufluchtsort individualistischer Phantasien, in denen sich die Liebenden vor der Gesellschaft sicher wähnten. Liebe, Lust und Leidenschaft im Altertum hatte wenig gemein mit dem, was wir heute darunter verstehen.
Ein Jahrtausend später erging es den Frauen nicht besser, im Gegenteil. In der Feudalherrschaft geriet sie zur hauptsächlichen und heimtückischen Quelle der Gefahr für das Haus und seinen Hausherrn. Die Christianisierung drückte den Frauen endgültig den Stempel des sündigen und schwächeren Geschlechts auf. Frauen wurden im entlegendsten Teil des Hauses hinter Schloß und Riegel gesperrt. Das chambre des dames stand nur dem Hausherren offen, der darüber wachte, wer Zutritt zu den Frauengemächern erhielt.
Die Moralisten des Klerus entwickelten Zwangsvorstellungen von den sündigen Freuden, denen sich die Frauen in ihrer Kemenate hingaben, entweder allein oder mit anderen Frauen und kleinen Kindern. Es wuchs die Überzeugung, daß die Frauen untereinander ein Geheimwissen austauschten, von dem die Männer keine Ahnung hatten. Der Mann war machtlos gegen die Zaubersprüche und Liebesgetränke.
Im privatesten Bereich der damaligen Zeit herrschte nach Ansicht des Klerus die Frau über das dunkle Reich der geschlechtlichen Lust, der Fortpflanzung und des Todes. Um sich Hohn und Spott zu ersparen, aus Furcht vor der Schande, wurden Frauen streng bewacht und durften nur in Begleitung zu öffentlichen oder religiösen Anlässen das Haus verlassen.
Doch die private Sexualität ließ sich nicht unterdrücken, sie existierte im Geheimen und im Dunkeln, im Schatten der Gärten, in den Kellern, in den Winkeln und Nischen der Burg. Inzestuöse Beziehungen, Promiskuität und Vergewaltigungen blühten im Verborgenen. Das Aufdecken des Ehebruchs indes war eine Schande. Eine unfruchtbare oder lästige Frau loszuwerden gelang am einfachsten, wenn der ‘pater familias’, das Familienoberhaupt, die Frau als Ehebrecherin unter Nennung ihres Namens in der Öffentlichkeit bloß stellte. Dies verschaffte ihm das Recht, sie zu züchtigen, zu verstoßen oder sie bei lebendigem Leibe verbrennen zu lassen.
Im 13. Jahrhundert setzte Papst Gregor IX. die römische Inquisition ein, um die Ketzerei zu unterdrücken und Juden zum Christentum zu bekehren. In Spanien nahmen die Judenverfolgungen schreckliche Ausmaße an. Nach 40 Jahren Folter und Verbrennungstod gab es nur eine Wahl für die spanischen Juden, entweder Konversion oder das Exil (Edikt der Königin Isabella von Kastilien).
Im Unterschied zum Christentum wurde im Judentum die Sexualität der Frau
„und zwar unabhängig von ihrer Gebärfähigkeit und damit in allen Altersstufen, für so wichtig erachtet, daß die Pflichten des Mannes der Frau gegenüber, vor allem ihre sexuelle Befriedigung als wichtiger gelten als die Befriedigung des Mannes selbst. Die Offenlegung der körperlichen Vorgänge der Frau und die Wertschätzung ihrer Lust hat das Selbstbewußtsein der jüdischen Frau zu allen Zeiten positiv beeinflußt“,
schreibt Hanna Rheinz in „Die jüdische Frau. Auf der Suche nach einer modernen Identität“ S. 135 (siehe zu den halachischen Grundlagen der Sexualität: „Himmliche Lust. Liebe und Sex in der jüdischen Kultur. Ruth Westheimer, Jonathan Mark. Campus. Frankfurt. 1996)
Die Theologen des Christentums sahen dies anders. Nach Paulus im ersten Brief an die Korinther (1. Korinther, 7, 4.2) ist die Keuschheit dem Ehestand vorzuziehen.
„um aber Ausschweifungen zu verhüten, mag jeder seine Frau haben, und jede Frau ihren Mann haben.“
Der hl. Hieronymus schrieb: „...ein Ehebrecher ist, wer sein Weib zu glühend liebt (...). Der Mann bezwinge seine Wollust und lasse sich nicht überstürzt zum Beischlaf verleiten:“
Religiöser Fanatismus und die aufgestaute Sexualität im Klerus führte schließlich auch zur Vernichtung unliebsamer Frauen, vor allem, wenn sie über Heilkenntnisse verfügten. Papst Innozenz VIII. rief zur Ausrottung aller Hexen auf. Ab dem 14. Jahrhundert führten Hexenprozesse zur Verfolgung vermeintlicher Hexen und Verurteilung zum Tode auf dem Scheiterhaufen. Zwischen 1500 und 1680 endeten so 100.000 Frauen als verbrannte Hexen. Der Anteil männlicher Hexen lag bei 10%. Der letzte Hexenprozeß fand 1793 im Großherzogtum Posen statt.
Machen wir nun einen Sprung ins 19. Jahrhundert stellen wir fest, daß sich an der Unterdrückung und Verleugnung weiblicher Sexualität nichts geändert hat. Für Hegel ist Leidenschaft
„sekundär, geradezu gefährlich, die besten Ehen sind die ‘arrangierten’, wobei die Neigung dem Ehebund folgt und nicht umgekehrt.“ (Grundlinien der Philosophie des Rechts 1821).
Bei Kant muß die Frau gezähmt werden:
„Die Frau kann zur Vandalin werden, und das Kind, angesteckt von seiner Mutter, kann sich zu einem willensschwachen oder gehässigen Geschöpf entwickeln, das häusliche Wesen wieder seine Freiheit fordern.“
Die Entrechtung der Frau im 19. Jahrhundert durch Geschlechtsvormundschaft, Züchtigungsrecht und Geschäftsunfähigkeit - eine Frau konnte keine gültigen Geschäfte abschließen - garantierte dem Mann die Vollzugsgewalt über seine Frau.
1875 nennt Proudhon Unzucht als rechtsmäßige Falle, in dem
„der Mann seine Frau gemäß der strengen väterlichen Gewalt töten kann.“ (La Pornocratie ou les Temps modernes).
Rückblickend betrachtet mag es an ein Wunder grenzen, daß Frauen sich heute zumindest den äußerlichen Zwängen entledigen konnten. Die archaischen Bilder indes blieben erhalten und führten in der jüngsten Vergangenheit für viele Frauen zu unüberwindlichen sexuellen Hürden.
Die heutige Generation muß sich mit dem Gegenteil auseinandersetzen. Aus dem Recht auf den Orgasmus ist die Pflicht zum Orgasmus geworden. Spätestens seit der Markteroberung von Viagra ist Sexualität zum Hochleistungssport verkümmert. Ängstlich besorgt um das sexuelle Wohl der Frau braut die Pharmaindustrie ein Süppchen aus Vasoform oder Vasomax, aus Amorphinen, Estratest und Testosteron-Pflaster, damit endlich alle Frauen den sexuellen, von Viagra evozierten Ansprüchen der Männer genügen können.
Wieder geht es nicht um das subjektive Selbst einer jeden Frau, sondern um Rollenzuschreibung. Der Männlichkeitswahn trägt neue, moderne Blüten, die im Gewand liebevoll dargebotener Pillenschachteln daher kommen, ungeachtet dessen, daß wahre Leidenschaft sich immer in einer Beziehung zwischen zwei Menschen vollzieht, deren emotionale Neigung in körperlicher Extase gipfelt. So zeigen die Ergebnisse an der Medizinischen Hochschule Hannover, daß Potenzpillen vornehmlich bei Frauen wirken, die bereits vorher ein lebendiges Sexualleben pflegten. Womöglich ist Unlust doch nicht mit einer Pille wegzutherapieren.
Möglicherweise sind sexuelle Schwierigkeiten auch ein Verständigungsproblem zwischen Mann und Frau. Bei einer Passantenbefragung im Jahr 1999 in Saarbrücken wurden 66 Männer und 189 Frauen befragt, was sie unter Leidenschaft verstehen?
Die Hälfte der Männer versteht unter Leidenschaft vor allem Zärtlichkeit, bei gut einem Drittel folgt Lust auf Leben, Gefühlsexplosion, totale Hingabe, Erotik, Lust auf Sex und für 28,8% lustvoll leben. Auch für die Hälfte der Frauen dominiert die Zärtlichkeit vor der Gefühlsexplosion und Raum und Zeit vergessen. Für ein Drittel folgt danach Erotik, Schmetterlinge im Bauch und totale Hingabe. Der Unterschied besteht lediglich in der Betonung der Gefühlsdimension durch Frauen.
Bei der Frage, wie Mann oder Frau ihre Leidenschaft erleben, gab zwei Drittel der Männer an, daß diese lustvoll, zärtlich und natürlich ist. Eine ähnliche Wertung auch bei den Frauen. Für 59,8% ist sie lust-voll, für 58,2% natürlich und für 55% zärtlich. Sanft rangiert sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen an vierter Stelle. Bei den Männern folgt danach wild und spielerisch, bei den Frauen spielerisch und kopflos.
Bei der Intensitätsskala der Leidenschaft von 1 bis 10 steigt die Intensitätskurve der Frauen langsam stetig an und erreicht den höchsten Wert bei 8. Die Mehrheit der Frauen erlebt Leidenschaft durchschnittlich bis sehr intensiv. Die Kurve der Männer unterliegt starken Schwankungen. Die Mehrheit erreicht den Wert 7. Mehr Männer als Frauen erleben Leidenschaft sehr intensiv.
Bei der Häufigkeitsverteilung geben nur 12,7% der Frauen und 10,6% der Männer an, weniger als mehrmals im Monat Sexualkontakt zu haben. Jede 2,6ste Frau und jeder 2,9te Mann haben mehrmals in der Woche Sexualkontakt. Bei täglichen Sexualkontakten dominieren die Männer mit 6,8%.
Störungen der Lust rufen bei Männern in erster Linie der alltägliche Ablauf des Liebesgeschehens hervor. Die Atmosphäre, die Vernunft und der langweilige Ablauf rangieren gleichzeitig an zweiter Stelle als Störfaktor, gefolgt von Beruf, Krankheit, Lustlosigkeit, Angst vor Ablehnung und Angst vor negativer Bewertung. Bei den Frauen stört in erster Linie der langweilige Ablauf, fast gleich auf mit alltäglichem Ablauf der Dinge, gefolgt von der Atmosphäre, der Vernunft, der Lustlosigkeit, der Angst vor negativer Bewertung, Hemmungen, Angst vor Ablehnung, Krankheit und Erziehung. Bemerkenswert die Angaben zu sexuellem Mißbrauch, 12,2% der Frauen belasten sexuelle Mißbrauchserfahrungen und 11,6% Vergewaltigung. Danach hat jede Fünfte der befragten Frauen sexuelle Gewalt erfahren.
Zur Ankurbelung der Lust und Leidenschaft sind Musik und Kerzenlicht sowohl bei Frauen als auch bei Männern sehr beliebt, wobei es in der jeweiligen Gesamtwertung prozentuale Unterschiede gibt. Die besondere Umgebung ist für Frauen genauso wichtig wie für Männer das Kerzenlicht.
Für Männer hingegen ist ein köstliches Mahl bedeutender als für Frauen, beim gemeinsamen Baden ist die prozentuale Abweichung gering. Fast man die Angaben nach Kategorien zusammen, ist die äußere Umgebung, das Ambiente eines Liebesabends, für Frauen und Männer gleicher maßen von besonderer Bedeutung, wobei prozentual betrachtet mehr Frauen darauf besonderen Wert legen.
Die Atmosphäre zwischen dem Paar, das Liebesgeflüster, Rituale, gemeinsames Baden oder Duschen ist bezogen auf die Gesamtgruppe für 67,7% der Frauen und 59,1% der Männer von Bedeutung. Köstliches Essen und Trinken bezogen auf die Gesamtzahl der Nennungen gehört für mehr als die Hälfte der Frauen und knapp die Hälfte der Männer zu einem gelungenen Liebesabend.
Aphrodisiaka werden am wenigsten genannt, und zwar nur von 18% der Frauen und 22,7% der Männer, wobei Viagra eine Nennung bei den Frauen erhielt.
Männer und Frauen unterscheiden sich nach dieser Umfrage in ihrem Erleben der Liebe, Lust und Leidenschaft nur unwesentlich. Unlust oder gar Sexualstörungen haben demnach andere Ursachen. Viagra und Co. können nur sexuell ohnehin aktiven Frauen weiterhelfen.
Es scheint an der Zeit zu fragen, ob nicht die jahrtausend alte Verdrängung, Ablehnung und Bestrafung der weiblichen Lust sich in den Tiefen mancher Seele eingegraben haben. Wenn dem so ist, kann nur ein Wertewandel, eine grundlegende Reform der gesellschaftlichen Struktur den Rahmen schaffen, der es Frauen ermöglicht, den Schleier aus Verderbtheit, Sündhaftigkeit und Minderwertigkeit aufzudecken, um sich ihrer ursprünglichen Lebenslust und Liebesbedürfnisse bewusst zu werden. Erst das Vergegenwärtigen des Schreckens, der subjektiven Lebensgeschichte, ermöglicht Heilung durch eine freie Entscheidung für ein Für oder ein Wider.
Literatur
Lexikon der Göttinnen. Patricia Monoghan. Verlag O.W. Barth 1999. Mythologie der Griechen & Römer. Morgan J. Roberts. Athenaion Verlag 1997. Knaurs Lexikon der Symbole. Prof. Dr. Hans Biedermann. Knaur Verlag 1998. Das große Lexikon der Symbole. Fritz Glunk. Gondrom Verlag 1997. Geschichte des privaten Lebens. Hrsg. Philippe Ariès und Georges Duby. Band 1-5. Bechtermünz Ver-lag 1999. Das Judentum. Leo Trepp. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH. Reinbek bei Hamburg 1998. Worte für jeden Tag. Martin Buber. Hrsg. Von Dietrich Steinwede. Gütersloher Verlagshaus 1999. Geschichten des Rabbi Nachmann. Martin Buber. Gütersloher Verlagshaus. Neuausgabe 1999. Die jüdische Frau. Auf der Suche nach einer modernen Identität. Hanna Rheinz. Gütersloher Verlagshaus 1998. Himmliche Lust. Liebe und Sex in der jüdischen Kultur. Ruth Westheimer, Jonathan Mark. Cam-pus Verlag 1996. Was wurde aus Sarahs Töchtern? Frauen im Judentum. Pnina Navè Levinson. Güterloher Verlagshaus 1989. Der Talmud. Goldmann Verlag. München 1980. Die Bibel Das andere Geschlecht. Simone de Beauvoir. Rowohlt Taschenbuch Verlag 1986. Geflügelte Worte. Der neue Büch-mann. Bassermann 1994. Sämtliche Werke. G. W. F. Hegel, Bd. 7. Stuttgart 1928. La maison de Kant. B. Edelman. Paris 1984. Mémoires de ma vie. P.-J. Proud-hon, hrsg. von B. Voyenne. Paris 1981.
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