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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Gegenwart

Brief an die Wächter des Paradieses

Schreit auf ihr Getroffenen oder schweigt!
Was soll das Lamentieren,
wenn ihr doch weiter wie bisher
nur eines sucht.

Das große Spiel
ist ein Spiel im Kleinen.

Was ist oben, was unten,
als wenn’s nur Berge und Täler.
Vulkane sind verstummt,
Lava erstarrt, ein Leben
auf dem Felsgestein.

Das Grau habt ihr begrünt
und seid Gärtner geworden,
ihr seid die Sorgsamen.

Und alle, die wie Würmer
suchen nach dem Feuchten, Fruchtbaren,
werden zertreten
von der Exaktheit der Wächter.

Schön,
jetzt haben viele mehr,
einige wenig und manche nichts.
Und doch fehlt es an allem.

Vera Hewener

aus: Eine Neigung aus Blau. Libri Georg Lingenbrink. Norderstedt 2002.

Codierung

Es wird kein neuer Tag heute,
nur die Wiederholung des Gestern.
Die Gleichförmigkeit der Uhr
sorgt für Stunden, die reglos sind.

Im Nieselregen braucht man keinen Schirm,
die Arkaden des Outletcenters reichen aus,
das Gedränge sorgt für Reibungswärme.

Man ist gut behütet, die Rippenstöße erträglich.
Der Tritt auf die Füße tut wenig weh,
die Schuhe sind groß genug,
diese Marke ist wichtig.

Fürs Abtauchen muss die Codierung stimmen.
Der Türöffner kennt nur eine Kombination.
Der Primärschlüssel hängt in der Luft
am Faden der Pluripotenten,
deren Stammzellen sich klonen lassen
für die Wiederholung des Gestern.

Vera Hewener

aus: Eine Neigung aus Blau. Libri Georg Lingenbrink. Norderstedt 2002.

Minimalkonsens

Sie haben versucht, mich zu berauben,
mir klar zu machen, dass all das,
was sie an Mauern und Gräben errichtet,
nur einem einzigen Zweck diente:
die Perspektive zu wechseln.

Auf dem Fundament, das unbedingte Nähe findet,
hält sich der eigene Verrat in Grenzen.
Die Turmbauer schickten Häscher aufs Land,
schnell war für Vorteilsnehmer
die Tauschbörse eröffnet.
Viele sind dabei schon reich geworden.

Dieses Land hat hohe Berge aufgehäuft
und tiefe Löcher gegraben.
Inmitten der Minenfelder
bewegen sich die Kampfgenossen leicht.
Sie haben den Sprengsatz selbst gelegt,
sie wissen um die Kraft der Explosion.

Ich für meinen Teil entschärfe die Munition
täglich neu, um die Luft, die ich atmen muss, sauber
 zu halten.

Zumindest darin stimmen wir überein.

Vera Hewener

aus: Eine Neigung aus Blau. Libri Georg Lingenbrink. Norderstedt 2002.

Glaub es

Glaub es du weißt es sind nicht nur Worte
die manche nie erlernten
sondern ein Leben in Häusern
deren Gärten kein Blühen ziert

Doch es sind auch Menschen die dies verstanden
vor dem Blick sahen sie schon
vor dem Schmerz fühlten sie bereits

sie hörten im tiefsten Schweigen
berührten einander in der Stille eines Morgenrots
ein solches Licht erhellt das nicht
dem Scheinbaren der Welt nachstrahlt

Gedanken die sich umarmen bewegen wie das Rad der Zeit
es verschenkt das Geheimnis des Unerklärlichen:
Fruchtbarkeit die aus Hinwendung erwächst
Zuneigung der nichts entspricht
Liebe die nicht zerstört

Frag nicht nach der Dauer des Glücks
denn die Zeit verspricht sich nicht

Vera Hewener

aus: Verwirbelungen der Zeit. WiKu Verlag 2005.

Grußworte vor Reden

Gekommen sind ins Zahlreich Gewählte,
Auserwählte, Selbsterwählte.
Im Saal lauscht die Anstrengung eines offiziellen
Mittags.

„Meine Damen und Herren! Wir sind heute hier
vereint, um uns über der, die , das, wer, wie, wo, warum.. .
Ei warum? Ei darum! Lirum, leirum, larum!!!“

Unter dem Dach bekundigter Überzeugung
erschüttert der Applaus das Herz des
sorgfältig vorbereiteten Satzgeschwaders.

Redenschreiber hören zuweilen Trennstriche
nicht richtig betont. Welch ein Erschließungsgebiet
wahren Bürgertums! Nichts soll umsonst gewesen
sein!

„Wir haben es hier mit dem Phänomen
der Orientierungslosigkeit zu tun, das unbemerkt
die Leistungsfähigkeit unseres Bienenvolkes
entkernt.
Drohnen und Königinnen aller Stöcke vereinigt
euch!“
„Bruttosozial fällt das Honigpotential der
Nettorendite zum Opfer. Kein Wachs in Sicht.
Wir müssen den Gürtel schnallen, stockt auf...!“

Und summ, summ, summ, alle fallen um, bumm,
bumm.
Der Fußboden vibriert unter der Begeisterung
der zackigen Sondermodelle.
(Sie waren sündhaft teuer und gläubig.)

Vera Hewener

aus: Eine Neigung aus Blau. Libri Georg Lingenbrink. Norderstedt 2002.

Spätfolgen

Und alle, die sich lieben, klatschen mit.
Diesen Kindergarten gibt es noch.
Manche klatschen heute noch.

Viele wissen nichts
mit ihren Händen anzufangen.
Sie buddeln im Sand, bauen Burgen
mit hinterhältigen Kanälen,
streuen sich Sand in die Augen,
Wüstensturm.

Verdammt heiße Sandkuchen.
Verdammt heiße Schokolade.
Verdammt scharfe Schnitte.

Wenn die Sonne scheint,
werden aus Risse Spalten,
aus Gefallenen Opfern,
die Wüste zum Totengräber.
Vera Hewener

aus: Eine Neigung aus Blau. Libri Georg Lingenbrink. Norderstedt 2002.

Reibung

Wind peitscht gegen das Glas der Dämmerung zischt durch die Lichtung zieht scharfe Schnitte schneidet aus der Sonne Fetzen schon trübt sich das Gold fahles Gestotter der Nacht das über Baumkronen ausschüttet Schattengericht

am Boden hampelt die Marionette Dunkelheit baumelt an den Fäden der Notwendigkeit sterbender Stunden deine und meine die wir vergraben in den Schränken der Sehnsucht da wir nicht hier sind nur in Gedanken spielt die Nacht in uns die Wiederholung der Wünsche wir vergaßen

abgerissene Streifen die uns beschließen obere Winkel des Horizonts Wundmale bluten ihr Purpur ins Firn totes Rot kaltes Feuer das ausbrennt unsere Schatten farblose Zeit in der graues Grinsen ein Schimmer ist lässt nicht sehen uns

nicht hören das Knistern der Funken die sprühen wenn das Nicht sich reibt umgenichtete schwarze Löcher fallen in unser Kontinuum unterbrechen die Stille für einen Moment sichtbare Punkte

Blindenschrift einer Lust die wenn wir sie uns gestatten keinen Raum lässt für Schattengespenster Schotterpfade der Neigung die uns häuten wenn wir uns häuten lassen von der Inspiration sterbender Stunden dort oben wo die Nacht noch Himmel ist


© Vera Hewener

 


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Fruchtbares Feld

Gräser einer vergangenen Zeit
spriessen wie seltene Orchideen
aus dem Sand des Erlebten

Hast du dies fruchtbare Feld
je erblickt das du ersehntest

Und Jahr um Jahr
sich das Blühen über dem Beet verstreut
das du gedüngt mit den Antworten
die dich das Wachsen lehrte

Wo die Fragen verstummen
wird kein Same mehr sein

© Vera Hewener

Nächste Lesung
26.04.12 um 16.00 Uhr
“Lass uns Rosenranken flechten”
Haus Vita, August-Klein-Pfad 4
Saarbrücken
 

Presse
05.03.12 Saarländische Lyrikerin Vera Hewener im Lyrik-Leseheft des Cornelsen-Verlags vertreten Seit 1985 werden Werke der saarländischen Lyrikerin Vera Hewener in Deutschland, Ungarn, der Schweiz und Österreich veröffentlicht… Das Gedicht „November“ von Vera Hewener steht beispielhaft für die Form des Sonetts...

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