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Vera Hewener Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft
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Dahinter
© Vera Hewener
Ein Stück Land meineigenundnichtdein Ein Baum meinwaldplatzidylle Eine Wiese meinblumenfeldduft Eine Mauer undradioaktivluft
In: Theaterzeitung. Hrsg. Saarländisches Staatstheater, Jahrgang 3 (1985/86) Nr. 7, Februar 1986. Saarbrücken. Aus: 'Novembrisches Bittersüß' 1986.
Kommausdirherausmensch
© Vera Hewener
war Schneckenhauskriecher mit Abschirmgehäuse Bombe fiel zerknallt die Festungsmauern über ihm roter Feuerball mit Weltallschleuder Venus verbrannte Seine Randausläufer
In: Am Kap der guten Hoffnung. Literatur und Provokation. Die Blaue Eule. Essen 1990. Aus :' Novembrisches Bittersüß' 1986.
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Abrüstung
© Vera Hewener
Wir liegen im Krieg mit dem Krieg Früher bekriegten wir uns Heute bekriegt uns der Krieg Der Frieden bekriegt den Krieg Der befriedete Krieg bekriegt den Frieden Der bekriegte Frieden bekriegt den befriedeten Krieg
In: Am Kap der guten Hoffnung. Literatur und Provokation. Die Blaue Eule. Essen 1990. Und: Theaterzeitung. Hrsg. Saarländisches Staatstheater, Jahrgang 3 (1985/86) Nr. 7, Februar 1986. Saarbrücken. Aus: 'Novembrisches Bittersüß' 1986. .
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AschenPuttel
© Vera Hewener
Keine Wegweiser mehr An der Kreuzung ausgetauscht Die Richtung stimmt nicht mehr Ich fahre liebe zurück in die Zeit vor mir und falle in einen Bombenkrater ersaufe im BlutBad der Gefallenen Ich röchele, ersticke in der Luft Sauerstoff hat sich zurückgezogen zu wertvoll für unseren Feuerball zerspringt durch Menschenhand Ich setze mich auf eine Erdscholle und aschenputtle aus dem Neuzeitalter
In: Am Kap der guten Hoffnung. Literatur und Provokation. Die Blaue Eule. Essen 1990. Aus : 'Novembrisches Bittersüß' 1986.
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Treibjagd
© Vera Hewener
Die deine Flucht nach innen verfolgen bemächtigen sich deiner Worte. Alle Indizien am Wegrand markiert halt ein! Die bloße Versuchung reicht aus, Jäger aufzuspüren. Sie begrenzen das Land, das sie dir zugestanden. Halt ein und hau deinen Grenzzaun ins Land, Schlag für Schlag der Verfolgung entgegen. Auch wenn sie dir Freiheit versprechen, ihre Mordlust ist ungebrochen.
aus: Vermisstenanzeige. Georg Lingenbrink Libri. Norderstedt 2000.
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Denkstunde für Paul Celan
© Vera Hewener
Bittre Blätter Geschichte, wir essen sie täglich, wir essen sie täglich, an deine Väter, mein Deutschland, an deine Täter denk ich. Seh’ ich den Staub vor den Augen der Väter, seh’ ich den Staub vor den Augen der Kinder, eurer Kinder, ihr Väter, eurer Kinder, ihr Täter, Kindertäter, mein Deutschland, Kindertäter seh’ ich.
Ein junger Deutscher wirft Steine, schlägt blutig den Nachbarn, grölt laut deinen Namen, deinen Namen, mein Deutschland, im Namen der Väter, mein Deutschland, Kindertäter in Deutschland, Kindertäter seh’ ich.
Da draußen wachsen Parolen aus alten Tagen der Väter, den Tagen der Täter aus Deutschland, Todesschwadronen sind unterwegs. Sie rufen die Helfer herbei, sie strömen, sie strömen, die neuen Helfer, mein Deutschland, die Helfer der Kindertäter, die Väter der Täter, die Mütter der Täter, wie schreibt man die Namen, Deutschland, Kindertäter seh’ ich.
Es kommen die neuen Tage, es kommen neue Geschichten, neue alte Geschichten, aus neuen alten Köpfen, aus neuer schwarzer Tinte, es kommen Geschichten aus Deutschland, Geschichten Kinderväter, Geschichten von Kindertätern, mein Deutschland, Kindertäter seh’ ich.
Da draußen wächst wieder das Schweigen, da draußen versiegen die Rufe, die Rufe der Opferväter, die Rufe der Opfermütter, wer schreibt sie, wer greift sie auf? Wann wird das Schweigen verstummen, wann werden die Rufe gehört, die Rufe der Retter und Richter, die Rufe der Denker und Dichter? Wann wird es laut in Deutschland; die Stimmen der Toten, mein Deutschland, die Stimmen rufen dich.
Die blinden Helfershelfer versagen den Opfern die Rechte, Rechte der Menschen in Deutschland, Rechte der Opferkinder, das Recht auf das Recht, mein Deutschland, das Recht zu leben such’ ich. Es kommen dunkle Zeiten, es kommen schwarze Tage, Opfertage in Deutschland, Todesopfer seh’ ich.
Die Meisterschüler, mein Deutschland, die Kinder, die Enkel der Väter, sie finden wieder Helfer, Helfershelfer für Täter. Die Helfer der Helfershelfer schütteln die Hände und lachen. Es geht ein Lachen durch Deutschland, das Lachen der Meisterschüler, das Lachen der Helfershelfer, mein Deutschland, geißelt dich.
Bittre Blätter Geschichte, wir essen sie täglich, wir essen sie täglich, an deine Toten, mein Deutschland, an deine Opfer denk ich.
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Gespräch zwischen zwei Lebenden
© Vera Hewener
„Man überlebt nicht aus Liebe!“ „Weshalb sonst?“ „Aus dem Willen zu leben.“ „Leben wofür?“ „Wir leben für das Leben, weil dies das Leben von uns fordert.“ „Das Leben fordert zu leben, nicht den Tod?“ „Das Leben in dieser Welt ist ein perpetuum mobile. Es bewegt sich ohne unser Zutun.“ „Wozu braucht es dann Lebende, wenn gelebt wird, ohne zu leben?“ „Das Leben, das nicht lebt, ist ein Organismus, eine Ansammlung von Molekülen, von Gegenpolen zusammengehalten. Es lebt, auch wenn es nicht lebt!“ „Aber wozu? Wozu soll ein nicht Lebender leben?“ „Ein passiver Organismus ist der Gegenpol zum Aktiven. Schiede das Passive aus, zerfiele auch das Aktive. Es würde sich in Nichts auflösen.“ „So braucht das Leben Untote, um nicht selbst tot zu sein?“ „Das schrieb schon Aristoteles: sein ewiges Prinzip vom Aktiven und Passiven.“ „Das bedeutet, von zwei Menschen darf nur einer leben im Leben?“ „Du hast es erfasst, das ist die Ergänzung, die natürliche Bestimmung. Denn was geschähe, wenn alles Leben aktiv wäre?“ „Es wäre kein Platz mehr, um am Leben zu sterben.“
aus: eine Neigung aus Blau. Edition Calamus. Libri Norderstedt 2002..
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New York 11. September 2001
© Vera Hewener
Gibt es noch Unbedenkliches? Nach dem Terror? Gab es das je? Vielleicht und vorbei. Im Inferno von New York starb die Hoffnung. Sie sah lange aus wie Waffenstillstand. Die Ruhe ist zur Ruhe gekommen und schreit’s hinaus, eine Fratze aus tausendundeiner Nacht.
Die Metallwaben bieten keine Heimat mehr für Kulturen, Religionen und Nationen. Die Brandskulptur ragt über den Ascheresten. Gedanken hängen an den rauchgeschwärzten Stäben, die Hinterlassenschaft der Todgeweihten. Ihre Arme winken uns zu, dem freien Fall der Körper folgt das Niemandsland.
Im Staub des Unvorstellbaren wühlen jetzt Soldaten mit Spezialausrüstung, robben sich durch Steinwüsten und tragen Verletzungen zu Grabe, die durch Töten nicht verheilen.
Sammellager bleiben zurück mit immer hungernden Kindern. Ihre Seelen sind so tot wie die Getöteten. Wer trägt die Trauer der Ungezählten, die im Bürgerkrieg verloren? Wir und die anderen? Wer hat in die Augen der Frierenden gesehen? Du und ich? Frieren wir auch? Hungern wir auch? Haben wir Durst? Vergessen und abgeschoben.
aus: eine Neigung aus Blau. Edition Calamus. Libri Norderstedt 2002.
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Verständigung
© Vera Hewener
„Mein Rippchen“, sagte das Knochengerüst, „bau dich in meine Lenden ein, ich wirbele dich im Leben herum, dass dir schwindlig wird.“ „Dank dir, du treusorgendes Skelett“, sagte das Rippchen, „ich brauche deine Sorgen nicht. Ich fliege lieber Kettenkarussell.“
„Mein Rippchen“, sagte das Knochengerüst, „ergänze meine Halswirbel, sonst ist dein Stand gefährdet.“ „Dank dir, du haltloses Skelett“, sagte das Rippchen, „ich habe einen eigenen Stand.“
„Mein Rippchen“, sagte das Knochengerüst, „verbinde meine Brustwirbel, damit du richtig atmen kannst.“ „Dank dir, du luftleeres Skelett“, sagte das Rippchen, „zum Atmen ist überall Luft.“
„Mein Rippchen“, sagte das Knochengerüst, „wenn du jetzt nicht gehorchst, breche ich dir sämtliche Knochen! Keine Rippe kann ohne Knochengerüst leben!“ „Armes Knochengerüst“, sagte das Rippchen, „ohne die fehlende Rippe wirst du nie laufen können.“
aus: eine Neigung aus Blau. Edition Calamus. Libri Norderstedt 2002.
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KZ Neue Bremm
Die roten Kacheln im Waschraum das Wasser wäscht sie tot die Männer sie frieren sie tragen die Knochen zu Grabe im Waschraum da liegt es sich gut auf dem Martertisch im Waschraum da liegt es tot das Skelett mit verdrehten Armen und Beinen die Augen starren sie staunen über das Weiß im Gesicht „Das ist Hygiene in Deutschland!“
Der Löschteich ist kalt und verdorben er spuckt ständig Schlamm und Geröll die Männer sie hocken sie hüpfen im Entengang unten am Teich da knarrt es da kracht es sie fallen und fallen Gewehrkolbenhiebe Fußtritte Schläge sie peitschen sie hoch die Männer sie taumeln am Teich am Morgen am Mittag am Abend
die seifige Planke neigt schräg sich zum Wasser die Kipplade trägt ins Wasser den Tod die Männer zerschlagen ihr Rot läuft davon ins Nichts trägt die Luft die Skelette die balancieren auf der Planke am Teich die Kugel löscht die Bewegung im Grab aus Wasser die Hände am Bassinrand noch klammern
Der ‚Salatkorb’ hält still entlässt seine Fracht Kolonnen aus Widerstandskämpfern Gefangenen sie reihen sich auf stehen stramm unter’m Schild: „Ihr seid hier um zu leiden und zu sterben - Die Nahrung die man euch gibt ist nur ein Geschenk“ Da sehen sie’s der Teufel ist hier der Teufel ist hier „Juden und Priester vorgetreten!“ der Teufel ist hier der Teufel ist hier er wütet er wütet
Der Kapo er schreit „Was ihr wollt nicht marschieren!“ und schlägt und schießt er tritt und brüllt: „In die Hocke im Kreis um den Teich!“ die Stunden sie kreisen sie halten still beim sechsten Schlag die Juden sind tot die Juden sind tot die Priester im Schlamm im Rot die Soutane Sie sollen noch nicht sterben, geschleift zur Baracke, sie sollen langsam sterben sie knallen zu Boden
Ein Kohlblatt im Wasser der stinkenden Brühe verfault sind die Rüben versalzen der Sud das Brotstück im Magen der Hunger er wütet in den Gedärmen der Männer von morgens bis abends die Hasen wie Könige schlemmen im Stall die Männer sind hungrig auf Verrat steht Brot die Männer sind hungrig ein Dieb ist ein Held ich hab was gehört ich hab was geseh’n
Der Teufel ist hier der Teufel ist hier er greift nach den Frauen der Männer er greift nach den Schwestern und Müttern er zeichnet die Spur in den Leibern Der Aufseher schnallt seinen Gürtel der Teufel ist hier der Teufel ist hier die Frauen sie wimmern sie torkeln kein weißer Fleck im Gesicht zerrissen die Lumpen
Das Wasser im Waschraum es wäscht schon die Kacheln sind rot die Kacheln sind rot der Tisch wird geleert der Vorrat an Särgen ist aufgebraucht wohin mit den Toten der SS’ler sagt „Auf den Müll mit dem Müll“ die Aborte sie stinken der Haufen der Toten wächst täglich das ist die Hölle in Deutschland der Teufel ist hier der Teufel ist hier im Lager des langsamen Sterbens im KZ Neue Bremm
(Zitate aus: Neue Bremm. Ein KZ in Saarbrücken. Raja Bernard, Dietmar Renger. Geschichtsverlag S. Brück. Heusweiler 1999)
aus: Vermisstenanzeige. Georg Lingenbrink Libri. Norderstedt 2000.
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30.08.10 Flaschen -geister, Nebelfrauen und Bücherwürmer. Die Veranstaltungsreihe Litera- tissimo des Püttlinger Kulturamts fand am Freitag- abend im Schwesternhaus statt. Ein idealer Ort, um die Geister der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft zu locken. Gut 100 Zuhörer kamen, um sich zum vorletzten Mal in diesem Jahr vorlesen zu lassen. ....
02.09.10 Literatur in der “Roten Zone“ Köller- bachs - Vera Hewener und Georg Fox lasen im vollbesetzten Schwestern- haus....Eingeleitet wurde der Leseabend von Heweners historischem Rückblick in die Zeit vor dem zweiten Welt- krieg. Dass Karl Ludwig Rug die Barmener Erklärung mitgetragen hatte und sich gegen das Naziregime stell- te, war eine der Ausfüh- rungen. Dass das Straflager in Etzenhofen auf Hermann Röchling zurückging, war vielen nicht bekannt. Die Widmungsgedichte Heweners unterstrichen dies. ....
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Nächste Lesung: 17.09.10 um 19.30 Uhr Literatissimo “Poesie im Mondschein” Kath. Bücherei Liebfrauen mit Margret Roeckner, Vera Hewener und EVa Dörr-Vieregge
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