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Das Fotoalbum
© Vera Hewener
Die Sonne stand kurz vor dem Untergehen, als Esther vor ihrer Menorah hin und her wippte und betete. Eigentlich war es Frauen nicht auferlegt, die Gebetszeiten einzuhalten. Esther gehörte einer konservativen jüdischen Gemeinde an. Ihr Vater war der Gemeindevorsitzende und führte sie wie ihren Bruder in die jüdischen Gesetze und Traditionen ein. Sie feierte Bat Mitzwa vor acht Jahren. Esther studierte Biologie, jetzt im vierten Semester. Jörg, Student der Chemie im achten Semester, lernte sie auf dem Faschingsball ihrer Universität kennen. Bisher hatte sie ihm verschwiegen, dass sie Jüdin war. Sie kannten sich erst acht Wochen. Die Verabredungen legte sie auf Wochentage, nicht auf Freitagabend oder Samstag. Jörg nahm daran keinen Anstoß. Am Wochenende fuhr er ohnehin zu seinen Eltern und die Beziehung war noch nicht so fest. Am Mittwoch wollten sie sich treffen. Jörg hatte eine Fete in seiner Studentenwohnung organisiert und Esther wollte ihm bei den Vorbereitungen helfen. Esther war pünktlich, wie immer. „Kannst du mal die Deko machen, ich muss Kurt anrufen und ihn an den Kuchen erinnern.“ Esther drapierte die Luftschlangen, hing Laternen auf, stellte das Geschirr und die Gläser zurecht, wickelte das Besteck in Servietten ein und suchte nach Kerzenständern. Sie öffnete den Schrank, in dem Jörg seine ganze Habe verstaute. Eigentlich ganz schön unordentlich, dachte sie und kramte in den Regalen. Dabei fiel ihr ein Fotoalbum in die Hände. Sie nahm es zwischen den Wollsachen heraus und fing an zu blättern. Alles Bilder aus Kindertagen, von Jörgs Eltern, Jörg spielend mit anderen Kindern, auf dem Arm seiner Mutter, ein Bild von einer Familienfeier. Jörg stand plötzlich hinter ihr. „Wo hast du es gefunden? Ich hatte es schon vermisst.“ „Na da, zwischen den Pullovern. Hast du keine Kerzenständer?“ „Da muss ich selber suchen.“ „Hast du eigentlich keine Geschwister?“ „Nein, ich bin der einzige Sohn meiner Eltern. Siehst du, auf diesem Foto hier spiele ich mit Großvater Krieg.“ „Krieg? Habt ihr oft Krieg gespielt?“ „Ja, mein Großvater war ein angesehener Mann.“ „Was hat er denn gemacht, dein Großvater?“ „Er war Fabrikant.“ „So, so, dann stammst du ja aus einer wohlhabenden Familie. Wie heißt seine Fabrik?“ „Sie existiert nicht mehr.“ „Ist sie zerstört worden?“ „Nein, aber sie wurde neu aufgebaut und umorganisiert. Großvater hat sich danach zurückgezogen.“ „Weshalb? War er schon so alt?“ „Er wollte nach dem Krieg seine Ruhe haben.“ „Was hat die Firma produziert?“ „Chemische Stoffe, Gase.“ „Studierst du deshalb Chemie? Ist das die Familientradition?“ „Sozusagen. Mein Großvater hat damals einige chemische Stoffe entwickelt.“ „Jetzt bin aber neugierig. Was hat er dann genau entwickelt?“ „Ein Gas, das damals viel gebraucht wurde.“ „Ein Gas? Was für ein Gas? Es gab doch nur ein bedeutendes Gas bei Hitler. Was hat er entwickelt?“ Esther war unruhig geworden. Sie wollte jetzt wissen, mit wem sie es zu tun hatte. „Ach, ist nicht so wichtig. So bedeutend war er nun auch wieder nicht.“ Esther blätterte weiter im Fotoalbum. Bilder vom Großvater, mit Orden überhängt vor der deutschen Flagge mit dem Hakenkreuz. „Was war dein Großvater? Offizier? War er vielleicht bei der SS oder sonst wo?“ Jörg spürte, wie gereizt und aggressiv Esther plötzlich war. „Weshalb willst du das wissen, sag mal. Waren deine Großeltern etwa nicht im Krieg?“ „Meine Großeltern? Meine Familie?“ schrie Esther entsetzt. Sie hatte vergessen, dass Jörg nicht wusste, dass sie Jüdin war. „Das kann ich dir sagen, was mit meiner Familie passiert ist. Vergast in Ausschwitz. Nur meine Großmutter überlebte mit meinem Vater. Alle anderen Verwandten wurden umgebracht. Mit Gas, verstehst du, mit Gas!“ Esther war laut geworden, ihre Stimme bebte. Jörg wechselte die Gesichtsfarbe. „Ich kann dir nicht sagen, wer mein Großvater war, jetzt nicht mehr“, stotterte Jörg. „Warum jetzt nicht mehr? IG Farben, war das die Fabrik? Zyklon B, war das die Erfindung deines Großvaters?“ Esther war fassungslos, Jörg brachte keinen Ton heraus. Esther blätterte die Seite um. Das Bild zeigte das Firmengebäude, Hitler vor dem Portal mit einigen gut angezogenen Herren. Esther starrte Jörg an. „Ich hab doch niemand umgebracht! Was kann ich für den Erfolg meines Großvaters?“ „Den Erfolg deines Großvaters?“ „Ja, er konnte doch nicht wissen, was Hitler vor hatte?“ „Nein? Konnte er nicht?“ „Esther, liebe Esther, es tut mir leid, so entsetzlich leid. Ich würde nie einen Menschen umbringen, glaub mir, das könnte ich niemals tun!“ „Aber du bist stolz auf den Erfolg deines Großvaters, der mit dem Tod unseres Volkes Milliarden verdient hat!“ Esther legte das Buch auf den Tisch, nahm ihre Tasche und ging davon.
aus: Vermisstenanzeige. Gewidmet den ermordeten Juden des Naziregimes. Vera Hewener. GEorg Lingenbrink. Norderstedt 2000.
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