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Vera Hewener
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Formen

Gedichtformen

Sind Metrik, Versform und Strophengliederung vorgegeben, spricht man von eigens benannten Gedichtformen. Eine der bekanntesten und am strengsten gegliedertste Gedichtform ist das Sonett. Ebenfalls festgelegt ist das elegische Distichon. Das Rondeau und das Madrigal lassen etwas mehr Gestaltungsmöglichkeit. Die größte Variationsbreite bietet das Akrostichon, das eigentlich keine eigene Gedichtform darstellt. Daneben gibt es freie Gedichte ohne wiederkehrende Versformen und metrische Regelmäßigkeiten. Hier eine Auswahl.



Akrostichon

(griech. Versspitze = erster Buchstabe eines Verses), Gedicht, bei dem die Anfangsbuchstaben (-silben, -wörter) der einzelnen Verse oder Strophen aneinandergereiht ein Wort, einen Namen oder Satz ergeben.

Beispiele hier




Elegisches Distichon (griech. dis= doppelt; stichos= Vers)

Das Distichon ist ein Doppelvers aus Hexameter und Pentameter. Wird es stophisch verwendet, nennt man es elegisches Distichon. Die alten Griechen bezeichneten ein Gedicht, das aus aneinander gereihten Distichen bestand, als Elegie. Es ging dabei nur um die Form, nicht um den Inhalt. Nach unserem Sprachverständnis ist eine Elegie eine Dichtung aus Wehmut.

Beispiele hier

Liebeskuss

© Vera Hewener

Herzwind, dem Brennenden hauche Kühlung, dem Sterbenden Leben,
flicht dieser Nachtfaser Kranz. Lichtwerk ins Dunkel. So glüh

Weglicht verlassenen Seelen, erfüll sie mit flammender Hoffnung,
schwebendem Tagesgefühl. Liebe die sucht, dich erlöst.

Sehnsucht entfesselt die sprühenden Funken, von Träumen befeuert,
gegenwartsnah wie dein Kuss. Herztiefer Sternengesang!




Das Sonett

Die Ursprünge liegen weitgehend im Dunkel, doch hat es sich als eigenständige Form im italienischen Mittelalter herauskristallisiert. Seine Erste Blüte erfuhr das Sonett durch die Dichtungen Petrarcas und Dantes. So haben vor allem auch Petrarca-Übersetzungen zur Verbreitung des Sonetts in Europa beigetragen, wie auch Opitz mit seinem Lehrbuch von der deutschen Poetery. Der Begriff Sonett heißt übersetzt "Tönchen" oder "kleiner Klang". Die deutsche Bezeichnung "Klinggedicht" stammt von Andreas Gryphius.
Ein gutes Sonett muss klingen, hat immer auch eine musikalische Note. Dies schlägt sich in der Form im Metrum und Reimschema nieder. Keine andere lyrische Form ist derart strikt festgelegt wie das Sonett, denn Versmaß, Reim, Strophenform und Länge des Gedichtes sind vorgegeben. Das vierzehnzeilige Gedicht besteht aus zwei über Reime miteinander verbundenen Quartetten und zwei anschließenden Terzetten in der Reimfolge abba - abba - oder abba - baab und cdd - cee oder cdc - ede im fünfhebigen Jambus, d.h. das Versmaß ist der Elfsilbler .
Das klassische Versmaß der italienischen Sonette ist ebenfalls der Endecasillabo (Elfsilbler), im Französischen herrscht der Alexandriner vor. Shakespeare entwickelte eine eigene Form des Sonetts, das durch drei kreuzgereimte Quartette ohne Reimwiederholung und ein abschließendes Reimpaar gekennzeichnet ist.
Das Sonett hat im Laufe der Zeit viele Abwandlungen erfahren. Versmaß und Versfuß können variieren. Was weiterhin kennzeichnend bleibt sind zwei Quartette und zwei Terzette mit umschlingendem Reim.

Mehr dazu: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/lyrik/sonett.htm

Lesen Sie nun einige Sonette aus fünfhebigen Jamben, aus Alexandrinern oder vierhebigen Daktylen
hier



Die Ballade

Die Ballade verbindet lyrische, epische und dramatische Elemente. Es ist eine Art Erzählgedicht, das in Strophen untergliedert ist und häufig ein Reimschema verfolgt. Ursprünglich als Tanzlied bekannt, entwickelte sich die Form der Ballade in Deutschland im 18. Jahrhundert weiter. Die volkstümlich-traditionelle Ballade, die von einer Generation zur nächsten mündlich als Tanzlied überliefert wurde, fand in der Form der Kunstballade eine Fortsetzung bei Bürger, Hains oder auch Goethe, Schiller (Erlkönig/Die Kraniche des Ibikus) oder Fontane (John Maynard). Moderne Songschreiber nutzen auch heute noch die Form der Ballade, um ein Geschehen, das meist eine soziale, emotionale oder weltanschauliche Komponente verfolgt, darzustellen.

Beispiele Balladen hier



Haiku
Im 17. Jahrhundert entwickelte sich in Japan eine besondere Tradition der Dichtform. Man lud Gäste ein, die abwechselnd an einem Kettengedicht arbeiteten, einem Renga. Das erste Gedicht, das Hokku, hatte 17 Lautsilben in der Versfolge fünf-sieben-fünf und einen Bezug zur Jahreszeit. Matsuo Basho war einer der größten Renga-Meister. Das am meisten zitierte Haiku der Literaturgeschichte stammt von ihm:

Der alte Teich
Ein Frosch springt hinein
Vom Wasser ein Geräusch

Matsaoka Shiki gab dem Haiku seinen eigentlichen Namen, in dem er das Hokku verselbständigte und dafür das Kunstwort Haiku einführte. Ein Haiku arbeitet mit Bildern, die konkret und anschaulich sind. Die Sprache ist einfach, kommentiert und reflektiert nicht das beschriebene Bild. Mit wenigen Worten wird viel ausgesagt, aber einiges muss offen bleiben. Der Leser ist gefordert, das Unausgesprochene mit eigenen Bildern, Erlebnissen oder Gedanken zu füllen.

Beispiele Haikus hier



Vermischte Versfüße

Die Versfüße erlauben außerhalb der vorgegebenen Formen eine große Vielfalt an dichterischer Gestaltung. Gemischte Versfüße aus Daktylus und Jambus oder Trochäus, Trochäus mit Anapäst, Spondeus mit Jambus und weitere Kombinationen finden sich häufig auch in der modernen Lyrik. Allerdings sollte eine begonnene Abfolge durchgehalten werden. Auch ist die Strophengliederung eine Frage der Sinngebung eines Gedichtes. Daneben stehen Formen aus freien Versen und freien Rhythmen.


Hier ein Beispiel aus Daktylen und Jamben in den Strophen und im Refrain

© Vera Hewener

Sommerlied

Sonnenhand hat die Luft verbrannt
hat ersonnen hat umsponnen
den Horizont mit weißem Schimmer

Sonnenstand überm Himmelsrand
wählt die Zeiten in den Weiten
und haucht herab den heißen Flimmer

spiegelt das Licht
auf den Zeigern der Mittagsuhr
schlägt eine Tür
in den Herztakt der Sommerflur
die Ordnung sie verpönt
den Wildwuchs sie verschönt
dort blüht versteckt
die Rose unentdeckt

Heller Glanz Sommereleganz
auf Terrassen in den Gassen
flanieren Menschen die laut lachen

Wolkentanz blaue Brillianz
Sonnenlüster Windgeflüster
treibt vor sich her des Tages Nachen

Wenn einer steigt auf die Zeiger der Mittagsuhr,
schlägt er die Tür in den Herztakt der Sommerflur,
die Ordnung sie verpönt,
den Wildwuchs sie verschönt,
dort blüht versteckt die Rose unentdeckt.

aus: Es kommen andere Ewigkeiten. WiKu Verlag 2007.



Freie Rhythmen

Ohne metrische Gesetzmäßigkeiten kommen Gedichte aus freien Rhythmen aus. Sie sind reimlos, haben eine unregelmäßige Versform und unregelmäßige Strophen. Kennzeichnend ist hier allein die hohe sprachliche Verdichtung. Zu finden sind dennoch parallele Satzkonstruktionen, kunstvolle semantische Bögen oder Wortwiederholungen.

Beispiel: Gedicht aus freien Rhythmen

Zeitschnitte

© Vera Hewener

Die Zeit mit ihren Scherenhänden
zerschneidet
mit jedem Händedruck
die Glücksmomente
die wir Gralssucher
den vielen Kämpfen
abgetrotzt

Komm
halte mit mir
die blaue Blume
ins Licht

Jede Sekunde
verherzt uns

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. 2003.

 


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Fruchtbares Feld

Gräser einer vergangenen Zeit
spriessen wie seltene Orchideen
aus dem Sand des Erlebten

Hast du dies fruchtbare Feld
je erblickt das du ersehntest

Und Jahr um Jahr
sich das Blühen über dem Beet verstreut
das du gedüngt mit den Antworten
die dich das Wachsen lehrte

Wo die Fragen verstummen
wird kein Same mehr sein

© Vera Hewener

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