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Die Krippe
© Vera Hewener
Es war der letzte Adventssonntag und wie immer waren wir alle zusammen in die Kirche gegangen, um uns die Krippe anzusehen und den Adventskranz zu bestaunen, der an großen Seilen von der Decke der Kirche herunterhing. Mutter hatte uns alle besonders schön angezogen, denn sie wollte nicht, dass sich irgendjemand über unser Aussehen mokieren konnte. Schließlich war sie eine gute Mutter, die sich um die Familie sorgte und kümmerte. In der Kirche musste ich meine Hände aus dem Muff nehmen, denn Mutter hatte vorher gesagt, so was gehöre sich in der Kirche nicht. In der Kirche müsse man fromm sein, dürfe die Hände nicht in die Taschen stecken und müsse ganz still sein. Dieses Jahr hatten wir eine neue Krippe bekommen. Der Stall war viel größer als vorher und mit richtigem Stroh gedeckt. Maria und Josef knieten davor und rundherum standen Schafe und ein Hirt. Das Jesuskindchen lag halb nackt in einem weißen Hemdchen in einer Wiege. „Mama“, flüsterte ich, da ich wusste, was sich gehörte, „Mama, das Jesuskind muss aber kalt haben. Es hat nur ein kurzes Hemdchen an. Da hat Maria aber nicht gut gesorgt.“ Mutter lächelte. „Mariechen, die Mutter Gottes hatte damals nichts anderes. Es gab nur Stroh in der Hütte, in der Jesus zur Welt kam“, erklärte meine Mama. „Aber warum hat sie dann ihren Schleier nicht abgenommen und ihr Kind damit eingewickelt. Du hättest das bestimmt getan!“ „Mariechen,“ meinte Mama, „damals trugen alle Frauen Schleier. Man bedeckte das Haar. Das gehörte sich so.“ „Aber Mama, nackt vor allen Leuten in der Krippe zu liegen gehört sich aber auch nicht. Wir dürfen doch auch nicht nackt herumlaufen,“ sagte ich verständnislos. „Mariechen, das ist doch nur eine Steinfigur. Damals, als Christus zur Welt kam, hat ja niemand zugeschaut.“ Da hatte Mama wohl recht. Wer konnte schon zusehen, wenn ein Kind zur Welt kam. Aber neulich im Religionsunterricht hatte der Pastor behauptet, es sei eine Sünde, nackt herumzulaufen und sich nackte Menschen anzusehen. „Mama“, versuchte ich weiter zu flüstern, „wir werden aber alle zu Sündern, wenn wir uns nackte Menschen ansehen, das hat unser Pastor gesagt.“ „Das tut man ja auch nicht. Aber das Jesuskindchen ist ja kein Mensch. Er ist der Sohn Gottes.“ „Hat denn der liebe Gott auch eine Tochter?“ fragte Karlchen neugierig. „Nein, er hatte keine Tochter.“ „Aber warum denn nicht?“ staunte Karlchen. Mittlerweile waren noch mehr Eltern mit ihren Kindern gekommen und standen um uns herum. „Papa“, zupfte ich an seinem Arm, „Papa, wenn Gott nur ein Kind hatte, warum bringt der dann den anderen Frauen so viele Kinder?“ „Mariechen“, sagte jetzt Mutter, „du sollst nicht soviel in der Kirche reden. Das tut man nicht. Das ist auch eine Sünde.“ „Wenn das eine Sünde ist, weshalb darf dann der Pastor reden und auch noch so laut?“ entrüstete ich mich. „Mariechen“, seufzte Mama, „der Pastor betet. Er verkündet das Wort Gottes. Das ist seine Aufgabe.“ So war das also. Der Pastor durfte reden, Kinder aber nicht. Er hatte mehr Rechte. Das konnte ich einfach nicht glauben. Gott liebte alle Menschen gleich. Das hatte selbst unser Pastor schon gesagt. „Das würde ja bedeuten, dass Gott die Pastoren mehr liebt als andere Menschen!“ „Liebt Gott die Kinder nicht mehr?“ fragte jetzt ein Mädchen, das hinter mir stand. „Gott liebt alle Kinder“, beschwichtigte deren Mutter. „Mariechen“, mahnte jetzt mein Vater, „hör bitte auf deine Mutter. Wir werden nachher darüber reden.“ „Aber das Jesuskindchen friert doch. Darf ich es nicht mit meinem Schal zudecken?“ fragte ich besorgt. „Niemand darf an die Krippe gehen. Das ist verboten!“ sagte Papa. Warum das wohl verboten war, wo doch vorher, gerade als wir in die Kirche kamen, die Schwester vom Altar an die Krippe gegangen war, um eine Kerze anzuzünden. Das konnte ich nun ganz und gar nicht verstehen. „Wieso darf dann die Schwester an die Krippe gehen und wir Kinder nicht?“ bohrte ich weiter. „Mariechen, wirst du wohl jetzt still sein!“ sah mich Mutter streng an. Da war wieder der Blick, mit dem sie sonst immer sagte, ich solle auf mein Zimmer gehen. Ich verstand, es gab verschiedene Arten, nackt zu sein und eine Sünde war nicht immer eine Sünde. Dass aber Gott jetzt auch noch Unterschiede mit seiner Liebe machte, empfand ich als ungerecht. „Liebes Kind“, sagte da plötzlich die Schwester, die inzwischen hinzugekommen war, um nach dem Rechten zu sehen, „der liebe Gott hat alle Kinder lieb, Söhne und Töchter, alle sind Kinder Gottes, er macht keinen Unterschied.“ „Aber zwischen den Frauen schon. Schwestern dürfen an die Krippe gehen, andere nicht!“ „Ja weißt du, wir Schwestern sind mit Gott verbunden.“ „Aber wenn ich bete, bin ich doch auch mit Gott verbunden?“ „Liebes Kind, Schwestern sind die Bräute Gottes. Sie weihen ihm ihr Leben.“ „Dann hat Gott ja ganz viele Frauen. Das würde ja bedeuten, dass Papa noch mehr Frauen heiraten dürfte als Mama!“ „Die Liebe zu Gott ist etwas anderes als die Liebe deiner Eltern zueinander,“ erklärte die Schwester. „Dann kann Gott sich selbst keine Kinder mehr machen?“ fragte ich erschrocken, „hat er deshalb nur einen Sohn?“ Jetzt sahen uns alle an. Es war plötzlich ganz still in der Kirche. „Mariechen“, bemühte sich mein Vater zu erklären, „der liebe Gott hat selbst nur einen Sohn, weil er die Menschheit erlösen wollte, damit alle in den Himmel kommen können.“ Das war also die Erklärung, der liebe Gott wollte nur die Menschheit erlösen. „Papa“, flüsterte ich jetzt so leis ich konnte, um nicht noch mehr zu sündigen, „Papa, hat der liebe Gott deshalb gesagt, lasset die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich?“
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