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Die Kerze
© Vera Hewener
Fast ihr ganzes Leben brachte sie in diesem Städtchen zu, in diesem Ort, in dem sie geboren wurde und aufwuchs, der ihr Heimat und Zuflucht war. Jede Straße war ihr vertraut, überall wuchsen ihr Geschichten entgegen, hallten aus den Gassen wie Choräle und übertönten zuweilen auch die Gegenwart. Der einsetzende Bombenhagel des Krieges zwang sie, mit ihrer Tochter zu fliehen. Nach der Evakuierung kehrte sie wieder zurück. Gemeinsam mit ihrem Mann, der zu Fuß aus Russland heimkam, baute sie ihr zerstörtes Haus noch einmal auf. Während sie so über Vergangenes und Gegenwärtiges nachdachte, färbte der schneidige Wind ihre Wangen rot. Vereinzelte Schneeflocken hüpften auf die Erde und machten sich daran, eine Schneedecke zu bilden. Einige ließen sich auch auf ihrem lodengrünen Kopftuch nieder. Sie war zweiundsiebzig Jahre alt. Als sie jung war, erschien ihr dieses Alter wie ein unermesslicher Zeitraum, den sie nicht begreifen konnte. Heute war es der natürliche Ablauf ihres Lebens, nichts Besonderes oder Ungewöhnliches, nur viel zu kurz. Sie fühlte sich auch nicht alt. Wäre sie berufstätig gewesen, befände sie sich schon lange im Ruhestand. Im Ruhestand? Was bedeutete das schon? War man abgeschoben oder aufgehoben? War es das Ende oder der Beginn einer neuen Lebensphase? Sie hatte immer noch keine Antwort darauf gefunden, nur die Einsamkeit vergrößerte sich mit jedem Jahr. Seitdem ihre Tochter mit Mann und Kind nach Belgien umziehen musste, kam sie sich manchmal sehr allein vor. Die anfänglich wöchentlichen Telefonanrufe wurden immer seltener, Geburtstage wurden wegen der Entfernung mit Feiertagen zusammengelegt, schließlich kostete die Fahrt nicht gerade wenig und bei ihrer Rente nicht öfter als zweimal im Jahr zu bezahlen. Dieses Jahr war Susanne mit ihrer Familie über Weihnachten in die Schweiz geflogen. Da sie vor dem Fliegen eine unüberwindliche Angst hatte, blieb sie zu Hause. Morgen feierte man das Weihnachtsfest. Bei diesen Gedanken krampfte etwas in ihrer Brust. Sie musste anhalten. Menschen hasteten unachtsam an ihr vorbei, einige rempelten sie an, ohne sich umzudrehen oder sich zu entschuldigen. Keiner hatte mehr Zeit so kurz vor Ladenschluss. Nach ein paar Atemzügen setzte sie ihren Weg wieder fort. Warum sie auch heute in die Stadt ging, ausgerechnet am letzten Einkaufstag vor Heilig Abend. Sie staunte über ihre Gedankenlosigkeit und dann fiel ihr ein, dass hier wenigstens Menschen waren, auch wenn einige unfreundlich oder gar grimmig an ihr vorbeischauten oder sie gar nicht registrierten. Sich unter Personen zu befinden, ihre Hast und Eile zu spüren, ihr Lärmen und die Geräusche des Stadtverkehrs, all das erschien ihr in diesem Moment wichtiger zu sein als ihre eigene, nicht mehr ganz so vitale Konstitution. Kam da nicht Frau Meiers auf sie zu? Sie winkte von der anderen Straßenseite zu ihr herüber. „Guten Tag Frau Meiers“, rief sie ihr zu und wechselte die Straßenseite. „Sie sind heute in der Stadt?“ fragte ihre Bekannte erstaunt. „ Fahren sie denn nicht nach Antwerpen?“ „Dieses Jahr nicht, Frau Meiers. Susanne ist in die Schweiz geflogen zum Skifahren.“ „Wollten Sie denn nicht mitfahren?“ „Ach, wissen sie, die jungen Leute heutzutage müssen so viel arbeiten, da wollen sie auch mal unter sich sein. Außerdem fliege ich nicht, ich hab zuviel Angst davor. Unter den Himmel da trau ich mich nicht. Die Menschen sollten ihre Beine benutzen, dazu sind sie ihnen schließlich gewachsen.“ „Sie hätten doch mit dem Zug nachreisen können.“ „Ja schon, aber alleine reisen in meinem Alter ist auch nicht so einfach.“ „Haben sie wenigstens ein paar Bekannte eingeladen?“ „Nun, Ida ist auch weggefahren. Und an so einem Tag kann ich doch meinen Freundinnen nicht zumuten, zu mir zu kommen.“ „Aber jetzt sind sie ganz allein. Da fällt mir ein, dass die Caritas eine Weihnachtsfeier für alleinstehende ältere Menschen organisiert hat. Gehen sie doch dorthin.“ Frau Kramers gefiel dieser Gedanke nicht. Was sollte sie unter all diesen alten Leuten? Sie unterhielt sich viel lieber mit jüngeren Menschen. „Ach was, ich bleib lieber zu Hause. Unsereins hat schon ganz andere Dinge überstanden.“ „Ja wenn sie meinen. Ich muss nun auch wieder los. Schöne Feiertage Frau Kramer.“ „Ja, ihnen auch, schöne Feiertage Frau Meiers.“ Frau Kramer sah ihr nachdenklich hinterher. Wie gut sie es doch hatte, lebte bei ihrer Tochter im Haus, half im Haushalt und sah die Enkelkinder aufwachsen. Sie stellte sich vor, wie das wäre, wenn Susannes Mann hier Arbeit gefunden hätte. Dann wären sie sicher hier geblieben. Sie konnte Susanne keinen Vorwurf machen. Ganz im Gegenteil, sie musste Gott dafür danken, dass sie so einen liebevollen Mann gefunden hatte, der sich um sie kümmerte. Sie nahm ihren Mut wieder zusammen und kam an den Eingang eines größeren Kaufhauses. Ein weißbärtiger alter Mann saß in der Ecke und hielt den Hut auf. Sie suchte in ihrer Tasche nach der Geldbörse, nahm einen Zehnmarkschein und legte ihn in den zerknautschten Hut. Der Bettelnde rieß die ungewaschenen Augen auf und dankte ihr. Sie ging hinein. Die Heizungsluft war viel zu warm, aus den Lautsprechern tönten laut Weihnachtslieder. Es herrschte reges Gedränge und am Weihnachtsstand suchten viele noch nach Dekorationsartikeln. „Wir haben aber einen echten Tannenbaum“, hörte sie einen Jungen zu seinem Freund sagen. „Papa fährt mit mir jedes Jahr zum Förster, damit wir uns einen Baum aussuchen können.“ – Der arme Wald, dachte Frau Kramer. Jedes Jahr wurden unzählige Bäume geschlagen, und das nur für ein paar Wochen. Genügten nicht auch ein paar Zweige. Und dieser Baumschmuck! Perlenketten, Keramikengel, buntes Lametta, künstliche Kerzen! Noch niemals hatte sie künstliche Kerzen benutzt. Der Geruch von Bienenwachs gehörte für sie zum Fest wie der Glühweinduft, dieses Aroma von Zimt und Nelken.. Sie ging um den Stand herum und fand sie schließlich. Als sie eine Packung nahm, erinnerte sie sich an das Weihnachtsfest in der Evakuierung. Sie war mit Susanne bei einem Bauern untergekommen. Brot hatten sie und ein Dach über dem Kopf Damals war das viel, auch wenn sie dafür hart arbeiten musste. Geschenkt bekam sie wirklich nichts im Leben. Aber an Weihnachten schenkte ihr der Bauer eine Kerze aus Bienenwachs. Die steckte sie zwischen ein Tannengebinde, das sie notdürftig hergerichtet hatte. Das Licht flackerte und sie sang mit Susanne ‚Oh du fröhliche, oh du selige’. Trotz all der Entbehrungen keimte in diesem Moment ein Gefühl der Geborgenheit auf und befreite sie für wenige Minuten von der Bitterkeit dieses grausamen Kriegspektakels, das Millionen Menschen den Tod brachte und nichts als Zerstörung, Trauer und Schuld hinterließ. „Drei Mark vierzig“, sagte die Kassierein. Frau Kramer schreckte aus ihren Gedanken auf und zahlte. Plötzlich fühlte sie sich müde und abgespannt. Der Kaufhausrummel störte sie. Als sie die Kerzen verstaut hatte, machte sie sich auf den Heimweg. Am nächsten Morgen schmerzte ihre Beine. Es war wohl doch zuviel gewesen. Nur das Notwendigste konnte sie erledigen. Zu sehr plagte sie dieses Ziehen in den Knochen und die Müdigkeit. Ach, wäre sie doch bloß zu Hause geblieben! Am frühen Nachmittag legte sie sich aufs Sofa, wickelte ihre karierte Wolldecke um sich und schlief ein. Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als sie durch das Läuten der Türklingel geweckt wurde. Es war schon dunkel geworden. Sie zündete eine Kerze an und mühte sich an die Tür. Draußen standen drei vermummte Mädchen mit bepackten Händen und sangen zitternd vor Kälte: „Vom Himmel hoch, oh Englein kommt, eja, eja, susani, susani, susani.“ Frau Kramer war so verblüfft, dass ihr die Worte fehlten. „Fröhliche Weihnachten wünscht ihnen der Jugendclub. Alles Liebe und Gute und vor allem Gesundheit fürs kommende Jahr.“ Frau Kramer war gerührt. Tränen rannen über die vom Kissen faltige Haut. Einen Augenblick rang sie nach Luft, dann sagte sie: „Fröhliche Weihnachten, fröhliche Weihnachten zusammen. Kommt doch herein, ich bin ganz alleine hier.“ Sie drückte den Mädchen die Hände und diese freuten sich, dass ihre Idee, Weihnachten in die Tat umzusetzen, so erfolgreich war. Sie überreichten Frau Kramer ein Geschenk, Frau Kramer kochte den Glühwein auf, packte Weihnachtsplätzchen aus, legte eine Schallplatte mit Weihnachtsliedern auf und plauderte die halbe Nacht mit ihren Weihnachtsmännern, die ihr wohl der Himmel geschickt haben musste.
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