ISBN
 3-86553-203-9
WiKu-Verlag 18,65

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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Zeitgedichte

 

            

                       Zeitgedichte

 

In Haus der Zeit

© Vera Hewener

Im Haus der Zeit wohnt eine Seele fein
in vielen unbekannten Zimmern.
Sie lädt mich ein zum Hoffnungsträumen,
Salons in Samt und Seide flimmern.
Es zärtelt Schonzeit mit ihren Kinderfläumen
und zaubert mich ins Märchenschloss hinein.

Die Feenwelt erwacht, sie singen
mit glockenklaren Stimmen Psalmen,
in durchsichtige Tücher eingewandet,
die Kränze geflochten aus Rosen, Gräserhalmen.
Ein Sturm aus wundersamen Wünschen brandet
und trägt mich fort auf weit entrückten Schwingen.

Das Sehnen perlt auf meiner Haut in Bildern,
mit tausend Wünschen überzogen.
Ein Herz im Glanz, in güldenen Palästen.
Der Hofstaat schart sich um den Dogen
und lockt mit ausgemachten Festen.
Der Weg, ein Labyrinth aus Schildern.

Die vielen Türen, die sich mir empfehlen,
verwirren mich, sie schreien nach Entscheidung.
Die Zeit pocht hörbar in den Wänden.
Erhofft das Zeithaus die Bekleidung
seiner Tage mit Lebensbänden.
Wes‘ Tür ich nehm’, des‘ Zeit ich stehle.

Im Haus der Zeit wohnt eine Seele fein,
in Räumen, die mich jäh erwarten:
ein Scheideweg, ein Bitterfeld,
ein Maar, ein Sommerblumengarten.
Durch welche Zeit ich geh’, ich bin der Held.
Ein jede Zeit, sie wächst im Widerschein.

aus: Eine Neigung aus Blau. 2002.
 

Lichtzeit

© Vera Hewener

Es sind die Tage,
die mir Wasser in die Augen treiben,
wenn meine Netzhaut dem Licht standhalten will,
das sich durch die Zeit schleicht,

ein sagenhaftes, helles Licht,
eine Aura, die Feen umgibt und Engel,
dieses Licht, das sich nicht scheut,
hier zu rufen, um dem Tag das Gesicht zu zeigen.

Da sehen wir uns gegenüber,
das mutige Licht und die Fremde,
die darin keine Heimat findet.

Der Zwang zur Gegenwart überfällt mich,
Zeit wird spürbar und klopft mit jedem Pulsschlag
die Wegstrecke ab, die vor mir liegt.

aus: Eine Neigung aus Blau. 2002.

 

Fruchtbares Feld

© Vera Hewener

Gräser einer vergangenen Zeit
sprießen wie seltene Orchideen
aus dem Sand des Erlebten

Hast du dies fruchtbare Feld
je erblickt das du ersehntest

Und Jahr um Jahr
sich das Blühen über dem Beet verstreut
das du gedüngt mit den Antworten
die dich das Wachsen lehrte

Wo die Fragen verstummen
wird kein Same mehr sein

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. Mauer Verlag. 2003
 

3  Genesis

© Vera Hewener

Tief unten im Brunnen
klärt sich die Quelle. Endlich
wird das Wasser trinkbar.
Wie lange doch das Fallen schallt!
Ich entdecke meinen Durst wieder.
Meine Zunge ist gierig nach
dem reinen, entgifteten Nass.
Man sieht mir zu, wie ich
meine Zisterne entwässere
ob dem ungetrübten Regenguss und weiß,
der Sommer ist zu Ende.

Ich schütte auf die Gräben
zerstückelte Äste, die der Baumfall übrig ließ.
Das Loch des Strunks wird sich wieder
füllen mit jedem Samenkorn,
das der Wind aus den Weiden herüber trägt,
wilden Wuchses, der unbändig wurzelt
und ausschlägt, später, wenn die letzten
Tropfen versiegt.

aus: Eine Neigung aus Blau. 2002.

 

Die sich selbst erfüllende Zeit

© Vera Hewener

Ich sehe das Grau der verlöschenden Dämmerung
und entsteige der Nacht, lichtbegossen.
Die Stille weicht, muss weichen vor dem, was kommt.
Viel lieber brächte ich ein Opfer den fliehenden Altären.

So bleibt nichts weiter übrig,
als den hellen Brechungen der Himmelsuhr zu folgen.
Die Straßen zittern noch unter dem Gewölk.
Stundenhände ziehen es hinfort.

Wozu das Umherschauen, wenn ich alles schon kenne,
die Farben der Ampeln, Kreuzungen und Hupgeräusche.

Man sagt, Wiederholung gebe Sicherheit.
Die einzige Sicherheit, die ich spüre,
ist die sich selbst erfüllende Zeit.

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. Mauer Verlag 2003

 

Zeitschnitte

© Vera Hewener

Die Zeit mit ihren Scherenhänden
zerschneidet
mit jedem Händedruck
die Glücksmomente
die wir Gralssucher
den vielen Kämpfen
abgetrotzt

Komm
halte mit mir
die blaue Blume
ins Licht

Jede Sekunde
verherzt uns

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken. Mauer Verlag. 2003.
 

Ordnungspause

© Vera Hewener

Wenn all das,
was ihr in mühsamer Kleinarbeit
zusammengetragen,
plötzlich zerfiele,
was wäre dann Regen, Wärme,
Hunger, Durst, Liebe?

Was würdet ihr euch nehmen
vom Verbliebenen,
welcher Baustein
wäre der Begehrteste?

Etwa der letzte Klon von Einstein,
tiefgefrorene Embryonen des Dalai Lama,
die letzten Gene von...?

Kein Theologe kann Glauben
zurückgeben,
den müsst ihr selbst finden.
Gott gibt es nicht mehr.
Sein Universum hat abgedreht.

Überlegt es euch, so oder so.
Wie viel Zeit werdet ihr noch haben?

aus: Eine Neigung aus Blau. 2002.

Nacht fällt ins Licht

© Vera Hewener

Aus diesem Nachtgewand
das der Stille der Träume
Vision und Geheimnis beließ
und sein Anthrazit über den Morgen ergoss
spinnen Sehnsucht und Wünsche
ein Tuch aus Seide

Über dem Lichtbogen
schwirrt der Glanz
der den Tag anruft
und den Träumenden ins Leben stürzt
in die Welt, die laut ist und hell

Kein Hadern kann das Entrinnen
der Dunkelheit brechen
die mit ihrem Rückzug
die Wirklichkeit entblößt
und das Gebäude des Tags aufschließt

Die Geburtsstunde leuchtet
jene Stunde, die uns die Nacht nicht nimmt
und das Erwachen erzwingt

Der Tag wächst ins Blaue
und mit ihm
das Sterben der Zeit

aus: Eine Neigung aus Blau. 2002.
 


Die Weile

© Vera Hewener


Bleib oh bleib du holde Zier
einer unbekannten Schönen
Sehnsucht will dem Wunsche frönen
nach dem Freiheitselexier

Komm oh komm du süßes Spiel
einer himmelhohen Bläue
nach dem Lichtsprung kam das Neue
und Tristesse zu Boden fiel

Küss mich heiß und küss mich innig
leg zu Füßen mir dein Herz
wohl mir wärs wenn nicht dein Scherz
mich verwirrte doch hier bin ich

Lichtgespinst oh lös die Seile
dieses Strahlens und versinke
ich mich sonst zu Tode trinke
an der hellen frohen Weile


 


In den Gärten der Zeit

© Vera Hewener


In den Gärten der Zeit
ernten wir, was wir nicht säen können

Sekunden voller Glück
Minuten voller Liebe
Stunden voller Geborgenheit

Wir können die Tür aufsperren
die den Garten verschließt
und ins Weite sehen

Manchmal gelingt es
die Erde zu nähren
und der Liebe
einen Grund zu geben
 

Spurensuche

© Vera Hewener

Der Himmel brennt, er schneidet Feuerschluchten.
Allee des Lebens, du ziehst so rasch vorüber,
wirst unverhofft zum schnellen Herzbetrüber.
Die kalte Kraft beginnt im Tag zu wuchten.

Und in den letzten aufgehellten Buchten
verklimmt der Docht als treuer Nasenstüber.
Der weiße Rauch legt sich als Schutz darüber
im Augenblick des Abschieds aller Fluchten.

Was jetzt vergeht, ergibt sich bald in Spuren.
Ich suche mich, ich suche dich zu finden.
Ein später Zweig will unsren Baum umwinden.

Den Totentanz vollführen schon Auguren.
Wo meine Hand in deiner Hand uns bindet,
verliert das Grau, der Sterbeton, er schwindet.

aus: Eine Neigung aus Blau. 2002.

 

Zeitsprung

© Vera Hewener

Aus über uns
unter uns
weilen noch
Zeilen alt

manchmal
bleiben sie
am StraßenRand
bildvoll vergessen im
HalbLicht gestrichen

zwischen Erinnern
und wieder Sehen
pinselt die Zeit
ihre zornigen Brücken

Kein Auge das
nicht Lücken suchte
im Jetzt für das
Dies und Damals.

In: Sei gesegnet, wenn du gehst. wort + mensch verlag. Köln 1994.
aus: Lichtflut 2001.
 


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