ISBN
 3-86553-203-9
WiKu-Verlag 18,65

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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Wintergedichte

Die vier Jahreszeiten
Antonio Vivaldi: erklärendes Sonett zu “L’Autunno”

Der Winter


Vereister Schnee lässt frieren uns und zittern,
mit kühlem Atem bläst der strenge Wind,
wir stapfen Schritt für Schritt fast farbenblind
mit Zähneklappern, Eiszapfen zersplittern.

Am Feuer träumen, wenn die Äste knittern,
wenn draußen Regen strömt im Gegenwind
und alle langsam und bedächtig sind,
mit Vorsicht über eis’ge Wege schlittern.

Wer schnell geht, ausrutscht, stürzt zur Erde.
Auf’s Neue schlürft man, sucht sein Gleichgewicht,
bis irgendwann das Eis reißt und zerbricht.

Beim Öffnen schleift das Eisentor die Erde
im Kampf mit Winden aus Südost und Norden.
Welch große Freud’, dass Winter uns geworden.

aus: Verwirbelungen der Zeit. Vera Hewener.
 

Winterland


© Vera Hewener

An den Scheiben kalter Fenster
blühen Blumen, weiß, aus Eis,
tanzen in der Nacht Gespenster,
bilden einen Zauberkreis.

Tanzen auf und tanzen nieder,
decken zu das kahle Haus,
bau’n die Schneelawine wieder
auf dem Dache ohne Paus.

Kommt der Morgen angeschlichen
Ist die Arbeit wohlgetan
aller Eifer ist gewichen
einer glatten Rodelbahn

 

Zeit der Stille

Schon kahl geweht erstarrt Gehölz der Zweige.
Im Astwerk schwingt Novembers kühle Seele.
Kein Blütenstaub und keine Vogelkehle
im Nass verbleibt. Der Wärme letzte Steige

Gewölk zersprosst. Das Licht geht still zur Neige,
es flüstert noch, dass bald das Helle fehle
doch auch das Grau den Wandel nicht verhehle,
der sich vollzieht, wenn es nun schweige.

So bricht der Tag mit seinem Aufbegehren,
versinkt im Tun und lässt die Zeit entfließen.
Die Hände ruhn im Schoß der Nacht, verließen

des Eiferns Weg. Den Schatten sich erwehren
Kamines Knistern, lädt ein uns zu genießen
das Stundenwort, die Stille zu erschließen.

aus: Lichtflut. Vera Hewener

Winter

© Vera Hewener

In den beißenden Frost hinaus.
Ein Atemnebel züngelt. Kältestoß.
Jemandes Pulsschlag friert im Schoß
erhärteter Landschaft. Das Garaus

der Farben spiegelt Wangenrot,
jenes zittert in den Einsamkeiten.
Sprosst aus schneeweißen Wendezeiten
Kristallglanz. Eiszapfen senden das Lot

zur frühen Nacht, die Licht verdrängt.
In den dunklen Gefächern klirrt
sphärisches Glockenspiel, das flirrt

zwischen vereisten Neonröhren. Anfängt
erbarmungslos das Jahraus bei dem Versuch,
Strenge zu mildern. Brandgeruch.

In: Farben der Natur. Anthologie. Kasskara Verlag 1995.


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