ISBN
 3-86553-203-9
WiKu-Verlag 18,65

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Vera Hewener
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Stadtgedichte

 

Stadtgedichte

 

 

 

 

 

13. April 2003

Deutsch-Französischer Garten

Unter der Schattenspur
schirmbedachter bunter Gondeln
treffen die Lanzetten der Sonne
pfeilgenau auf winterhelle Wangen

Zur Windmelodie
tanzen Wasserfontänen
schwingen Osterglocken
ihre gelben Kelche

Vom Seeweg führen
Steinstufen hinauf
zu verwachsenen Pfaden
gaukeln der Sonnenfantasie
Tatorte vor

Um ein Uhr mittags
stehen die Zeiger
auf Licht

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken

Sonnenuntergang in Völklingen

Die Sonne schnitt mit ihrem gelben Schwert
die Erde auf, die unter ihr in den Abend wuchs
und den dunklen Rand nach oben schob.
Im Zinnoberrot fochten Gelb und Schwarz
das Schauspiel heiliger Geburtsstätten aus.

Unter diesem Bann lag die Stadt wie im Koma,
streckte die ausgedienten Schornsteine
aus dem Steinmund.
Das Weltkulturerbe trauerte in der Agonie,
schlug seine sichtbar werdenden Lichtkegel
in den sich langsam schließenden Schattenschlund.

Eine Elle entfernt vor dem Versinken
des letzten Fetzen Tags stob
eine Schar Vögel auf und stimmte
das Lied des Nestsuchers an,
der in eiligen Gebärden sich noch Federn borgte.

Im Geäst knackten die Knospen,
mühten sich um Geschlossenheit.
Und von oben beweinte der Himmel die Träne,
die das Nachtauge verlor.

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken

Aufbruch

© Vera Hewener

Verstaubt ruht Mauerwerk
im zögernden Aufbruch,
stellt sich dem Straßenwind entgegen.

Fenster sehen verschleiert aus,
öffnen sich langsam dem Licht,
das sich in Spiegeln ergibt.

Asphalt rüstet sich auf
vor dem täglichen Fußtritt,
atmet sein Schaudern aus.

Leise reckt sich der Riese,
setzt behäbig den Anfang
auf den Schlusspunkt der Nacht.

aus: Lichtflut

Larissa

Stundentakt

Gipfelkette überragt die Flussbrücke
Pinios Weg in die Höhe der Zeit
Larissa lächelt ein Herz in die Weite

Achileos wacht auf der Kuppel
hält sein Kreuz über die Straßen
und sammelt Seelen ein

Klimaanlagen tauschen die Luft
in der Hitze des Sommers
lauscht das eiserne  Pferd


© Vera Hewener

 

Larissa

Morgenatem

Morgenatem entzündet ein Inferno des Lichts
haucht Blättergespinste in Akazienzweige
verteilt gelbe Rispen rosa Dolden

auf Alkazars Brunnensee rieseln Wassersterne
Fontänen glitzern an der Neige des Holzsteigs
aus Sprudeltürmchen hüpfen Tropfentänze

den Himmelsspiegel überbrückend
säuselt Leichtigkeit entfesselt
den Wimpernschlag zeittrunkener Augen

© Vera Hewener

Brücke von Tembi

Wie rückt es unaufdringlich in das Sehen
ein Brückenband: ein altes menschenleeres
Lichtfeld das ein göttergleiches hehres
Weltbild hochhält aufweckt wie ein Lehen

Wie schien mirs klar das Zeitbild als ein wahres
unvergessnes Dasein ein Jahrtausend
das so plötzlich auflebt und wieder brausend
mich zurücklässt wie die Farbe eines Haares:

ein Graues, nicht mehr sich erneuerndes Etwas
das vergangen ruht unwiderbringlich
Titanen Apollons Geist unverdinglich
der mir die letzte Lücke aus den Augen las

© Vera Hewener

© Vera Hewener

Kreuzfahrt auf der Seine

Lichterglanz auf der Seine
spiegelt atemlose Nacht
seufzend perlt ihr Wasserlauf
zärtlicher Liebesstern lächelt

leise treiben Schiffe
im Komplott der Dunkelheit
herzversunken in der Stadt
Leben am seidenen Faden

was Paris sich erträumt 
ist jemand der sich verneigt
vor der Süße die Begehren beschwört
wenn ihr Zauber die Welt weiht


Boulevard Ornano

Menschengetümmel auf den Trottoirs
zwischen Ständen und parkenden Autos
energisch versucht ein Verkehrspolizist
Staus aufzulösen

Ein Quartier wie ein Bienennest
fleißig und aufgewühlt
hungrig und durstig
Milch und Honig suchend

mit arabischen Zeichen
im farbigen Straßenbild
afrikanischer Folklore
maghrebinisches Tuch
aus allen Poren strömt Welt
 
im Vorbeifahren träumt
Sacré-Coeur auf dmHügel
Schweiß von Metropolis
perlt über den Asphalt
verbindet die Seiten,
die in all ihren Verzweigungen
immer wieder zusammen fließen


aus: Eine Neigung aus Blau. 2002.

Gare du Nord

Antik ergraut
des Bahnhofs Exterieur,
der Eurostar startet
im modernen Interieur.

Reisende mit Disziplin,
Heimkehrer,
Rucksack bepackt,
Verschwitzte und fein Gepuderte,
Liebende und Hoffende.

Vögel fliegen im All der Schienen
und lautlosen Gleitens,
im Korridor der Zeit,

mit Helfern bestückt,
orange flimmernde Westen,
freundliches Personal,
nicht immer dreisprachig,
europäisch gesinnt

Schilder mit Namen, mit Kennwörtern,
versteckt Bettelnde, Suchende
auf dem schmalen Grat der Erwartung.

Ein Bistro wie ein Wartesaal
und Café noir, ohne Milch mit Zucker.


aus: Eine Neigung aus Blau. 2002.

© Vera Hewener

Das Lied der Städte

© Vera Hewener

Die Zärtlichkeit der Stadt
in den Lüften erglüht
fühl den Atem des Lichts
von Wimpern zerstreut

in der Sonne träumen wir
von Wärme überströmt
ergreife den Glücksschrei
wenn Straßen sich paaren

der lichtvolle Tag feiert den Frühling
Geang der Städte über dem Bild
Verlangen der Augen Verlangen der Wörter
nach der ewig überlebenden Leidenschaft
 


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