ISBN
 3-86553-203-9
WiKu-Verlag 18,65

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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Reisegedichte

                                             Reisegedichte

 

 

 

      Lichtsplitter

      © Vera Hewener

      In den Sphären die wie Hologramme wirken
      verschwommen und doch vollkommen nah
      neigt sich das Fieber des Lichts

      Das helle Weinen einer Windbö schleppt
      sich in die Ohrmuschel des Ufers
      und verfängt sich im Dünensaum

      Wenn Lichtsplittern sich am Zeitgrat
      zersprengen und auf Sekunden flimmern
      reibt sich der Himmel das Blau aus den Augen
       

Sanduhr

© Vera Hewener

Vor lauter Sand versinken meine Füße
in tiefere Schichten graben sich ein
in Staubpartikel Zehe für Zehe
hinterlassen Kuhlen wieder und wieder

Wie durch eine Bö die den Sand ans andre Ufer weht
und auf die Steine des Zurückgelassenen stürzt
unversehens ins Namenlose fliehend
erscheine ich klein und fremd

So unwirklich wie das Licht wirft mein Schatten
sich in deinen Schatten Sand du Staub der Erde
du allen Anfangs Grund wartest auf Rückkehr

Olympische Küste

© Vera Hewener

Der Ozean ein Blautopas in weißem Licht gebleicht
und leichte Wellen die schäumend sich ans Ufer lecken
ein Rosaton der unbemerkt sich ausbreitet und verstreicht
am Beugegrat des Blicks Visionen sich vollstrecken

und dort am Horizont wacht immerzu ein kleines Schiffchen
ein junges kaum zu sehendes Gewölk aufsteigt wie ein Siegel
das die Fahrt erhofft und wartet am Korallenriffchen
sich dann und wann ein Singen überträgt ein Götterspiegel

in dem die Stimmen locken schön und sanft wie eine Muse
ein Chor der Göttinnen gehüllt in einen Nebelschleier
ein Winken gelöst von allen tritt hervor die lieblichste Meduse
sie spielt süßeste Töne der Verführung auf der Leier

und alle Götter scharen sich um sie am Himmelsknauf
ein Schillern Blitzen und Geglitzer meine Augen blenden
es zieht mich hin zu jenen Wesen in den Sternenlauf
Vergangenheit will sich in Gegenwart vollenden

Ramsgate 6.4.2004


Hochwassermarke

© Vera Hewener

Sonnenpunkte schimmern auf dem Schliff der Wellen
flutendes Wasser spannt sich vom Horizont ans Ufer
peitscht hinter der Fähre her die sich gegen den Pier schiebt

ein Frachtkahn krächzt heran von Wasservögeln umflogen
spähend nach Fischfang angebellt von Wachhunden
als fände der Krieg der Tiere im Hafenbecken einen Neubeginn

in kurzer Entfernung wirft der Matrose die Ankerleine
vertäut die Grenze einer Wirklichkeit
die den Himmel absucht nach Bestand

das Auge ahnt den Fingerzeig der Hochwassermarke
ein Maßstab der an nichts gebunden scheint als den Zufall
gebrochen von der Einmaligkeit eines Ereignisses

aus: Verwirbelungen der Zeit

 

Chateau Monhoudou

Schlossgeister

© Vera Hewener

den schlohweißen Hals zugeneigt
Schwanenküsse am Schlossrand
Grünspan umzäumt
Feldweg gesäumt

Goldfunken im Himmelsgranat
quellen ins Tannengehölz
Gründbrand letzten Lichts

Schafe sich wohlig wärmen
zögern zwischen Wolkenrissen
hinaufblökend zum vollen Mond
im wilden Schrei Vögel schwärmen

Gewölk Geisterbeschwörung simuliert
Odem verströmend
aus neunzehn Generationen

Holztüren knarren
Fensterlädensparren
verdecken bröckelnden Putz

Spitztürme wachen
Monhoudous Lachen
jagt die Nachtschatten
der Dämmrung

Schlosspark

© Vera Hewener

Seit Jahrhunderten Buchenwaldspalier
Schneeglöckchen umzittert
auf verwittertem Laubboden
Stammwurzeln

vergangenen Wegzeugen entsteigt
Hörnerklang
Gebell einer Fuchsjagd
Pferdehufenschläge

blauer Fächer eines Pfaus
federt im Zeitwind über Brombeerranken
Krone und Königslilie versanken
in Schlosses Familienwappen
 

Ostwind

© Vera Hewener

Sonne ritzt im Nebelschleier
über dem Schlossteich raunen Frostfontänen
steigen auf aus der Eishaut

grüne Pfauenaugen funkeln
im blauen Gefieder des Schlossvogels
den Weg im Grassilber ablaufend

an starren Halmen zerren weiße Schwäne
löschen das Morgenkristall
an der Grenze des Zauns

Schafe unterm Baumbestand sich vereinzeln
im Dunst des kalten Ostwinds
wirrt die Mondscheibe


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