ISBN
 3-86553-203-9
WiKu-Verlag 18,65

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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Kulturkritik bis 2003


Wie der Mörder und der Chor Elisabeth und den Tod retten
Zwischentöne der Essener Musikproduktion

Fraglos ist die Besetzung der Rolle des Tods mit Uwe Kröger im Musical Elisabeth von vornherein ein Gewinn. Durchtrainiert, gutaussehend und sinnlich verkörpert er den blonden Todesengel besonders reizvoll. Auch wenn er stimmlich an diesem Abend anfänglich leicht indisponiert war, hätte man sich die Pianostellen durchaus sehnsuchtsvoller, die Fortepassagen eleganter gewünscht, um dem Wechselspiel zwischen Begehren und einseitiger Zurückweisung mehr Dramatik zu verleihen. Im zweiten Akt gewann die Figur mehr an Kontour, wurde das Täter-Opfer-Spiel deutlicher, trat die Unerbittlichkeit der Werbung des Todes um das Leben Elisabeths klar und grausam hervor. Der zuweilen kühle, distanzierte Gesangsstil verhinderte ein Stück weit die Authentizität einer unmöglichen Liebe.

Maike Bordam als Elisabeth überzeugte vor allem als junge Elisabeth. Die jugendliche Unbefangenheit spielte sie ausgesprochen anrührend. Als gereifte Kaiserin Sissi vermisste man jedoch die Ernsthaftigkeit einer um sich selbst kämpfenden Frau gegen alle Widerstände ihrer Welt. Schade, dass sie im Lied „Nichts, gar nichts“ die innere Zerrissenheit, den existentiellen Identitätskonflikt gesanglich nicht entsprechend offen legen konnte. Dabei hat gerade diese wunderbare Textpassage von Michael Kunze viel Tiefe und enthält sich wohltuend jeglicher Larmoyanz.

Alle Rollen sind stimmlich durchweg gut besetzt. Überragend ebenfalls André Bauer als Kaiser Franz Joseph. Martin Pasching als der erwachsene Rudolf und auch Sabine Maria Reiß als bösartige, machtheischende Schwiegermutter Sophie konnten überzeugen. Star an diesem Abend jedoch war zweifelsohne Alex Melcher als Luigi Lucheni und der Chor. Exzellent im Rhythmus, im Ausphrasieren der Stimmlagen, in der Intonation der gesamte Chor. Alex Melcher gewann zunehmend an Identität mit der Rolle und bot eine hohe gesangliche und schauspielerische Leistung. Im Zusammenspiel mit dem Chor hatte er an diesem Abend die anfängliche Spannungsarmut wieder wettgemacht.

Perfekt die musikalische Umsetzung von Sylvester Levay. Text und Musik verschmelzen hier zu einem künstlerischen Meisterwerk. Die Schwelle von der unterhaltenden Bühnenkunst zum anspruchsvollen Musiktheater wurde eindrucksvoll überschritten.

21.12.2002 © Vera Hewener
 


Edler Wein als Astronautennahrung
Markus Pack servierte ein außergewöhnliches Orgelkonzert

Es war wohl die Maisonne, die Markus Pack beim vierten Domkonzert in Sankt Sebastian inspirierte, denn im Köllertaler Dom breiteten sich alles andere als fromme Töne aus: ein Programm bunt wie der Frühling, frisch wie der Morgentau und edel wie Wein. Lefébure-Wélys Sortie in Es-Dur führte gleich zu Beginn auf den Jahrmarkt, Drehorgelklängen gleich und kaum, dass man sich das gerade begangene Stadtfest in Püttlingen in Erinnerung gerufen hatte hörte man es jazzig schnippen. Viel Schwung auch im Versetto per il Gloria, Petalis Schramlmusik mit Wiener Schmäh. Wohl damit die leichte Muse nicht überschnappt dann etwas verhaltener Mozart-Changes von Zsolt Gardonyi und Salamanca von Guy Bovet, hüpfende Töne im Dialog eines barocken Menuetts. Im Bolero ließ der Meister an der Orgel seine Virtuosität aufblitzen  und begab sich zur Californischen Weinkarte von Hans-Uwe Hielscher. Rhythmisch ausgezeichnet der Cabernet Sauvignon mit klaren Farben, ausbalanciert der Late Harvest, südländisch verspielt der Zinfandel und prickelnd der Petite Sirah. Dann machte Markus Pack den gehaltvollen Wein auf, Chardonnay vom Feinsten. Stilvoll der Abschluss mit der Königin der Weine, Kaliforniens Champagner als Toccata serviert, mit der er das verzückte Publikum zurückholte in die Königsklasse der Instrumente. Eigentlich hätte man sich jetzt ein Präludium vorstellen können, doch nichts war’s damit. Markus Pack zeigte, dass die Orgel auch ganz anders kann und entführte sein Publikum in die Musiksphären von Jon Laukvik für vier Hände und zwei Füße, fernab von Kirchenmusik und traditionellen Elementen. Wie aus einem flirrenden Nebel tauchten helle Kristalltöne auf, schufen kosmische Transparenz im Cyberlook, fühlte man sich wie ein Astonaut, schwebend im unendlichen Weltall. Markus Pack und Werner Grothusmann als zweiter Spieler wuchsen zu einem organischen Ganzen zusammen, zauberten elegische Klänge, weltentrückt. Mit Edward Elgars majestätischem Pomp an Circumstance schloss sich der Kreis dieses außergewöhnlichen Programms, das die Zuhörer mit langanhaltendem Applaus bedachten. Ohne Zugabe konnte Markus Pack die hohen Hallen des Köllertaler Domes nicht verlassen.

25.5.2003 © Vera Hewener
 


Von der Menschwerdung Gottes: Mit kaum zu überbietender Intensität
Letzter Auftritt des KammerChores Saarbrücken vor dem Finale “Let the poeple sing” in London

Seit dreizehn Jahren gibt es ihn nun schon, den KammerChor Saarbrücken, gegründet von Georg Grün, der mittlerweile eine Professur für Chorleitung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim innehat. Beeindruckend die Bilanz dieser langjährigen Zusammenarbeit, in der die einzelnen Stimmen zu einem ausdrucksstarken Ensemble heranreiften. Bereits fünfmal errang der Chor bei internationalen Chorwettbewerben den ersten Platz. Am 12. Oktober vertritt er Deutschland im Finale des internationalen Chorwettbewerbs „Let the People sing“ in London. Die Aufführung am 5. Oktober war also eine letzte vorbereitende Übung.

Der Messias von Georg Friedrich Händel in englischer Sprache stand auf dem Programm des Abschlusskonzerts des Jubiläums der Fritz-Neumeyer Akademie für alte Musik zum zehnjährigen Bestehen, das Werk, mit dessen Aufführung damals alles begonnen hatte. Der Chor gleich zu Beginn des zweieinhalbstündigen Werkes präsent in allen Tonlagen. Wohltuend Jens Hamanns ausgewogene Bassinterpretation mit warmem Timbre in der Stimme. Die Altstimme, gesungen von Counter-Tenor Daniel Gloger, überzeugte im ersten Teil vor allem in den hohen Tonlagen, die er sehr prägnant und mit weicher Färbung anging. Das Concerto Saarbrücken spielte beschwingt mit großer Spielfreude rhythmisch exakt. Der Sopran erzählte von der Verkündigung der frohen Botschaft durch die Engel und Anne Kathrin Fetik bewältigte die Koloraturen mühelos. Glockenklar die Stimmführung, die sich in den Höhenlagen wohlfühlte.

Besonders gelungen der zweite Teil. Die Erlösung der Menschheit durch die Menschwerdung wurde vom Chor sehr getragen und innig gesungen. Hervorragend die Ausarbeitung der polyphonischen Dramaturgie, die den Kampf mit der Angst eines Sterblichen vor dem Tod hörbar machte. Im Gegensatz hierzu trug  Timothy Leigh Evans Tenor nicht klar über das Orchester hinweg. Zudem nahm er im Rezitativ „He that dwelleth in heaven“ die Koloraturen ungenau. Dafür entschädigte der Chor sein Publikum mit dem allseits bekannten und beliebten „Halleluja“. Elegant im Auftakt mit feiner Stimmführung geriet es zum Ohrenschmaus. Der Dirigent zog das Tempo an ohne zu überhasten.

Im letzten Teil ist denn auch die besondere Ausdrucksstärke dieses Chores hervorzuheben. „Since by man came death“ gelang in kaum zu überbietender Intensität. Der Tod als endgültiger Abschied vom Irdischen und Voraussetzung des ewigen Lebens schwebte in mystischen Klängen im Raum. Mit einem überragenden Schlusschor gelang Georg Grün mit dem KammerChor Saarbrücken ein Meisterstück. Frenetischer Beifall am Ende und die Wiederholung des „Halleluja“ als Zugabe lassen diese Aufführung noch lange nachklingen.

5. Oktober 2003 Vera Hewener


 


Wenn das Vereinshaus Fraulautern zur Carnegie Hall wird
Allerheiligen mit “allerlei Traurigkeiten” und expressiver Klangfülle

Man darf ihm gratulieren, dem künstlerischen Leiter der Musiktage in Saarlouis, Wolfram Schmitt-Leonardy. Mit der Wahl der Solisten mausert sich das Veranstaltungsprogramm vom mittelmäßigen zum hochkarätigen internationalen Musikfestival. Wer will da noch von Spar- oder Sachzwängen reden? Im vollbesetzten Vereinshaus Fraulautern stand am Samstag, dem 1. November 2003 ein musikalischer Höhepunkt der besonderen Art auf dem Programm. Cyprien Katsaris gab sich die Ehre, ein weltbekannter Pianist mit internationaler Karriere, mehrfach preisgekrönt. Passend zum Tag lud man zum musikalischen Allerheiligen ein. Was erwartete das Publikum?

Das Konzert begann mit elegisch dunklen Tönen, betont schleppenden Schritt-Tempi. In „Trauervorspiel“ und „Marsch“ von Franz Liszt beschwor er gleich das Thema des ersten Teils des Abendprogramms, “allerlei Traurigkeiten” wie der Festivalleiter zu Beginn einführte. Katsaris hielt nicht lange inne. Nach „Nuages gris“ die „ungarische Rhapsodie Nr. 5“ von Franz Liszt mit verspielten Aufhellungen und zartem Pianissimo. Dem Stück „Schlaflos, Frage und Antwort“ entriss er den Weltschmerz und dynamisierte den Widerstreit zwischen Frage und Antwort, steigerte mit Trauergondel Nr. 2 und R. W. Venezia das quälende Abschiednehmen um schließlich in Isoldes Liebestod von Wagner/Liszt mit expressiver Klangfülle das aufgewühlte Publikum in die Pause zu entlassen.

Anders der zweite Teil. Verinnerlichte, sanfte Töne in betont lyrischem Grundton das „Ständchen“ von Liszt. Das „Ave Maria“ von Schubert geriet zum sinfonischen Kleinkunstwerk. Den Abschluss bildete Franz Schuberts „Klaviersonate B-Dur D 960“. Leicht verhalten das molto moderato, artefiziell das andante sostenuto und Scherzo. Mit einem großartigen allegro ma non troppo riss er das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Katsaris lies sich nicht lange bitten. In der ersten Zugabe, der Bach-Toccata in eigener Transkription und Fuge d-Moll und dem Trauermarsch aus der b-Moll-Sonate von Chopin, versank der Solist vollkommen in seinem Musikreich, virtuos, kompromisslos in der Präzision der angeschlagenen Tonstärken, herausfordernd der voluminöse Klangkörper. Betäubt fiel das Publikum in rhythmisches Klatschen. Die dritte Zugabe widmete er Louis IV mit einem Tanz von Jean-Baptiste Lully. Mit dem Adios einer mexikanischen Komposition verabschiedete er sich endgültig von seinem Publikum, das sich einig war: auf einen derart intensiven, expressiven Klavierabend wird man nun in Saarlouis lange warten müssen.


1.11.2003 Vera Hewener

 

Musikalische Weihnachtseinstimmung mit zwei Chören und zwei Dirigenten
Bach’sches Weihnachtsoratorium mit Abschlussexamen


Aus sechs Kantaten besteht Bachs Weihnachtsoratorium mit der Geschichte der Weihnachtserzählung von der Geburt Jesu bis zur Anbetung des Kindes durch die heiligen drei Könige als historischem Hintergrund. Dem sprachlichen Bedeutungsgehalt der Texte entsprechend umfasst die Vertonung Rezitative, ariosen Gesang, Arien und Choräle. Bachs Komposition erlaubt auch eine von ihm praktizierte, getrennte Aufführung der Kantaten, was auch hinsichtlich der Gesamtlänge von gut vier Stunden durchaus angebracht erscheint. Die Aufführung aller sechs Kantaten bleibt eher die Ausnahme.

Das Vorhaben von Musikprofessor Andreas Göpfert verlangte also Ausdauer sowohl beim Publikum als auch bei den Aufführenden. So ist die Einbindung zweier Chöre ein probates Mittel, um die Aufmerksamkeit nach der Pause wieder ansteigen zu lassen. Die ersten drei Kantaten gestaltete der Kammerchor der Musikhochschule, nach der Pause übernahm die Evangelische Chorgemeinschaft an der Saar, die seit Jahren unter den Fittichen des Musikprofessors probt.

Andreas Göpfert ging die beiden ersten Kantaten gediegen, beinahe zurückhaltend an, was die persönliche Exposition des Stückes durch den Dirigenten anbelangt. Mit klaren Farben und feiner Stimmführung begann der Kammerchor das „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage“. Holger Marks als Evangelist legte den musikalischen Erzählfaden in solides Tenorgewässer, schlank und beweglich. Mit einer wunderbar ausgeglichenen Altstimme, die selbst in den Höhen nichts von ihrer Substanz verlor, verlieh Rosemarie Bühler-Fey der ersten Kantate solistischen Glanz. Wohlklingend ebenfalls die Bassstimme von Ekkehard Abele. Die zweite Kantate schloss sich nahtlos an, Göpfert führte den spannungsarmen Stil weiter. Der Chor folgte seinem Lehrer, an manchen Stellen angestrengt konzentriert die klangschönen Stimmen mit solistischem Tonansatz.

Die dritte Kantate übernahm der siebenundzwanzigjährige Schüler Göpferts, Dimitris Ktistakis, der damit sein Abschlussexamen als Chorleiter ablegte. Im Unterschied zu den vorangegangenen Kantaten seines Lehrers ging Ktistakis die Partitur dynamisch an, forderte von seinem Chor Geschlossenheit und differenzierte Klangstärken, was dem Werk sehr gut tat. Die gegenseitige Wertschätzung der Musikstudenten wurde deutlich spürbar und übertrug sich auch aufs Publikum. Aus der anfänglich wohltemperierten Stimmung erwuchs der musikalische Höhepunkt des Nachmittags. Ktistakis stellte damit eindrucksvoll seine musikalische Reife unter Beweis. Entsprechend auch der langanhaltende Applaus zur Pause.

In der vierten Kantate wechselte der Chor und man durfte auf die Unterschiede zwischen professionellen Sängern und Laien gespannt sein. Das Publikum hörte, was traditionellerweise den Chorgesang ausmacht: aufeinander hörende Stimmen, die miteinander verschmelzen und aus vielen Stimmen einen ausgewogenen Klangkörper formen. Der Laienchor war gut vorbereitet und brauchte den Vergleich mit den Chorsolisten der Musikhochschule nicht zu scheuen.

Im zweiten Teil des Nachmittags dominierte zu Beginn die Sopranstimme von Eva Leonardy. Mit dem Echo-Sopran von Anke Maurer, die zuvor die Chorsolisten verstärkt hatte, gelang eine feingliedrige Arie mit anmutigem Timbre. Die folgenden Kantaten schlossen wieder an den anfänglich gutsituierten Musiknachmittag an, solide, gediegen, jedoch ohne eigeninterpretatorische Präsenz des Chorleiters. Wermutstropfen fielen nur aus den Höhen des Solosoprans in der Arie „Nur ein Wink aus seinen Händen“. Eva Leonardy forcierte dermaßen, dass leichte Schärfen hörbar wurden. Insgesamt erlebten die Zuhörer eine schöne, gut zugebrachte, musikalische Weihnachtseinstimmung mit einem anspruchsvollen Werk in solider Aufführung.

14.12.2003 Vera Hewener

 


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