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 3-86553-203-9
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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Kulturkritik 2004-2005

Ein Glücksfall für die Kirchenmusik
Orgel und Trompete in der Dreifaltigkeitskirche Fraulautern

Kirchenmusik erfreut sich im Saarland zunehmend großer Beliebtheit. Ganzjährige Konzertreihen, angeboten von Fördervereinen, bieten ausreichend Gelegenheiten, sich ein Bild über die musikalischen Qualitäten so mancher Organisten zu machen. So auch in der Pfarrkirche Heilige Dreifaltigkeit des Stadtteils Fraulautern in Saarlouis. Christian Schmitt heißt dort der künstlerische Leiter. Seine bisherige künstlerische Laufbahn ist trotz seines noch jungen Lebensalters von achtundzwanzig Jahren sehr beachtlich. Bei zehn Orgelwettbewerben ging er als Sieger hervor. 2003 erhielt er den Europäischen Kulturpreis der Stiftung „Pro Europa“. Dies zeugt von einem Ausnahmetalent, gefördert und herangereift unter Prof. Leo Krämer an der Hochschule für Musik Saar. Bereits mit sechsundzwanzig Jahren wird ihm die Konzertreife im Fach Orgel mit Auszeichnung bescheinigt. Seine Zusammenarbeit mit Thomas Hammes ist langjährig. Orgel und Trompete sind daher in der Dreifaltigkeitskirche von Fraulautern fast schon zur Pflicht geworden. Der zwei Jahre jüngere Thomas Hammes ist Solo-Trompeter im SWR Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart. Auf die neuerliche Konzertgestaltung durfte man also gespannt sein.

Gleich zu Beginn spürte man die Selbstverständlichkeit der musikalischen Partnerschaft der beiden Solisten. Jean Baptiste Loeillets Sonate in C-Dur stimmte auf ein frisches, lebendiges Programm ein. Hammes mit klarem Tonansatz und strahlendem Impetus. Es folgte ein Orgelsolo . Aus Felix Mendelssohn-Bartholdys Sonate III op. 65 stiegen gesättigte Tonregister auf, arbeitete Schmitt die melodiösen Bögen sorgfältig heraus und steigerte die Spannung mit dramatisch ansteigendem Schwellwerk. Verspielt dagegen die Sonate Nr. 1 von Pietro Baldassare. Sehr bewegt ohne zu hasten das Allegro, leicht wehmütig zurückgezogen das Grace und triumphierend die Trompete im letzten Allegro, besonders deutlich die Korrespondenz der beiden Instrumente, eine exakte Klangmalerei.

Präludium und Fuge in D-Dur von Johann Sebastian Bach standen dem konzentriert lauschenden Publikum nun zu Gebote und Christian Schmitt unterstrich abermals sein musikalisches Können, besonders hervorzuheben dabei das großartige Klanggemälde der Fuge. „Jesus bleibet meine Freude“ ebenfalls von Bach setzte einen Kontrastpunkt. Thomas Hammes spielte herrlich weiche Trompetenklänge mit stark verinnerlichter Tonführung. Den Abschluss machte das Concerto D-Dur von Bach nach Antonio Vivaldi. Ein beschwingter Auftakt ohne in der Lautstärke zu übertreiben die Trompete und reine, getragene Flötentöne auf der Orgel mit einem virtuosen Allegro gaben der Veranstaltung einen angemessenen Ausklang. Für die Kirchenmusik nicht nur in Fraulautern ist Christian Schmitt zweifelsohne ein Glücksfall.

26.03.2004     Vera Hewener

 


Tonstrahlende Soprane mit beeindruckendem Tenorsolisten
Orthodoxe Chorgesänge in der Ludwigskirche

Orthodoxe liturgische Gesänge sind hier im Lande in Konzerten seltener zu hören. Sergej Rachmaninows „Großes Abend- und Morgenlob“ für Chor a capella op. 37 in der Ludwigskirche bot eine außergewöhnliche Gelegenheit. In nur zwei Monaten schuf der Komponist eine Liedfolge, die für die russische Kirchenmusik beispielhaft ist. „Ganznächtliches Wachen“, so der Titel im Original, praktiziert die russisch orthodoxe Kirche an Sonn –und Feiertagen, weshalb das „Große Abend- und Morgenlob“ nicht ohne weiteres als Vesper im Sinne anderer christlicher Traditionen zu vergleichen ist. Man spürt in diesem Werk die tief verankerte russische Seele eines Aristokraten, den die Revolution um die Jahrhundertwende ins Exil zwang. Erst in den siebziger Jahren ließ auch die Sowjetunion diese Musik öffentlich als Kunstwerk zu.

Immer wieder tauchen die Wurzeln russischer Kirchenmusik auf, die bis ins elfte Jahrhundert zurückreichen. Einstimmige Gesänge mit wechselnden Stimmgruppen erinnern an gregorianische Choräle, rufen Rachmaninows Eindrücke wach, die er wohl im Andronew-Kloster gewann, das er heimlich frühmorgens aufsuchte zu einer Zeit, in der er bereits Anerkennung gefunden hatte. Dirigent Christian von Blohn arbeitete mit dem Collegium Vocale Blieskastel diese Stellen intensiv heraus, besonders in den einfachen Wechselgesängen zwischen Bass- und Altstimmen. Immer wieder fallen die Soprane in die Homophonie ein, erzeugen eine harmonische, vielstimmige Klangfülle und verleihen so dem Werk musikalische Vielschichtigkeit. Das ist es auch, was an der Aufführung beeindruckte: kraftvolle Tranzparenz in der Mehrstimmigkeit, tonstrahlende Soprane und ausgewogene, tiefste Basstöne.

Was dem Werk jedoch insgesamt gut getan hätte, wäre ein gediegeneres Fortissimo gewesen. Von Blohn strapazierte seinen hellen Klangkörper über alle Maßen und man konnte nur hoffen, dass die Stimmen der Choristen diesen Anforderungen bis zum Schluss gewachsen sein würden, was denn trotz aller Befürchtungen auch gelang.

Hervorzuheben ist die Tenorstimme von Clemens Löschmann, die trotz dieser Überpräsenz immer über den Chor hinaustrug und dazu beitrug, dass man die getragenen Teile der fünfzehn Lieder genießen konnte. Jörg Abbing blieb nur wenig Gelegenheit, auf der Orgel zu brillieren. Allein das letzte Zwischenspiel legte seine hohe Virtuosität offen, was ihm das Publikum mit einem deutlichen Sonderapplaus dankte.

9. Mai 2004  © Vera Hewener

 

Austropfende Töne mit vehementer Leidenschaft
Barry Douglas auf Tonvisite in Saarlouis

Das Klavierrecital der Musiktage Saarlouis ist zu einem Höhepunkt geworden, was nicht verwundert, schließlich ist Festivalleiter Wolfram Schmitt-Leonardy selbst Konzertpianist. Mit großem Gestus begann der irische Pianist mit Alban Bergs „Sonate Opus 1“. Die neue Tonsprache der Wiener Schule macht sich bei Berg vor allem in der Überantwortung der Musik auf ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten bemerkbar. Sein melodisches Element ist die Quarte. Die harmonische Entwicklung entspricht der affektiven Eigendynamik des musikalischen Prozesses. Barry Douglas versetzte die Tonentwicklung in ein dynamisches Spannungsverhältnis und unterstrich mit abrupten Klangstärkewechseln die sich aufbauenden Tonkaskaden. Am Ende ließ er die Töne austropfen.
Ludwig van Beethovens „Appassionata“ ist eine seiner berühmtesten Klaviersonaten. Die „Leidenschaftliche“, so benannt von Beethovens Verleger, ist ein Tondrama mit aufwühlender Emotionalität. Douglas ließ die Tonschnüre auf- und abperlen, dramatisierte mit peitschendem Anschlag. Erschütternd wie er das Hauptmotiv wieder zurück nimmt, atemberaubend wie er die Tonsalven auftürmt, bis das Schicksalsmotiv anklopft. Auch das Andante, obwohl fast im Ton gedämpft und bewusst verzögert, vehement leidenschaftlich. Beifallsstürme schon zur Pause.

„Bilder einer Ausstellung“ komponierte Modest Mussorgsky in Gedenken an seinen verstorbenen Freund, den Architekten Viktor Hartmann. In zehn Bildern promeniert der Hörer durch ein musikalisches Klanggemälde. Barry Douglas Interpretation: hüpfende, ins Unheimliche laufende Tonfolgen, zarte Romantik, davon eilende Töne, in letzter Sekunde wieder eingefangen, schwere, tiefe Schritte, nachgebendes Pianissimo, Tongewirr, fulminanter Wechsel der Klangstärken, ungestümer Aufbruch und ein monumentaler Ausklang. Frenetischer Beifall entlockte dem weltweit gefragten Virtuosen zwei Zugaben.

20. November 2004  © Vera Hewener

 

Wenn italienisches Belcanto zur Musica Sacra wird
Messe-Oper in der Basilika

Fast das ganze Jahre über kann man in der Basilika in niveauvollen Konzerten dem musikalischem Genuss frönen. Basilikakantor Bernhard Leonardy hat immer etwas Hörenswertes zu bieten. Besonders in der Weihnachtszeit häufen sich jedoch überall Konzerte und Orgelspiel und will man während der musikalischen Hochkonjunktur nicht untergehen, muss man schon mit etwas Besonderem aufwarten. Die Petite Messe solennelle schrieb Gioachino Rossini zu einer Zeit, in der er sich schon zurückgezogen hatte. Ein Spätwerk also und dennoch, unverkennbar die großen Spannungsbögen der italienischen Oper, das Belcanto einer hohen Musikkultur.
Für diese Aufführung bedarf es besonders ausgereifter Solisten, die sowohl Opernerfahrung mit sich bringen als auch das Sakrale einer Messe glaubhaft intonieren können. Was lag da also näher als Solisten des Saarländischen Staatstheaters zu verpflichten. Und Leonardy ließ da nichts im Ungefähren. Er holte die besten Stimmen, fast alle mit Oratorienerfahrung. Einzige Ausnahme Judith Braun, doch die reihte sich wie selbstverständlich in den Reigen dieser hohen Sangeskunst ein.

Damit nicht genug. Auch die Instrumentierung waren mit Wolfram Schmitt-Leonardy am Klavier und Thomas Vogtel am Harmonium ausgezeichnet besetzt. Blieb die Frage nach dem Chor. Das Vokalensemble hat er seit 1983 aufgebaut, also bereits in jungen Jahren und so sind sie sich bestens vertraut, Dirigent und Chorsänger. Bereits das Kyrie war von klarer Transparenz und zarter Stimmführung. Ein ausgewogenes Tutti eröffnete das Gloria. Italienisches Belcanto pur von Algirdas Drevinskas, der das Domine Deus in ein anrührendes Pathos durch tiefe Ernsthaftigkeit im Bekenntniss zu Gott hüllte. Mit weicher Lyrik der Sopran und warmer Tonfärbung der Alt im folgenden Duett. Volker Philippi, der zunächst Posaune studierte und dann erst ins Gesangsfach wechselte, brachte soviel Sonorität in die Töne, dass man sich fragte, wohin mit soviel stimmlicher Substanz. Die Fuge zum Abschluss des Glorias machte deutlich, dass der Chor dem Stück gerecht wurde: frische Klangfarben, ein unaufdringlicher, klarer Sopran und männliche Stimmgruppen, die den Klangkörper wirkungsvoll untermauerten.

Hervorzuheben im Credo das Sopransolo „Crucifixus“. Opernhafte Dramatik im Kampf des Gekreuzigten. Stephanie Krahnenfeld nutzte ihre Bühnenerfahrung und ließ den Kreuzgang erahnen. Das Offertorium komponierte Rossini als religiöses Preludium. Wolfram Schmitt-Leonardy ließ die Tontropfen ausperlen, bevor das Harmonium einsetzte, ein Flehen um Aufnahme in das Reich Gottes mit verinnerlichten, zum Teil zurückgezogenen Tonfolgen. Wirkungsvoll der Einsatz des Tasteninstruments von Schmitt-Leonardy mit einem deutlichen Forte zum Abschluss, das den Weg bereitete für das Sanctus. Der Chor erschütterte mit einem zarten Pianissimo und getragenem Tonansatz. Große Spannungsbögen dann wieder im „O salutaris hostia“ bei Stephanie Krahnenfeld und im „Agnus Dei“ brillierte Judith Braun. Der Chor leitete das „dona nobis pacem“ sehr behutsam mit eindringlicher Intensität ein. Stehende, minutenlange Ovationen beim Publikum.

5.12.04 © Vera Hewener
 

Ein Mekka der Kammermusik: „Es ist so etwas Schönes“

Wolfgang Mertes mit betörendem Geigenspiel und Wolfram Schmitt-Leonardy mit schillerndem Tastenklang im Rathaus Heusweiler

Es hat sich herumgesprochen. Hans Trouvains Kammermusikabende bieten hochklassigen Kunstgenuss. Der Festsaal im Rathaus in Heusweiler war voll besetzt. Mit den Konzertmeistern Wolfgang Mertes, Violine und Wolfram Schmitt-Leonardy, Klavier, erwartete das Publikum Liebesfreud, Liebesleid und Liebestod, Sinnesfreude pur also. Der Auftakt: Ungarischer Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms. Schwungvolle Bogenstriche und bewegte Tastenklänge im präzisen Gleichklang legte die Spur in ein Programm voller virtuoser Höhepunkte, garniert mit köstlichen Anekdoten aus dem Künstlerdasein von Fritz Kreisler oder Sergej Rachmaninow. „Solvejgs Lied“ von Edward Grieg etwa als musikalisches Sinnbild nordischer Fjordlandschaften nahm mit ergreifender Wehmut im Ton bei klarer Artikulation gefangen. Dann „Die Biene“ von Franz Schubert, locker, luftig leicht und verspielt vorgetragen, eine amüsierte Stimmung im Publikum. Was danach folgte, ließ das Publikum um so mehr aufhorchen. Gebannte Aufmerksamkeit und absolute Stille. Franz Schuberts „Leise flehen meine Lieder“ erschauerte mit betörenden Melodienbögen und reinsten hohen Tönen. Paganinis Präludium und Allegro machte deutlich, mit welch technischer Perfektion Wolfgang Mertes brillierte, ein sagenhaftes Glissando, gezupfte Saiten, kurzgestrichenes Allegro mit Raum füllenden Klangwellen, nicht zu vergessen die persönliche Hingabe des Meisters in das Stück, die das Publikum ebenso faszinierte. Wolfram Schmitt-Leonardy vervollständigte diesen Eindruck: hier waren zwei Virtuosen von ausgezeichnetem Format am Werk. Bis dahin stand jedoch die Geige im Vordergrund und nicht nur Mertes bemerkte, dass sein Partner unterfordert war. Eigentlich stand nach der Pause ein Klaviersolo von Claude Debussy auf dem Programm. Doch Schmitt-Leonardy spielte auf Wunsch des Kulturamtsleiters Hans Trouvain die Polonaise für George Sand von Frederic Chopin. Größte Faszination im Rathaussaal. Am Ende lang anhaltender Applaus, zwei Zugaben. Mertes und Schmitt-Leonardy hatten das Publikum sehr beeindruckt und diese wiederum waren von dieser Gunstbezeugung berührt. „Es ist so etwas Schönes“ sagte eine Besucherin. Dem ist nichts hinzu zu fügen.


14. Januar 2005  © Vera Hewener
 

Beethoven’sche Kostbarkeit wiederentdeckt
Christus am Ölberge” als Seelendrama

In vierzehn Tagen schrieb Ludwig van Beethoven sein einziges Oratorium „Christus am Ölberge“, das bei der Uraufführung 1803 im Theater an der Wien wegen seiner unzureichenden Vorbereitung auffiel. Mit dem Libretto von Franz Xaver Huber war Beethoven ganz und gar nicht zufrieden, weshalb er das Werk umfangreich im darauf folgenden Jahr überarbeitete und neue Teile wie den Chor der Engel hinzufügte.

Dennoch feierte es die Presse als spektakulären Erfolg des Komponisten, was diesem den Auftrag zur Oper Leonore einbrachte. Das Werk geriet in Vergessenheit und auch im Saarland hat man es seit 35 Jahren nicht mehr gehört, so erklärte jedenfalls der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Saarlouis. Dass man an diesem Ort ein Gespür für Ungewöhnliches hat, konnte man erst kürzlich erfahren. An den Tagen der Alten Musik TAMIS kam das eigens hierfür neu editierte Oratoriumpasticcio von Händel „Israel in Babylon“ als Abschlusskonzert zur Aufführung.

Christus am Ölberge beschreibt die Szenen vor der Verhaftung Jesus, die unendliche Verlassenheit im Garten Gethsemane bis hin zu seiner Gefangennahme. Die Solopartien Jesus, der Engel Seraph und Petrus dominieren das Musikwerk. In weiten Teilen ist die Partitur solistisch ausgerichtet. Der Chor tritt wie in der Oper zurück, komplettiert die Handlung. Bei den wenigen Einsätzen kommt der Sopran und Alt nur zu Beginn und in der Schlussfuge zum Einsatz. Christian von Blohn hatte diese Einsätze sorgfältig vorbereitet. Die musikalische Dramaturgie glänzte vor allem im Zusammenwirken von Orchester, Solisten und Chor. Eine Bühneninszenierung wäre durchaus denkbar und auch musikalisch angelegt, denn Beethoven schrieb dieses geistliche Werk während der Fastenzeit, in der Opernaufführungen verboten waren.

Das Orchestervorspiel ähnelt denn auch einer Opern-Ouvertüre, nimmt die düstere Seelenstimmung im Aufklang von Fagott, Hörnern und Posaunen in es-Moll vorweg. Das Kreissymphonieorchester Saarlouis unter der Leitung von Manfred Neumann überzeugte insgesamt, lies sich von seinem Dirigenten in opernhafte Phrasierungen führen. Thomas Stroeckens als Jesus glänzte mit klaren Tenortönen, geschmeidigen Höhen und stimmtechnisch überzeugender Fundamentierung, ebenso Eva Leonardy, die in allen Stimmlagen bestens brillierte. Christian Heib verlieh seiner kleineren Rolle wohlklingende tiefste kraftvolle Basstöne. Dirigent Neumann setzte auf Dynamik, baute das Stück langsam auf, setzte auf Pianissimo und getragenes Innehalten, um bei den Choreinsätzen die volle Stärke der Komposition ausfüllen zu können. Gänsehautfakor beim ersten Choreinsatz Chor der Engel, der sich dramatisch steigerte im Chor der Krieger und Jünger und der Schlussfuge „Welten singen Dank und Ehre“ im versöhnlichen c-Dur ausklang. Schade nur, dass nach einer knappen musikalischen Stunde schon alles zu Ende war.

13.3.05 © Vera Hewener

 

„Vivat, vivat“ dem Dirigenten Martin Folz

Grandiose deutsche Uraufführung der Krönungsmusik Napoleon Bonapartes in Saarlouis: eine Sternstunde musikalischer Höchstleistungen
Welcher Ort hätte sich wohl für eine deutsche Uraufführung besser geeignet als Saarlouis, der französischsten deutschen Stadt an der Saar. Wechselvoll ihre Geschichte, die Oberbürgermeister Roland Henz kurz umriss und darüber aufklärte, dass der berühmte Sohn aus Saarlouis Michel Ney noch selbst in der Armee Napoleons als Marschall diente. Gelebtes Europa zelebrierte dann Martin Folz mit dem grenzübergreifenden Musikprojekt, hatte er es doch ermöglicht, dass Musiker und Sänger aus fünf europäischen Nationen zusammenwirkten: Das Sinfonieorchester L’Estro-Armonico aus Luxemburg, der Chorale l’Allegrette de Thionville, der Frauenchor Cantilene aus Überherrn, der saarländische Männerkammerchor ensemble 85 und Solisten aus verschiedenen Ländern Europas.

Martin Folz, hierzulande für sein europäisches Engagement bekannt, man denke da an die Gründung des europäischen Zentrums für Chorkultur oder den grenzüberschreitenden Robert-Schuman-Chor, in dem Jugendliche die Möglichkeit finden, sich musikalisch und kulturell auszutauschen, hatte einen voluminösen Klangkörper geformt, der gleich zu Beginn herausragende Markierungspunkte setzte. Das Vorspiel, komponiert von Le Sueur, ein militärischer Einzugsmarsch mit Piccoloflöten, Trommeln, Pauken und Becken, verstrahlte den festlichen Glanz, mit dem Napoleon 1804 in die Kirche einzog. Giovanni Paisello schrieb eine Messe im italienischen Stil, hin und her pendelnd zwischen Demut und Hymnus, liturgischen Gesängen und opernhafter arioser Dramatik.

Durchgängig zu finden weit gespannte Koloraturen und Melodienbögen und eine fugenartige Instrumentierung. Dramatisch im Tonaufbau das „Qui tollis peccata mundi“, Tenor Max Kiener im Wechselspiel mit dem Chor, wobei der Chorsopran sich als besonders tragfähig erwies: über dem deutlich artikulierten sforzato der Männerstimmen schwebten zarte Tonperlen der hellen Frauenstimmen. Eindrucksvoll intoniert.

Opernhafter Chorsatz auch das „Deus tibi“, wobei insbesondere die Homogenität hervorzuheben ist, Volkes Stimme, ausdifferenziert in allen Phrasierungen. Hier ragten die Männerstimmen des ensemble 85 heraus, ein Klanggebilde mit solistischem Tonansatz.

Das Credo wiederum enthielt vielschichtige Passagen: Harfe, Horn und Streicher setzten im „et incarnatus est“ Glanzpunkte im Orchester, das „et resurexit“ löste die Spannungsbögen wieder auf, beeindruckend hier Sieglinde Schneider mit schlanker, beweglicher Sopranstimme und substantiellem Volumen auch in den Pianostellen, die Sopranistin, die während des gesamten Konzertes höchste Anforderungen zu meistern hatte. Immer wieder übernahmen hier die Streicher die Motive von Horn und Harfe.

Die Krönungszeremonie schließlich, hörbar im „Gloria patrem“, mit Donnerschlägen der Pauken inszeniert, geriet zu einem einzigen Hymnus. Die grandiose Vollendung im „Vivat, vivat“, komponiert von Nicolas Roze, schritt majestätisch voran mit Piccoloflöten und Trommeln, gipfelte im Choreinsatz, der mit überwältigender Klangfülle den Kirchenraum überflutete und das andächtige Publikum mitriss in die vergangene Zeit eines großen Imperators.

Wohltönend auch die Bassstimme von Benoit Giaux, während Sabine Zimmermann als weiterer Sopran das Solistenquartett ergänzte ohne aufzufallen. Die eigentliche Stärke der Aufführung lag in der ausgeprägten Klangdynamik, die Martin Folz immer wieder von seinem Klangkörper einforderte, ein präzises Dirigat, vom Pianissimo aufschwingend in selbstbewusst präsentierte Fortepassagen, ohne dabei auch nur ansatzweise zu überdrehen. Ein begeistertes Publikum erwies dieser Sternstunde musikalischer Höchstleistungen seine Huldigung mit minutenlangen, stehenden Ovationen und wollte nicht eher ruhen, bis das „Vivat, vivat“ noch einmal erklang. Es galt nicht nur der Komposition, es galt auch dem Mann der Stabführung Martin Folz, der dieses außergewöhnliche kulturelle Ereignis möglich gemacht hatte.

© Vera Hewener
 


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