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Minimalkonsens
© Vera Hewener
Sie haben versucht, mich zu berauben, mir klar zu machen, dass all das, was sie an Mauern und Gräben errichtet, nur einem einzigen Zweck diente: die Perspektive zu wechseln.
Auf dem Fundament, das unbedingte Nähe findet, hält sich der eigene Verrat in Grenzen. Die Turmbauer schickten Häscher aufs Land, schnell war für Vorteilsnehmer die Tauschbörse eröffnet. Viele sind dabei schon reich geworden.
Dieses Land hat hohe Berge aufgehäuft und tiefe Löcher gegraben. Inmitten der Minenfelder bewegen sich die Kampfgenossen leicht. Sie haben den Sprengsatz selbst gelegt, sie wissen um die Kraft der Explosion.
Ich für meinen Teil entschärfe die Munition täglich neu, um die Luft, die ich atmen muss, sauber zu halten.
Zumindest darin stimmen wir überein.
aus: Eine Neigung aus Blau
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Warteschlange
© Vera Hewener
Wen soll das Signal erschrecken, das der Hochgeschwindigkeitszug von sich blies? Die Fahrgäste sitzen bedächtig überm Laptop und spielen mit der Maus.
Der Wald fliegt unerkannt an der Luke vorbei, Duft kommt aus dem Luftschacht, die Stewardess serviert Kaffee.
Alles ist im Lot, die Angst tot, das Wetter uninteressant. Die Kabinen im Komfort der Edelleute schützen vor Wind und Wetter.
Die Ankunft ist unspektakulär, die Durchsage professionell. Hinter der Absperrung warten Ungeduldige. Sie wollen auch einmal durchstarten
im Zug des schnellen Vorwärtskommens, auf der Vorfahrtstraße, bedingungslos und unaufhaltsam, ohne Ampeln und Einbahnstraßen, eingeschlossen im Stahlkorsett, mit Computerstimme im künstlichen Licht.
aus: Eine Neigung aus Blau
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Spätfolgen
© Vera Hewener
Und alle, die sich lieben, klatschen mit. Diesen Kindergarten gibt es noch. Manche klatschen heute noch.
Viele wissen nichts mit ihren Händen anzufangen. Sie buddeln im Sand, bauen Burgen mit hinterhältigen Kanälen, streuen sich Sand in die Augen, Wüstensturm.
Verdammt heiße Sandkuchen. Verdammt heiße Schokolade. Verdammt scharfe Schnitte.
Wenn die Sonne scheint, werden aus Risse Spalten, aus Gefallenen Opfern, die Wüste zum Totengräber.
aus: Eine Neigung aus Blau
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Bestandsaufnahme
© Vera Hewener
Sie drängen sich im Discount kaufen no name oder Hausmarke
Die Heizung abgesenkt die Duschzeiten verkürzt
Weihnachtsgeschenke gestrichen das Festessen reduziert
Kleider müssen länger halten Die Größen haben sich verändert
Das Auto in die Garage gestellt den Drahtesel aufpoliert
Den Urlaub zu Hause neu entdeckt Den Garten auf Vordermann gebracht
Beim Nachbarn den Häcksler ausgeliehen die Pflanzenwelt erkundet
Schnee fällt jetzt wieder im eigenen Land Wir kennen die Wirkung der Orkane
Wir trinken Pfefferminztee und backen kleinere Brötchen
Wir sind richtig alternativ geworden
aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken
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Gauklerelite
© Vera Hewener
Im Abitur gesonnt, das Studium begonnen. Kommilitonen feilgeboten als Elite, Diplom und Promotion als Starterpack-Rendite, den Existenzkampf von vornherein gewonnen.
Die Welt rief sie herbei, die frischen Mammonjünger, die aufpoliert im Glanz, bereits Zigarrenraucher, designertreu gestylt der Markenendverbraucher, wird ausgestreut im Business, dient ihm als Wachstumsdünger.
Den Rucksack aufgefüllt, mit Nasdaq und mit Denglisch, stolziert die junge Herrschaft. Der kühle Zahlengleisner hofiert schon vor dem Ziel als Zinsrekord-Verheißner vom Gott der Geldvermehrer. Die Preisung ist vergänglich.
Im Wettbewerb der konkurrierenden Monaden gekämpft, von Gott befreit und egoistisch, fernab der Staatsidee der Blick. Kapitalistisch versinkt, was scheinbar elitär, im Schein des Haben.
Im Tanz der Fegefeuer der schönen Eitelkeiten die Zeit verplempert. Welch trauriges Profitchen! Wenn dann der Markt ihn greift am Aktienkursschlafittchen, das Arbeitsamt ihn quält mit Zahlungseinzelheiten.
Die Unglücksraben mit Laptop in der Warteschleife, mit Makel Kündigung gehörnt, Symbol des Scheiterns, geläutert angetreten zwecks Horizonterweiterns im Club der Ruheständler als Golfspieler mit Pfeife.
Das Wirtschaftsideal als Heldenhypothese enteilt jedoch der Tragik. Die Unzulänglichkeit verfehlte die Prozente, nicht Ausweglosigkeit. Der Deprimismus ist die Bourgeoisie-Prothese.
In Krisenzeiten leckt sich allemal die Wunden, wer glaubt, das Opfer eines Börsentiefs zu sein. Wer unbeirrt als Aktienknecht sich hat geschunden, fällt auf die Gaukelei ein zweites Mal herein.
aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken
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Sprechblasenbildung
© Vera Hewener
Vier Jahre liegt es schon zurück, doch spür ich’s immer noch vertraut das sinnentleerte Wortgetös’ der Menschen, die stets überlaut in Stimmkohorten, Ausfallschritt sich schmücken mit der Bärenhaut, dem Wunschgefühl, das nur mit Schmerz der andern weilt, die abgebaut.
Die Stimmen sintern quotenweis im Kampf des trögen Stadtpirat, des stumme Gier vergraben späht. Aus grauer Kluft, Betonquadrat, ein Echo weint und schallt zurück, in Scham gelöst Geschichtsverrat. Das liberale Pathos schmäht sich selbst: es frönt dem Dummspagat.
Aus Ruinen aufersteht der schnöde Kollektivsalon, hat just gelernt, was Ächtung heißt und wechselt schnell zum Frustjargon. Sie schlagen in der Not vereint aufs hippe Yuppie-Bataillon gemeinsam zu. Die schütten flugs die Brühe ins Politsyphon.
aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken
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