ISBN
 3-86553-203-9
WiKu-Verlag 18,65

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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Gegenwartslyrik

Gegenwartslyrik

Minimalkonsens

© Vera Hewener

Sie haben versucht, mich zu berauben,
mir klar zu machen, dass all das,
was sie an Mauern und Gräben errichtet,
nur einem einzigen Zweck diente:
die Perspektive zu wechseln.

Auf dem Fundament, das unbedingte Nähe findet,
hält sich der eigene Verrat in Grenzen.
Die Turmbauer schickten Häscher aufs Land,
schnell war für Vorteilsnehmer
die Tauschbörse eröffnet.
Viele sind dabei schon reich geworden.

Dieses Land hat hohe Berge aufgehäuft
und tiefe Löcher gegraben.
Inmitten der Minenfelder
bewegen sich die Kampfgenossen leicht.
Sie haben den Sprengsatz selbst gelegt,
sie wissen um die Kraft der Explosion.

Ich für meinen Teil entschärfe die Munition
täglich neu, um die Luft, die ich atmen muss,
sauber zu halten.

Zumindest darin stimmen wir überein.

aus: Eine Neigung aus Blau

Warteschlange

© Vera Hewener

Wen soll das Signal erschrecken,
das der Hochgeschwindigkeitszug von sich blies?
Die Fahrgäste sitzen bedächtig überm Laptop
und spielen mit der Maus.

Der Wald fliegt unerkannt an der Luke vorbei,
Duft kommt aus dem Luftschacht,
die Stewardess serviert Kaffee.

Alles ist im Lot, die Angst tot,
das Wetter uninteressant.
Die Kabinen im Komfort der Edelleute
schützen vor Wind und Wetter.

Die Ankunft ist unspektakulär,
die Durchsage professionell.
Hinter der Absperrung warten Ungeduldige.
Sie wollen auch einmal durchstarten

im Zug des schnellen Vorwärtskommens,
auf der Vorfahrtstraße,
bedingungslos und unaufhaltsam,
ohne Ampeln und Einbahnstraßen,
eingeschlossen im Stahlkorsett,
mit Computerstimme im künstlichen Licht.

aus: Eine Neigung aus Blau
 

Spätfolgen

© Vera Hewener

Und alle, die sich lieben, klatschen mit.
Diesen Kindergarten gibt es noch.
Manche klatschen heute noch.

Viele wissen nichts
mit ihren Händen anzufangen.
Sie buddeln im Sand, bauen Burgen
mit hinterhältigen Kanälen,
streuen sich Sand in die Augen,
Wüstensturm.

Verdammt heiße Sandkuchen.
Verdammt heiße Schokolade.
Verdammt scharfe Schnitte.

Wenn die Sonne scheint,
werden aus Risse Spalten,
aus Gefallenen Opfern,
die Wüste zum Totengräber.

aus: Eine Neigung aus Blau

Bestandsaufnahme

© Vera Hewener

Sie drängen sich im Discount
kaufen no name oder Hausmarke

Die Heizung abgesenkt
die Duschzeiten verkürzt

Weihnachtsgeschenke gestrichen
das Festessen reduziert

Kleider müssen länger halten
Die Größen haben sich verändert

Das Auto in die Garage gestellt
den Drahtesel aufpoliert

Den Urlaub zu Hause neu entdeckt
Den Garten auf Vordermann gebracht

Beim Nachbarn den Häcksler ausgeliehen
die Pflanzenwelt erkundet

Schnee fällt jetzt wieder im eigenen Land
Wir kennen die Wirkung der Orkane

Wir trinken Pfefferminztee
und backen kleinere Brötchen

Wir sind richtig alternativ geworden

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken

        Gauklerelite

        © Vera Hewener


        Im Abitur gesonnt, das Studium begonnen.
        Kommilitonen feilgeboten als Elite,
        Diplom und Promotion als Starterpack-Rendite,
        den Existenzkampf von vornherein gewonnen.

        Die Welt rief sie herbei, die frischen Mammonjünger,
        die aufpoliert im Glanz, bereits Zigarrenraucher,
        designertreu gestylt der Markenendverbraucher,
        wird ausgestreut im Business, dient ihm als Wachstumsdünger.

        Den Rucksack aufgefüllt, mit Nasdaq und mit Denglisch,
        stolziert die junge Herrschaft. Der kühle Zahlengleisner
        hofiert schon vor dem Ziel als Zinsrekord-Verheißner
        vom Gott der Geldvermehrer. Die Preisung ist vergänglich.

        Im Wettbewerb der konkurrierenden Monaden
        gekämpft, von Gott befreit und egoistisch,
        fernab der Staatsidee der Blick. Kapitalistisch
        versinkt, was scheinbar elitär, im Schein des Haben.

        Im Tanz der Fegefeuer der schönen Eitelkeiten
        die Zeit verplempert. Welch trauriges Profitchen!
        Wenn dann der Markt ihn greift am Aktienkursschlafittchen,
        das Arbeitsamt ihn quält mit Zahlungseinzelheiten.

        Die Unglücksraben mit Laptop in der Warteschleife,
        mit Makel Kündigung gehörnt, Symbol des Scheiterns,
        geläutert angetreten zwecks Horizonterweiterns
        im Club der Ruheständler als Golfspieler mit Pfeife.

        Das Wirtschaftsideal als Heldenhypothese
        enteilt jedoch der Tragik. Die Unzulänglichkeit
        verfehlte die Prozente, nicht Ausweglosigkeit.
        Der Deprimismus ist die Bourgeoisie-Prothese.

        In Krisenzeiten leckt sich allemal die Wunden,
        wer glaubt, das Opfer eines Börsentiefs zu sein.
        Wer unbeirrt als Aktienknecht sich hat geschunden,
        fällt auf die Gaukelei ein zweites Mal herein.

        aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken

         

      Sprechblasenbildung

      © Vera Hewener

      Vier Jahre liegt es schon zurück, doch spür ich’s immer noch vertraut
      das sinnentleerte Wortgetös’ der Menschen, die stets überlaut
      in Stimmkohorten, Ausfallschritt sich schmücken mit der Bärenhaut,
      dem Wunschgefühl, das nur mit Schmerz der andern weilt, die abgebaut.

      Die Stimmen sintern quotenweis im Kampf des trögen Stadtpirat,
      des stumme Gier vergraben späht. Aus grauer Kluft, Betonquadrat,
      ein Echo weint und schallt zurück, in Scham gelöst Geschichtsverrat.
      Das liberale Pathos schmäht sich selbst: es frönt dem Dummspagat.

      Aus Ruinen aufersteht der schnöde Kollektivsalon,
      hat just gelernt, was Ächtung heißt und wechselt schnell zum Frustjargon.
      Sie schlagen in der Not vereint aufs hippe Yuppie-Bataillon
      gemeinsam zu. Die schütten flugs die Brühe ins Politsyphon.

      aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken
       


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