ISBN
 3-86553-203-9
WiKu-Verlag 18,65

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Vera Hewener
Die Website für Literatur, Kultur und Gesellschaft

Gedichte gegen Gewalt und Unterdrückung

Gedichte gegen Gewalt und Unterdrückung

 

Treibjagd

© Vera Hewener

Die deine Flucht nach innen verfolgen
bemächtigen sich deiner Worte.
Alle Indizien am Wegrand
markiert halt ein!
Die bloße Versuchung reicht aus,
Jäger aufzuspüren.
Sie begrenzen das Land,
das sie dir zugestanden.
Halt ein und hau deinen
Grenzzaun ins Land,
Schlag für Schlag
der Verfolgung entgegen.
Auch wenn sie dir Freiheit versprechen,
ihre Mordlust ist ungebrochen.

aus: Vermisstenanzeige

 

Brandwunde

Zum Anschlag auf die Synagoge in Erfurt, Pessach 20. Nissan 5760

© Vera Hewener


1

Seht wie die Sonne sich
um die Kränze wiegt
die im Augenblick des Zerfalls
aus der Erde stechen
Kränze die keinen Namen tragen
oder viele

Wer weiß ob der Kranz
der Mahnwachenden
den Namen nachfolgt
auf sich nehmend
die stummen Schreie der Sterne

Werft nicht Feuer
dem Feuer hinterher
Nicht brennen
soll euer Tun den Niegescheiten
brennen soll euer Atem
dem staubformenden Du


2

Verteilt eure Augen
auf den Himmel der Gestirne
ergreift das Licht

nicht lange zu warten
bleibt vor dem
Dynamit der Geschichte

Die neuesten Zählungen
verraten dem Totengräber
das Gewicht des Sprengstoffs

legt Sand auf die Flamme
bevor die Entzündung
neue Leiber erreicht

aus: Vermisstenanzeige

 

Feiertag

© Vera Hewener

Was bist du mir,
mein liebes Land,
das einst sich selbst begrub:
masochistische Heimat,
entrückter Traum,
politisches Allerlei.

Wenn die Einheit eint,
singen alle das Deutschlandlied.
Jeder Einheitstag ein Gedenktag
für die Ermordeten, Gefallenen,
Vergewaltigten, Vertriebenen.

Nationale Feiertage,
mit Blutschrift geschrieben,
ins Heldenhafte überhöht,
mit Paradigmen chiffriert,
im Völkischen gebannt.

Menschenfeiertage,
unerschütterliche Hoffnung,
Glaubensfrage,
Zukunftsvision,
in Menschenliebe verrannt.

aus: Bist Himmel mir und tausend Feuerfunken
 

Gespräch zwischen zwei Lebenden

© Vera Hewener

„Man überlebt nicht aus Liebe!“
„Weshalb sonst?“
„Aus dem Willen zu leben.“
„Leben wofür?“
„Wir leben für das Leben, weil dies das
Leben von uns fordert.“
„Das Leben fordert zu leben, nicht den Tod?“
„Das Leben in dieser Welt ist ein perpetuum mobile. Es bewegt sich ohne unser Zutun.“
„Wozu braucht es dann Lebende, wenn gelebt wird, ohne zu leben?“
„Das Leben, das nicht lebt, ist ein Organismus,
eine Ansammlung von Molekülen, von Gegenpolen zusammengehalten. Es lebt, auch wenn es nicht
lebt!“
„Aber wozu? Wozu soll ein nicht Lebender leben?“
„Ein passiver Organismus ist der Gegenpol zum
Aktiven. Schiede das Passive aus, zerfiele auch das Aktive. Es würde sich in Nichts auflösen.“
„So braucht das Leben Untote, um nicht selbst tot zu sein?“
„Das schrieb schon Aristoteles: sein ewiges Prinzip vom Aktiven und Passiven.“
„Das bedeutet, von zwei Menschen darf nur einer leben im Leben?“
„Du hast es erfasst, das ist die Ergänzung, die natürliche Bestimmung. Denn was geschähe, wenn alles Leben aktiv wäre?“
„Es wäre kein Platz mehr, um am Leben zu sterben.“

aus: eine Neigung aus Blau

New York 11. September 2001

© Vera Hewener

Gibt es noch Unbedenkliches? Nach dem Terror?
Gab es das je? Vielleicht und vorbei.
Im Inferno von New York starb die Hoffnung.
Sie sah lange aus wie Waffenstillstand.
Die Ruhe ist zur Ruhe gekommen
und schreit’s hinaus, eine Fratze
aus tausendundeiner Nacht.

Die Metallwaben bieten keine Heimat mehr
für Kulturen, Religionen und Nationen.
Die Brandskulptur ragt über den Ascheresten.
Gedanken hängen an den rauchgeschwärzten Stäben,
die Hinterlassenschaft der Todgeweihten.
Ihre Arme winken uns zu, dem freien Fall
der Körper folgt das Niemandsland.

Im Staub des Unvorstellbaren
wühlen jetzt Soldaten mit Spezialausrüstung,
robben sich durch Steinwüsten
und tragen Verletzungen zu Grabe,
die durch Töten nicht verheilen.

Sammellager bleiben zurück
mit immer hungernden Kindern.
Ihre Seelen sind so tot wie die Getöteten.
Wer trägt die Trauer der Ungezählten,
die im Bürgerkrieg verloren? Wir und die anderen?
Wer hat in die Augen der Frierenden gesehen?
Du und ich? Frieren wir auch? Hungern wir auch?
Haben wir Durst? Vergessen und abgeschoben.

aus: Eine Neigung aus Blau

Nachricht aus Niemandsland

© Vera Hewener


Wir erben den Geist, wir erben den Schrecken,    wir erben die Lust am Todesspiel.
Das Dunkel, es schwelt noch gedankengebunden, 
hängt Schilder an Straßen: Deutschland befiehl.
                                                  
Wir sehen sie wieder, wir starren verschlossen,
wir mauern uns frei, die Wegweiser stehn.
Den Kopf ausgetrunken, den Mund abgewischt.
Die Luft aus Asche wird nie verwehn.

Sie färbt unsren Frühling, legt sich in die Sonne,
sie malt in die Wolken Namen aus Nichts.
Die Chöre des Säenden pflügen die Felder.
Es öffnen sich langsam Spalten des Lichts.

Wir können nicht lachen, wir können nicht weinen,
uns zeichnet auf ewig die Todesspur,
uns werden noch viele Winter zerfrieren,
wir flehen, wir hoffen auf Jom Kippur.

aus: Vermisstenanzeige

Verständigung

© Vera Hewener

„Mein Rippchen“,
sagte das Knochengerüst,
„bau dich in meine Lenden ein,
ich wirbele dich im Leben herum,
dass dir schwindlig wird.“
„Dank dir, du treusorgendes Skelett“,
sagte das Rippchen, „ich brauche
deine Sorgen nicht. Ich fliege lieber
Kettenkarussell.“

„Mein Rippchen“,
sagte das Knochengerüst,
„ergänze meine Halswirbel,
sonst ist dein Stand gefährdet.“
„Dank dir, du haltloses Skelett“,
sagte das Rippchen,
„ich habe einen eigenen Stand.“

„Mein Rippchen“,
sagte das Knochengerüst,
„verbinde meine Brustwirbel,
damit du richtig atmen kannst.“
„Dank dir, du luftleeres Skelett“,
sagte das Rippchen,
„zum Atmen ist überall Luft.“

„Mein Rippchen“,
sagte das Knochengerüst,
„wenn du jetzt nicht gehorchst,
breche ich dir sämtliche Knochen!
Keine Rippe kann ohne
Knochengerüst leben!“
„Armes Knochengerüst“,
sagte das Rippchen,
„ohne die fehlende Rippe
wirst du nie laufen können.“

aus: Eine Neigung aus Blau

 

 

Alter jüdischer Friedhof in Saarbrücken

© Vera Hewener
 


Hoch hallen die Stadtgeräusche
schlagen gegen die Straßenwand
deren Echo im Stern 
des gealterten Gemäuers vibriert

an diesem Ort der Ruhestätte
ist die Mauer ein letzter Schutz
durchlässig für eine Sprache
die hier kaum noch jemand spricht

das Öllämpchen verlor längst
seine Flamme in der Verwitterung
im Morast der gefallenen Blätter
wühlt ein kleiner Vogel

Die das Tor aufschließen
suchen nach Gräbern
wo Steine wie Seelen sind
 


aus: Vermisstenanzeige

 


  • Denkstunde
    für Paul Celan


    © Vera Hewener

    Bittre Blätter Geschichte, wir essen sie täglich, wir essen sie täglich,
    an deine Väter, mein Deutschland, an deine Täter denk ich.
    Seh’ ich den Staub vor den Augen der Väter,
    seh’ ich den Staub vor den Augen der Kinder,
    eurer Kinder, ihr Väter, eurer Kinder, ihr Täter,
    Kindertäter, mein Deutschland, Kindertäter seh’ ich.

    Ein junger Deutscher wirft Steine, schlägt blutig den Nachbarn,
    grölt laut deinen Namen, deinen Namen, mein Deutschland,
    im Namen der Väter, mein Deutschland,
    Kindertäter in Deutschland, Kindertäter seh’ ich.

    Da draußen wachsen Parolen aus alten Tagen der Väter,
    den Tagen der Täter aus Deutschland, Todesschwadronen sind unterwegs.
    Sie rufen die Helfer herbei, sie strömen, sie strömen,
    die neuen Helfer, mein Deutschland, die Helfer der Kindertäter,
    die Väter der Täter, die Mütter der Täter,
    wie schreibt man die Namen, Deutschland, Kindertäter seh’ ich.

    Es kommen die neuen Tage, es kommen neue Geschichten,
    neue alte Geschichten, aus neuen alten Köpfen, aus neuer schwarzer Tinte,
    es kommen Geschichten aus Deutschland, Geschichten Kinderväter,
    Geschichten von Kindertätern, mein Deutschland, Kindertäter seh’ ich.

    Da draußen wächst wieder das Schweigen,
    da draußen versiegen die Rufe, die Rufe der Opferväter,
    die Rufe der Opfermütter, wer schreibt sie, wer greift sie auf?
    Wann wird das Schweigen verstummen, wann werden die Rufe gehört,
    die Rufe der Retter und Richter, die Rufe der Denker und Dichter?
    Wann wird es laut in Deutschland; die Stimmen der Toten,
    mein Deutschland, die Stimmen rufen dich.

    Die blinden Helfershelfer versagen den Opfern die Rechte,
    Rechte der Menschen in Deutschland, Rechte der Opferkinder,
    das Recht auf das Recht, mein Deutschland, das Recht zu leben such’ ich.
    Es kommen dunkle Zeiten, es kommen schwarze Tage,
    Opfertage in Deutschland, Todesopfer seh’ ich.

    Die Meisterschüler, mein Deutschland, die Kinder, die Enkel der Väter,
    sie finden wieder Helfer, Helfershelfer für Täter.
    Die Helfer der Helfershelfer schütteln die Hände und lachen.
    Es geht ein Lachen durch Deutschland, das Lachen der Meisterschüler,
    das Lachen der Helfershelfer, mein Deutschland, geißelt dich.

    Bittre Blätter Geschichte, wir essen sie täglich, wir essen sie täglich,
    an deine Toten, mein Deutschland, an deine Opfer denk ich.

     

Abrüstung

© Vera Hewener

Wir liegen im
Krieg mit dem Krieg
Früher
bekriegten wir uns
Heute
bekriegt uns der Krieg
Der Frieden
bekriegt den Krieg
Der befriedete Krieg
bekriegt den Frieden
Der bekriegte Frieden
bekriegt
den befriedeten Krieg

In: Am Kap der guten Hoffnung. Literatur und Provokation. Die Blaue Eule. Essen 1990.
Und: Theaterzeitung. Hrsg. Saarländisches Staatstheater, Jahrgang 3 (1985/86) Nr. 7, Februar 1986. Saarbrücken.
Aus: 'Novembrisches Bittersüß' 1986.












 

AschenPuttel

© Vera Hewener

Keine Wegweiser mehr
An der Kreuzung ausgetauscht
Die Richtung stimmt
nicht mehr
Ich fahre liebe zurück
in die Zeit
vor mir und falle
in einen Bombenkrater
ersaufe im BlutBad
der Gefallenen
Ich röchele, ersticke
in der Luft
Sauerstoff hat sich
zurückgezogen
zu wertvoll
für unseren Feuerball
zerspringt
durch Menschenhand
Ich setze mich
auf eine Erdscholle
und aschenputtle
aus dem Neuzeitalter

In:  Am Kap der guten Hoffnung.
Literatur und Provokation. Die Blaue Eule. Essen 1990. Aus : 'Novembrisches Bittersüß' 1986.


 

Dahinter

© Vera Hewener

Ein Stück Land
meineigenundnichtdein
Ein Baum
meinwaldplatzidylle
Eine Wiese
meinblumenfeldduft
Eine Mauer
undradioaktivluft

In: Theaterzeitung. Hrsg. Saarländisches Staatstheater, Jahrgang 3 (1985/86) Nr. 7, Februar 1986. Saarbrücken. Aus:  'Novembrisches Bittersüß' 1986.

Kommausdirherausmensch

© Vera Hewener

war Schneckenhauskriecher
mit Abschirmgehäuse
Bombe fiel zerknallt
die Festungsmauern
über ihm roter Feuerball
mit Weltallschleuder
Venus verbrannte
Seine Randausläufer

In:  Am Kap der guten Hoffnung. Literatur und Provokation. Die Blaue Eule. Essen 1990.  Aus :' Novembrisches Bittersüß' 1986.


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