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Blauäugig oder die Erlösung von der Angst
© Vera Hewener
Diese furchtlosen blauen Augen strahlten. Ihre Helligkeit leuchtete aus einem Wahnwitz zwischen kindlichem Staunen und ungerechtfertigter Gutmütigkeit. Diese Stärke schuf Idyllen, glasklar, unumgänglich, unwiderruflich. Jeder, der sich in diese Blauäugigkeit flüchtete, bedankte sich hinterher mit der Geste des Gedemütigten.
Er war einer der letzten großen Lehrer, der die Weltreligionen verteidigte wie andere ihr Reihenhaus. Wer ihm in die Augen schaute, verlor seine nagenden Zweifel. Ohne Frage, sollte er sterben, wären die Weltreligionen ohne Beistand geblieben. So pilgerten der Papst und der Ayatollah zu ihm, um ihm zu huldigen und sein Wohlgefallen zu erringen.
„Großer Meister“, sprach der Papst, „was geschieht mit der Kirche, wenn die Christen ihren Glauben verlieren?“
Der Blauäugige sah ihn an, schwieg eine Minute und fragte: „Verlören die Christen ihren Glauben an die Kirche, verlören sie auch ihren Glauben an Gott?“
Der Papst dachte nach: „Kirche und Gott sind eine Einheit. Wie kannst du sie trennen?“
„Gott schuf die Kirche. Aber die Kirche selbst ist nicht Gott. Du sollst keine fremden Götter neben mir haben, sprach Gott zu Moses. Wenn die Kirche mehr Macht ausübt als Gott, betrügt sie ihren Schöpfer. Die Christen aber wollen Gott lieben. Gehe hin, lege deine Tiara ab und sei ein Apostel Gottes. Dann werden die Christen auch ihre Kirche wieder lieben.“
Der Papst war verwirrt. „Aber wer soll ihr Führer sein und ihnen sagen, was richtig oder falsch ist?“
„Gott wird es ihnen sagen, wenn du durch ihn sprichst.“
„Großer Meister”, sprach der Ayatollah, „was geschieht, wenn niemand mehr für seinen Glauben sterben will?“
Der Blauäugige wandte sich ihm zu: „Stürbe kein Moslem mehr für die Verbreitung seines Glaubens, stürbe auch das Paradies?“
„Das Paradies ist der Inhalt unseres Lebens. Nur, wenn wir es erreichen wollen, wird Allah uns nicht verdammen.“
„Allah ist groß, sein Paradies wird nicht kleiner, wenn die Moslems einen natürlichen Tod wählen. Deine Pflicht ist es, den Koran zu lehren, nicht Andersgläubige töten zu lassen. Gehe hin, widerrufe alle Todesaufrufe und verbreite die Sunna. Dann steht das Paradies allen Moslems offen.“
Verwirrt ergriffen beide gemeinsam das Wort: „Großer Meister, wie sollen Christen und Moslems miteinander leben, wenn es nur einen Gott gibt und jeder behauptet, sein Gott sei der einzig Wahre?“
„Der Geist des Universums zeigt sich jedem anders. Sein Schöpfungswille wird ständig neu geboren. Keine Gottheit reinkarniert sich jedoch im widernatürlichen Tod. Menschen fürchten den Tod. Der Tod aber garantiert die Wiedergeburt. Dies ist das Zeugnis, das der Geist des Universums hinterlässt. Die Wahrheit lehren alle, die einen Glauben haben. Jeder Glaube ist Wahrheit. Das Unverrückbare unserer Existenz jedoch liegt jenseits des Universums. Wir können es nicht zurechtbiegen, damit es in einen Glauben passt.“
Der Papst verstand nicht und sagte: „Wir werden wiedergeboren im Reich Christi.“ Der Ayatollah sagte: „Wir werden wiedergeboren im Paradies.“
„Die Wiedergeburt entspricht der Schöpfung. Die Erlösung ist keine Frage der Definition. Sie ist der Schlüssel zur Wahrheit. Bewahrt den Schöpfungsgedanken in eurem Glauben. Dann werden Christen und Moslems zu Hütern der Schöpfung und ihre Wahrheit wird dauern. Der Geist des Universums wird euch begleiten.“
„Sollen wir unseren Gott verleugnen?“ fragten beide fassungslos.
„Ihr sollt euren Gott nicht verleugnen, ihr sollt ihn erkennen. Aussöhnung verlangt Verstehen. Ohne die Mühsal, beide Glaubensrichtungen gelten zu lassen, werdet ihr den Schlüssel nicht finden.“
„Dies widerspricht der Lehre Christi und Allahs. Christus wird sein Reich nicht für Moslems öffnen und Allah sein Paradies nicht für Christen.“ „Jeder gehe in sein Reich, so werden beide bestehen bleiben. Vernichtet jedoch einer den anderen, stirbt auch die Schöpfung. So wird niemand erlöst. Überwindet ihr die Angst vor der drohenden Vernichtung durch den anderen, wird die Schöpfung wiedergeboren.“
„So sollen wir beide uns die Hand reichen um erlöst zu werden?“
„So ihr das tut, befreit ihr die Menschen von der Geißel des Hasses. Welcher Gott gewährt dafür nicht Erlösung?“
Der Papst und der Ayatollah sahen sich an. Sie zögerten. Langsam erkannten sie, dass sie beide Menschen waren. Sie begannen zu staunen. Sie verbeugten sich vor dem Blauäugigen und machten sich gemeinsam auf den Weg, um die Weltreligionen vor dem Untergang zu bewahren.
aus: Vermisstenanzeige. Gewidmet den ermordeten Juden des Naziregimes. Vera Hewener. Georg Lingenbrink. Norderstedt 2000.
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