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Berliner Metamorphosen oder die Suche nach deutschen Standbildern
© Vera Hewener
Samstag, zweiter Oktober neunzehnhundertdreiundneunzig. Ein Nachmittag vor dem dritten Vereinigungstag. Ich stehe mitten in Berlin. Zum ersten Mal! Um Menschen aufzuspüren, die über vierzig Jahre eingekesselt lebten, um Mensch zu hören, für die Westberlin wie eine Oase wirken musste, jene anderen Deutschen, für die die Nachkriegszeit anders begonnen hat. „Ik war erst dreimale hier. Verloofe mich jedetmal am Kudamm. Es iss viel zu teua, wa? In de Nebenstraßen kannste war koofen, in de kleenen Jeschäfte oder in’n Kaufhäusern.“ Die Ostberlinerin wirkt zufrieden. Keine sehnsüchtigen Blicke auf die prunkvollen Auslagen. Haute Couture oder Schmuckstücke? Achthundert Mark der Rock von Joop, das Kostüm eintausendvierhundert. Oder eine Rolex gefällig? Na ja, wer kann sich das bei uns schon leisten? Auch Westdeutsche müssen rechnen. Vor’m Europacenter steigt der Lärm merklich an. Eine buntgemischte Menschenmenge verteilt sich auf die Ruhebänke, die Bäume einzäunen und um die Kaffeetische der Straßenlokale und Restaurants. Ich setze mich, die Füße noch nicht wundgelaufen, brennen tun sie aber. Um meine Ohren Serbokratisches. Jetzt erkenne ich sie, Hütchenspieler. Eine Horde junger, kräftiger Männer streunt zwischen den Bauminseln vor meinem Arreal. Sie suchen Opfer. Aggressive Körpergebärden wecken meinen Adrenalinfluss. Ich bin nicht allein auf meinem Bankkreisel. Offensichtlich wollen sie nichts von mir und meinen ruhebedürftigen Sitznachbarn. Ein kleines weißes Briefchen wechselt den Besitzer. Der Junkie sieht abgemagert aus. Illegale Geschäfte blühen. Links, unweit vor meinem Ruhebaum, ein weiterer Junkie, bietet nagelneue Lederstiefel an. Diebesgut? Wo bin ich hier? Ich fasse um meine Handtasche. Was hat dies alles bitteschön mit meinen Vereinigungsgedanken zu tun? Großstädte bergen ein hohes Potential an Kriminalität. Das weiß man doch! Weshalb sollte gerade Berlin da eine Ausnahme sein? Ich tröste mich, ertappe mich dennoch bei Sauberkeitswünschen, infantilen Vorstellungen von der sogenannten guten deutschen Zeit. Soll sie wieder anbrechen oder andere Zeiten ausbrechen? – Entscheiden kann ich mich nicht, nein, ich wünschte mir nur, ein gutes Gefühl haben zu können bei dem Gedanken, in der alten und neuen deutschen Hauptstadt zu sein. Meine Verdrängungsstrategien deutscher Geschichte funktionieren jedoch nicht. Aber wüsste ich nicht, das ist Berlin, nichts würde mich wundern. All jene notgedrungene Existenzen fielen mir gar nicht auf. Diese offene Verelendung gehört ins Bild einer Großstadt. Das ist der Preis, den die Westdeutschen schon lange zahlen. Nur, dass es keiner mehr wahrnimmt. „Es jeht uns bessa“, sagt die Ostberlinerin, „sicha, einfach iss et ebend nich. Aber wir ham jetzt allet. Wenn meene Bekannten klagen, frag ik se, wollt a denn wieder zurück? Niemand will det, wa! – Aba det schreibt ja keena.“ Ja, ja, denke ich, was dem einen recht ist dem anderen noch lange nicht billig. Ich muss weiter. Schließlich wollt ich historischen Boden betreten. Fahr ich mit der S-Bahn oder ruf mir eine Taxe? Lieber Taxe. Diese Umsteigerei ist mir als Autofahrerin ungewohnt. Außerdem Bahnhof Zoo. Noch mehr Elend? Mir reicht’s! Wir fahren zehn Minuten auf der Straße des siebzehnten Juni. Höhe Potsdamer Platz steige ich aus. Die Weite beeindruckt mich. Menschen schauen alle interessiert zur Seite oder nach oben. Touristen wie ich. Ich geh’ durch das Brandenburger Tor. Wo ist mein erhabenes Gefühl, einig deutsches Vaterland? Was wächst hier zusammen, was doch zusammen gehörte? Japanische Videokameras vertreiben mich von meinem Standpunkt. Ich starre die Quadriga an. Siegeswagen. Welcher Sieg, frag ich mich, und über wen oder was? Weshalb bin ich so verunsichert, schließlich geht es mir doch aus gut? Die zugeschütteten Mauerumrisse, oder sollt ich sagen, der abgerissene Schutzwall, zeigt zumindest noch geographisch die Trennung an. Zwei dicke Mauerblöcke hintereinander, dazwischen Stacheldrahtreusen. Ich höre Gewehrfeuer. Die Angst steigt mir tief in die Glieder. Imaginäre Scheinwerfer blenden mich und durch das Megaphon: „Bleiben Sie stehen, sie verlassen den Boden der deutschen demokratischen Republik!“ Ein Knall. – Jemandem ist der Fotoapparat aus der Hand gerutscht. Ich höre viele Stimmen, geducktes, geheimnisvolles Flüstern, Rufe. Es ist nur eine neue Reisegruppe. Das alte Reichstagsgebäude strahlt ehrwürdige Ruhe aus. Auf dem großen Vorplatz ist mittlerweile Rasen eingesät, Heckenumrandungen gepflanzt, Sitzplätze hergerichtet. – Ich spüre die Verzweiflung, die mir aus dem Boden entgegenschlägt. Die Todesschüsse haben Friedhofsruhe hinterlassen. Der Vorplatz eine Ruhestätte oder eine Todesgruft? – Ich kann mich wieder nicht entscheiden. Das, was ich fühle, lässt keine eindeutige Aussage zu. Eine Führung durch das Gebäude möchte ich nicht. Außerdem ist die letzte Gruppe sicherlich schon drin. Es ist spät geworden und die Dämm’rung zwingt mich zur Umkehr. Noch einmal wandert mein Blick um das Reichstagsgebäude auf die andere Seite der Spree. Die schroffen Rückfronten der Hochhäuser tragen noch vereinzelt die Fenstergitter. Ich wünschte mir, ich könnte stolz sein, bei dem Bekenntnis: „Ich bin eine Deutsche.“ – Doch es hat seine Bedeutung verloren.
aus: Vermisstenanzeige. Vera Hewener. BoD GmbH Norderstedt 2000.
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