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Bad Hofgastein
© Vera Hewener
27.12.2000
Radon ist das Edelmetall, das die Münzen hier zum Klingen bringt und all jenen, die sie ausgeben, Regeneration verspricht. Nach vier Jahren bin ich wieder hier, hier in Bad Hofgastein. Mir scheint, dass sich nichts verändert hat. Die Berge glänzen in der Sonne und das Kurzentrum behütet nach wie vor seine Ruhe. Die Stätte der Gesundheitspflege zieht immer noch mehr ältere als jüngere Jahrgänge an. Bad Hofgastein umwirbt an diesem späten Vormittag ein warmes Licht, das auf seine Besucher ausstrahlt. Die Pensionen, Kurhotels und Therapiezentren sind weihnachtlich hergerichtet. Der Schmuck der Fassaden verschönert das ohnehin malerische Straßenbild. Auch die Privathäuser sind gepflegt. Man findet nur wenig Nachlässiges in den Seitengassen. Es ist nicht überall Erste Klasse, aber fraglos mittelständisch. Hier könnte man sein Alter zubringen, nichts regt auf. Ob dies allerdings dauerhaft zum Wohlbefinden beiträgt, weiß ich nicht. In dieser Ruhe könnte man auch lebendig begraben sein. Das Panorama ist traumhaft. Der Tourismus hat ihm nichts anhaben können. Der Tourismus hat es mitgeschaffen. Ob er es auch irgendwann wieder zerstört? Was bliebe zurück, wenn die Gäste ausblieben? Was bleibt zurück, wenn die Gäste weiterhin kommen? Hier sagt man ‚Grüß Gott’ und obwohl ich diesen Gruß zuletzt vor über dreißig Jahren dem Pastor und der Schwester meiner Gemeinde entbot, kommt er ganz natürlich über meine Lippen. Mir ist, als wäre die Zeit stehen geblieben, die Tradition ungebrochen, zumindest vordergründig. Österreich, das Land der Könige und Kaiser, der Sissi und der Donaumonarchie. Wie viele Klischees liegen in diesen Grenzen und wie viel Ungesagtes frisst hinter den Fenstern die Seelen auf? Regt sich etwas hier, seit dem Haider die Menschen im In- und Ausland verschreckte? Ich bemerke nichts davon. Die Suche nach Erholung ist unpolitisch. Ich nehme die Eindrücke dieses Ortes ohne Blessuren auf, sie tun mir gut. Das Licht, das vom Stubnerkogel aus die Wolken durchdringt, scheint bis in die letzten Winkeln. Es überfällt auch mich und zaubert eine Freude, die alles Bedenkliche aus dem Augenblick verbannt. Dies ist eine Wohltat, kann ich doch sonst meist nur die Schatten wahrnehmen, das Graue, das auch Schönes trübt. Angesichts dieses Gefühls beschließe ich, mich ganz der Frische der Bergluft hinzugeben, frei zu atmen und Kraft aufzunehmen, die mir wohl bald wieder fehlen wird. Auch wenn mein Kreislauf des öfteren streikt, stört mich dies nicht. Die Ruhepausen schenken mir Zeit, mit Muße in den Himmel zu schauen. In der Fußgängerzone begegnet man dem Aufmarsch der Nerzmäntel. Man spricht italienisch. Das Gediegene der gut Betuchten durchbrechen die Skifahrer, die Sportlichen, Lässigen. Es ist bunt und das ist gut so. Und während ich mit meiner Kamera die Gegenwart festhalte, nähert sich die Mittagszeit mit dem Geruch feiner Speisen. Ich sollte mir eine Pause gönnen und meiner Nase das Sagen überlassen.
28.12.2000
In der Nacht hat es geschneit und um sechs Uhr in der Frühe regt sich schon das Leben. Laternenlicht ruht auf dem Kirchenplatz und leuchtet die angrenzenden Straßen aus. Es ist still und so schallt jedes Geräusch in die Höhe. Jemand geht mit seinem Hund Gassi, das Räumfahrzeug drückt den Schnee von der Straße, einige eilen bereits davon. Den Neuschnee zeichnen bald Spuren menschlicher Gesellschaft. Als ich um zehn Uhr das Hotel verlasse, sind bereits viele auf den Beinen. Ich habe den Eindruck, dass neue Gäste angekommen sind, so viele Menschen sind in der Fußgängerzone anzutreffen. Der Schnee rieselt in wässrigen Flocken und ich schlage meine Kapuze über den Kopf. „Es sind doch Deutsche da“, sagt eine Österreicherin zu ihrem Begleiter. Mit deutschen Gästen hat man wohl weniger gerechnet und wundert sich nun, dass einige sich nicht haben abschrecken lassen. Gesprochen wird überwiegend Weanerisch, ansonsten hört man italienisch, englisch und russisch. Heute gehe ich über die Kurpromenade, vorbei an der Gemeindeverwaltung und dann ins Kongresszentrum. Ich erkundige mich über die abendliche Rodelfahrt und setze mich anschließend in den Lesesaal. In den Salzburger Nachrichten steht ein Artikel über die Suche nach qualifizierten Internet-Spezialisten in Österreich. Die Schwierigkeit läge darin, dass Österreich kein Einwanderungsland sei und man der globalen Marktentwicklung hinterherrenne. Die Frage, ob Spezialisten wohl nach Österreich kommen würden, wird mit einem Vergleich deutscher Ausländerfeindlichkeit beantwortet. In Deutschland würden ausländische Arbeitnehmer auf der Straße angegriffen, dies geschehe in Österreich nicht. Und weiter berichtet man von Zollfahndungen nach deutschen Rindfleischimporten. Offensichtlich ist die Presse nicht gut auf Deutschland zu sprechen. Der Boykott hat lesbare Spuren hinterlassen. Der Lesesaal ist gut besetzt und da keine andere Zeitung mehr frei ist, mache ich mich wieder auf den Weg. Diesmal will ich mir die Schlossalmbahn ansehen, eine Standseilbahn. Die Skifahrer bevölkern die Wartezone und wenig später kommt sie angefahren, die Seilzugbahn. Wie viele Personen sie wohl fasst, frag ich mich und ich muss an das Unglück am Kitzsteinhorn denken. Ob man in diesem Gefährt überleben würde, sollten die Seile reißen? Wohl kaum. Ich habe gesehen, was ich sehen wollte und spaziere in Richtung Kurpark. Es ist diesig, die Schneewolken hängen tief ins Tal und die Sonne lässt auf sich warten. Dennoch gerate ich in eine Schneelandschaft, die ich seit längerer Zeit so nicht mehr gesehen habe. Der Kurteich ist leicht übergefroren, einzelne Sträucher stechen aus der Eisschicht. Der Schnee hat weiße Kugeln daraus geformt, Wattebälle, deren Anordnung rein zufällig ist. Am Ende des Teichs ist die Wasseroberfläche noch offen. Wildenten tauchen darin herum und hüpfen auf die dünne Eishaut. Auf großen alten Tannen liegt der Schnee handbreit auf. Bei leichten Windstößen fällt er hin und wieder zu Boden, eine Winterwelt, geeignet für ein Postkartenbild. Nur die Sicht ist durch den Dunst stark getrübt. Die Hänge des Kreuzkogels sind weiß verhüllt, einige Berghütten sind zu sehen, die Schwaden ziehen an ihnen vorbei. Ich laufe die Wiener Allee hinunter, die 1985 den Wiener Besuchern gewidmet wurde. Die Gasteiner Ache säumen auf der anderen Seite Wohnhäuser. Von deren Fenstern aus muss man eine schöne Aussicht auf den Kurpark haben. An der 1936 erbauten Achenbrücke verlasse ich den Wanderweg und laufe in den Ort, der sich Hundsdorf nennt. Hier ist es weniger feudal, aber immer noch ansehnlich. Mir scheint, die ortsansässigen Hofgasteiner sind eher in diesem Viertel zu finden. Doch die Zeit, mich auf ein Gespräch einzulassen, bleibt nicht. Meine Jacke ist vom Schnee schon durchnässt und ich muss zurück, bevor ich mich erkälte und mir einen Schnupfen hole.
29.12.2000
Es ist Freitag. Mein Weg führt mich wieder ins Ortszentrum. Ich suche das Hotel Alpina, das ein eigenes Hallenbad vorweist. Ursprünglich wollten wir in dieses Hotel. Es war jedoch ausgebucht. Vom Zentrum der Ortsmitte aus gelange ich in wenigen Minuten an das Haus, dessen Thermeneinheit von außen sichtbar ist. Ein Glaspavillon gewährt Einblick auf Kurgäste, die sichtlich entspannt auf Liegen die Zeit genießen. Der Eingang liegt auf der anderen Straßenseite. Auch er ist mit Tannengirlanden umrankt, wirkt weniger feudal, aber dennoch einladend. Das Hotel muss viele Gäste aufnehmen können, so groß wie seine Ausmaße sind. Ich bedaure für einen Moment, dass keine Zimmer mehr frei waren und wandere wieder über Seitenstraßen zurück in die Fußgängerzone. Im Lesesaal kann ich diesmal die Frankfurter Zeitung erhaschen. Es ist weniger Betrieb und so setze ich mich an ein Fenster mit Ausblick. Das Weltgeschehen ist nicht ermutigend. Dieser Jahreswechsel lässt nicht viel Gutes zurück. Während ich einen Artikel des Vorsitzenden der Bundesärztekammer zur Embryonenforschung lese, spricht mich eine etwa achtzigjährige, sehr gepflegte Dame an. „Sie haben die Frankfurter Zeitung! Ich komme extra wegen dieser Zeitung her. Könnte ich sie nach ihnen bekommen? Ich sitze da hinten am Fenster, sehen sie. Aber lassen sie sich ruhig Zeit, meine Tochter kocht heute, da kann ich warten. Wir haben hier keine so gute Zeitung wie diese, mein Kompliment.“ Sie versichert mir weiter, warten zu können, ich soll in Ruhe zu Ende lesen. Dann geht sie zu ihrem Fensterplatz zurück. Jetzt fällt es mir schwer, konzentriert weiter zu lesen. Ich muss den Artikel zweimal lesen. Meine Einstellung zur Embryonenforschung ändert sich nicht. Es ist jedoch beruhigend zu wissen, dass auch Mediziner das Klonen von embryonalen Stammzellen aus rein wissenschaftlichen Gründen ablehnen. Die Forschung beansprucht lediglich die sogenannten überzähligen Embryonen aus künstlichen Befruchtungen, da diese ohnehin getötet werden müssten. Stimmungsaufhellend ist dies alles nicht. So überfliege ich das Feuilleton und bringe der netten Hofgasteinerin das lang ersehnte Journal. Ich bummele durch die Einkaufstraße und gehe in ein Sportgeschäft, da ich seit längerer Zeit gerne einen typisch alpinen Strickpullover kaufen will. Ich hoffe, dort ein zu mir passendes Teil zu finden. Und tatsächlich, ich habe Glück. Voller Freude verlasse ich die Einkaufsstätte und mache mich auf die Suche nach weiteren Mitbringseln.
30.12. 2000
Der Tagesbeginn überrascht mit Neuschnee. Dieser Schnee ist nicht wässrig. Er hat sich über das gesamte Stadtbild gelegt und übertrifft meine Vorstellungen von Winter. Ich muss die Kamera holen und filmen. Dies muss ich aufbewahren für weniger schöne Zeiten. Wieder kommen mir Bilder aus vergangenen Zeiten vor Augen. Damals, als ich noch keine Überlegungen zum Leben und Überleben anstellen musste, als ich noch mit großen Augen alles um mich herum ohne Reflexion aufnehmen konnte und die Natur abmalen wollte. Dieses Verlangen packt mich auch jetzt, ein Bild zu malen von diesem Wunder an Natur. Es ist außergewöhnlich schön und ich bedaure, dass meine Tage schon vorüber sind. Die Sonne blinzelt am Horizont, wir haben Kaiserwetter. Ein rund herum schöner Tag erwartet mich und das letzte, was ich von diesem Ort mitnehme, ist die Vergegenwärtigung, dass es doch noch Winter gibt. Das weiße Kleid der Landschaft schimmert und glitzert. Die Straßen sind vollkommen weiß, der Verkehr ist erlahmt. Die Spaziergänger setzen bedächtig einen Schritt vor den anderen. Heute muss man Zeit aufbringen und Zeit ist das einzige, was mir jetzt fehlt. Ich weiß, irgendwann komme ich wieder her und bis dahin muss mir mein Filmmaterial ausreichen.
aus: Lichtflut. Reisenotizen in Lyrik und Prosa. Vera Hewener. BoD Norderdstedt GmbH. 2001.
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